Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Bei der US-Wahl gibt es ein Ziel: 270 Stimmen im „Electoral College“

Wahlkampf in Michigan: Hier siegte Donald Trump 2016, aktuell liegt er dort laut Umfragen klar hinter Joe Biden.
Wahlkampf in Michigan: Hier siegte Donald Trump 2016, aktuell liegt er dort laut Umfragen klar hinter Joe Biden.

Um Präsident der USA zu werden, muss ein Kandidat gar nicht die Mehrheit der Stimmen im Land erringen. Wieso das so ist und warum am 3. November erst einmal gar kein Sieger feststehen könnte.

Amerika wählt – was heißt das genau?
Am 3. November ist Wahltag in den Vereinigten Staaten. Vier Jahre nach der Wahl Donald Trumps zum Staatschef steht wieder eine Präsidentenwahl an. Trump kandidiert erneut. Sein Hauptgegner ist Joe Biden, der frühere Vizepräsident an der Seite von Präsident Barack Obama. Aber es gibt noch andere Abstimmungen, die ebenfalls wichtig sind: Alle 435 Abgeordnetensitze in der unteren Kammer des Kongresses und 35 der 100 Sitze im Senat, der oberen Kammer des US-Parlaments, werden neu vergeben. Außerdem gibt es in den Bundesstaaten zahlreiche Landtags- und Kommunalwahlen. In 13 Staaten beziehungsweise US-Territorien wird der Gouverneur neu bestimmt.

Wird Donald Trump wiedergewählt?
Das kann durchaus sein. Im Moment liegt er in den Umfragen hinten. Aber das war auch 2016 der Fall. Spezialisten für US-Umfragestatistiken bewerten seine Chance mit 1 zu 7. Also in sechs von sieben Szenarien siegt Joe Biden, in einem Trump. Seit 1996 Bill Clinton wiedergewählt wurde, hatte kein Kandidat so gute Umfragewerte wie derzeit Joe Biden.

Was heißt das: Szenarien?
In den meisten Ländern, wo Staatschefs an der Urne und nicht im Parlament gewählt werden, gewinnt derjenige, der die meisten Stimmen hat. In den USA ist das anders, weil es sich um eine Republik aus 50 einzelnen Bundesstaaten handelt. In jedem dieser Staaten gibt es genau genommen eine eigene Abstimmung über den Präsidenten. Es gibt also eine große Zahl unterschiedlicher Möglichkeiten, wie es ausgehen kann: wie viele und welche Staaten ein Kandidat gewinnt. Unsere Grafik auf dieser Seite stellt dar, wie es laut Umfragen jeweils aussieht.

Wie kann das sein: Wer nicht die meisten Stimmen hat, gewinnt trotzdem?
Seit Jahrzehnten ist das immer wieder passiert, vor allem bei den siegreichen Kandidaten der Republikaner-Partei von Präsident Trump. Nur George W. Bush 2004 gelang es, tatsächlich die Mehrheit aller Stimmen im Land zu gewinnen. 2000 hatte er das nicht – und wurde trotzdem Präsident. Trump holte 2016 mehr als drei Millionen Stimmen weniger als Hillary Clinton von der Demokraten-Partei – und siegte dennoch, weil er die richtige Mischung aus einzelnen Bundesstaaten gewann.

Wie kommt es, dass manche Bundesstaaten wertvoller sind als andere. Ist das nicht ungerecht?
Ja, streng genommen ist das Prinzip, dass jede Wahlstimme gleich viel wert sein sollte, ausgehebelt. Das ergibt sich aus der US-Verfassung, die das sogenannte Wahlleute-Gremium („Electoral College“) vorsieht. Das sind sozusagen Delegierte, die technisch gesehen bis heute die tatsächlichen Bestimmer der Präsidentschaftswahl sind. Außerdem gibt es Bundesstaaten, wo aufgrund der Zusammensetzung der Wählerschaft das Ergebnis schon vorab feststeht, und andere, wo Wahlen traditionell knapp ausgehen. Diese nennen Experten „Schlachtfeld-Staaten“ („Battleground States“) oder „Schaukel-Staaten“ („Swing State“), wo es hin- und hergehen kann zwischen den beiden großen US-Parteien der Republikaner und der Demokraten. In Swing States fällt also am Ende die Entscheidung für das Gesamtrennen. Dazu gehören diesmal (wieder) Florida und Ohio, aber auch Iowa, Georgia und Maine.

Wie berechnet sich die Anzahl der Delegiertenstimmen?
Die Anzahl der Delegiertenstimmen pro Bundesstaat entspricht der Anzahl der Abgeordneten im US-Kongress. Diese variiert nach der Größe der Bevölkerung eines US-Staats. Kalifornien ist deshalb 55 Stimmen wert und ein kleiner Staat wie Delaware zum Beispiel nur drei. Am Ende siegt, wessen Siege in einzelnen Bundesstaaten mindestens 270 Wahlleute ergeben. Insgesamt sind es 538.

Wegen der Covid-19-Pandemie ist es doch gefährlich, ins Wahllokal zu gehen. Wie lösen die Amerikaner das Problem?
Es wird damit gerechnet, dass wegen der Pandemie so viele US-Wähler wie noch nie per Briefwahl abstimmen werden. Bereits eine Woche vor dem Wahltag am 3. November gab es daher schon mehr Frühwähler als 2016, als es 57 Millionen waren.

Wie hoch ist normalerweise die Wahlbeteiligung insgesamt?
2016 stimmten nur 55,5 Prozent der damals 250 Millionen Wahlberechtigten ab. Traditionell liegt die Beteiligung zwischen 50 und 60 Prozent bei Präsidentschaftswahlen.

Welcher Ausgang wird für die Parlamentswahl, also des Kongresses, erwartet?
Die US-Demokraten von Kandidat Joe Biden dürften ihre Mehrheit im Abgeordnetenhaus halten. Im Senat, wo sie aktuell die Minderheitsfraktion sind, könnten sie die Mehrheit erringen – wenn sie genügend bisherige Republikaner-Sitze erobern. Wahlstatistiker haben Zigtausende Szenarien durchgespielt und kommen auf eine Chance von 73 von 100, dass die Demokraten künftig im Kongress durchregieren könnten. Wäre heute die Wahl, sehen Umfragen die Demokraten bei 51 und die Republikaner bei 49 Sitzen im Senat. Aber neun der 35 Rennen sind so knapp, dass sie so oder so ausgehen könnten.

Wann steht das Wahlergebnis fest, vor allem in der Präsidentenwahl?
Üblicherweise lässt sich anhand von Nachwahlbefragungen bereits am Wahlabend der Sieger vorhersagen. 2016 war am Folgetag um 6.35 Uhr deutscher Zeit klar, dass Donald Trump uneinholbar vorne lag. Diesmal aber könnte es viel länger dauern: Wegen der hohen Anzahl von Briefwählern könnte die Auszählung noch mehrere Tage oder gar Wochen fortgesetzt werden. Die Regeln dazu variieren je nach Bundesstaat. Sowohl Trumps als auch Bidens Lager sind darauf vorbereitet, im Zweifel vor Gericht zu ziehen. Mehrfach hat Trump angedeutet, eine Niederlage nicht hinnehmen zu wollen, weil er von Wahlfälschung ausgehen müsse. Am Ende könnte das Oberste Gericht entscheiden. Ein durchaus diskutiertes Schreckensszenario wäre, dass es wegen der aufgeheizten Stimmung im Land nach der Wahl zu militanten Ausschreitungen kommt.

War schon Vizepräsident, will jetzt als Chef zurück ins Weiße Haus: Joe Biden, hier beim Wahlkampf in Georgia.
War schon Vizepräsident, will jetzt als Chef zurück ins Weiße Haus: Joe Biden, hier beim Wahlkampf in Georgia.
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