Medien RHEINPFALZ Plus Artikel Bizarre Offenbarung: Was Springer-Chef Mathias Döpfner so denkt

Aus der Ex-DDR eine Agrar- und Produktionszone mit Einheitslohn machen: Mathias Döpfner.
Aus der Ex-DDR eine Agrar- und Produktionszone mit Einheitslohn machen: Mathias Döpfner.

Ostdeutsche? Werden nie Demokraten. Klimawandel ist gut, Trump auch. Die „Zeit“ hat Mails des Springer-Chefs Mathias Döpfner an seine engsten Mitarbeiter veröffentlicht.

„Die ossis sind entweder Kommunisten oder faschisten. Dazwischen tun sie es nicht. Eklig.“ „Vielleicht sollte man aus der ehemaligen ddr eine Agrar und Produktions Zone mit Einheitslohn machen.“ Im Februar 2020 heißt es: Angela Merkel, die Bundeskanzlerin zu der Zeit, habe den Verstand verloren. Wie immer alles in Privat-Rechtschreibung verfasst, Kommata-los und mit zahllosen Vertippern. Corona, war da was? „Eine Grippe“. Und zur „Umweltpolitik“: „Ich bin sehr für den Klimawandel. Zivilisationsphasen der Wärme waren immer erfolgreicher als solche der Kälte.“

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat Mails von Springer-Chef Mathias Döpfner veröffentlicht, die an einen engen Kreis gegangen sind, verantwortliche Chefredakteure, Zeitungsmacher, hochrangige Medienmenschen seines Verlags. 2021 waren auch Aufrufe, Wahlkampf zu machen, dabei. Döpfner an „Bild“-Chef Julian Reichelt: „Please Stärke die FDP“, „unsere letzte Hoffnung“: „It’s a patriotic duty“ – eine patriotische Pflicht.

Es ist ein kleines Beben, die „Zeit“-Indiskretion, das das geistig-moralische Antlitz des Autors der Mails zur Kenntlichkeit erschüttert. Denn der da sein Weltanschauungsherz ausschüttet, ist kein Irgendwer.

Von oben herab

Früher Musikkritiker, jetzt Milliardär, Mathias Döpfner ist nicht nur der Vorstandsvorsitzende der Europäischen Aktiengesellschaft Axel Springer SE, dem Mega-Medienkonzern aus Deutschland. Er ist auch deren Großaktionär. Ein mächtiger Mann, zweifelhafter Doktor der Musikwissenschaft, der früher über James Last schrieb, bevor er als Darling bestimmter Leute Karriere machte. Voran Axel Springers Witwe Friede, die ihm ein Milliardenaktienpaket an Anteilen und ihr Stimmrecht geschenkt hat.

Döpfner ist 60 Jahre alt, zwei Meter groß. Architektensohn. Ein Riese, der herabschaut vom Turm seiner Potsdamer Villa und der megalomanen, von Weltstar-Baumeister Rem Koolhaas gebauten Unternehmenszentrale auf der ehemaligen deutsch-deutschen Grenzlinie in Berlin. Was er so wuchtig meint, ist so auf- wie einflussreich: Elitedenken. Das lässt „die Medien“ einmal mehr – leider – im schiefen Licht erscheinen.

Breitbeinig im Olymp

Döpfner war bis vor kurzem noch Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV). Springer, einem der größten deutschen Medienkonzerne, gehört die „Welt“. Und die „Bild“. Der Konzern, der in 19 Ländern mit journalistischen Angeboten präsent ist, macht trotzdem seine Geschäfte hauptsächlich im Reich des Digitalen – unter anderem mit Job- und Immobilien-Portalen. Die Zukunft? Amerika, wo man mittlerweile mehr Journalistinnen und Journalisten (3400) als die New York Times unterhält.

Unter der Ägide des Trump-Fans Döpfner hat die Springer SE, die zur Hälfte den US-Investmentfonds KKR und CPPIP gehört, 2015 für 300 Millionen Euro das US-Wirtschaftsportal „Business Insider“ erworben. 2021 für eine Milliarde Dollar „Politico“, eine Agenda-setzende US-Netzzeitung mit europäischem Ableger, die von sich behauptet: „Nobody knows politics like Politico“ – niemand kennt die Politik so wie Politico. Was man dort wohl von den breitbeinig versendeten Expertisen des Chefs hält?

Man solle Trump den Friedensnobelpreis verleihen, und diesen „ibama wieder wegnehmen“, schrieb Döpfner so an seine Getreuen, von denen ja einer offensichtlich seine Mails geleakt haben muss, als Trump im Januar 2020 den iranischen General Süleymania liquidiert ließ. „ibama“ gleich Obama. Schon auch erstaunlich, wie schnoddrig und ungeschützt da jemand aus dem Olymp heraus, in dem er sich selbst verortet, die für andere geltenden orthografischen und sonstigen Gepflogenheiten für unnötig erklärt.

Verpeilter Kompass

Von intoleranten Muslimen und all dem anderen „Gesochs“ schreibt er. Für ihn unmöglich, dass der FDP-Politiker Thomas Kemmerich Anfang 2020 nicht Thüringens Ministerpräsident wird, „nur weil ein paar demokratisch gewählte afd wichser ihn gewählt haben.“ Und zu seinem „Kompass“ zählt er: „Was Ficken und solche Sachen betrifft – Fritz zwo: jeder soll nach seiner Fasson (oder facon)“. Später allerdings fürchtet er offensichtlich, dass ihm diese Haltung noch auf die Füße fällt. Als er wegen Missbrauchsvorwürfen unter Druck gerät, die auf der Basis auch „solcher Sachen“ gegen seinen Männerfreund, den Ex-„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt, erhoben werden, justiert er die Richtung nach.

Vor allem eine „New York Times“-Recherche vom 17. Oktober 2021 machte ihm zu schaffen. „Die Story hat das Potential uns in den USA zu killen“, so Döpfner bang. Am Tag danach ist Julian Reichelt entlassen worden. Passiert ist dann allerdings so gut wie nichts, auch weil sein Vorstand und die Investoren bei der Stange geblieben sind. „Geräuschlosigkeit ist schön. Aber nicht das Ziel hier“, kommentierte der Europachef des Anteilseigners KKR, Philip Freise, den Fall Reichelt, zu dem in den USA eine Millionenklage gegen Springer eingereicht worden ist. „Was zählt ist das Ergebnis. Da ist ein großartiger CEO am Werk“. Dieses „business as usual“, das übliche Geschäft, viele vermuten, dass es auch jetzt einfach so weiterläuft.

Noch mehr Enthüllungen?

„Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich mit Mathias meinen Nachfolger gefunden habe“, ließ Döpfners Mentorin Friede Springer einmal verlauten. „Nie“, erklärt sie bei jeder Gelegenheit, dürfe Journalismus Politik machen. Und nun? Nichts. Derweil ist für nächste Woche ein Springer-Schlüsselroman von Benjamin von Stuckrad-Barre angekündigt, der einst den Fall Reichelt dadurch ins Rollen brachte, dass er eine SMS seines Ex-Kumpels Döpfner veröffentlicht hat.

Außerdem erscheint am 11. Mai das Buch „Ich war Bild“ von Kai Dieckmann, 16 Jahre lang Chefredakteur. Dann offensichtlich in Ungnade gefallen. „Kai hat BILD aus Sehnsucht nach bürgerlicher Anerkennung zu politisch korrekt gemacht“, heißt es in einer der jetzt veröffentlichten Döpfner-Mails. Dieckmann seinerseits will „eine rasante Erzählung voller Enthüllungen“ bieten. Pech für ihn, denn was kann da noch kommen?

Letzte Meldung

Am frühen Abend hat sich Döpfner doch noch geäußert, in Springers Intranet: Er habe „natürlich keinerlei Vorurteile gegen Menschen aus dem Osten Deutschlands“. Derweil hat unter anderem der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Carsten Schneider (SPD), Döpfners „Rauswurf“ gefordert. Dieser, sagte er t-online, sei „an der Spitze eines Verlages mit dieser publizistischen Macht und mit Blick auf die wichtige Rolle der Medien für unsere Demokratie endgültig nicht mehr tragbar“.

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