Reportage
Baerbocks schwierige Mission in Mali
Kaum hat die Airbus-Maschine der Bundeswehr vom Flughafen der malischen Hauptstadt Bamako abgehoben, nehmen fünf mit automatischen Gewehren bewaffnete Soldaten Position auf der erhöhten Ladeluke der Maschine ein – wie zu einer Opernaufführung. Zu ihren Füßen kauert die rund 50-köpfige Delegation, die Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) auf ihrem Besuch in die westafrikanische Kriegsregion begleitet. Wer jetzt eine Arie erwartet, wird allerdings enttäuscht. Stattdessen setzt die Maschine rumpelnd auf dem Flugplatz des Militärstützpunkts in Gao auf, ab jetzt wird das Libretto von der harschen Wirklichkeit diktiert. Und der schier unerträglichen Hitze.
Das Thermometer zeigt 39 Grad an, vergangene Woche sei es auf 51 Grad geklettert, sagt ein Hauptmann zur Begrüßung im Camp Castor. „Falls wir unter Beschuss geraten sollten: Auf den Boden werfen, an die Schutzwälle ankuscheln und verharren“, rät der Offizier. „Immer mal wieder klopfen hier unsere Nachbarn an.“ Islamistische Extremisten haben das Feldlager in Gao wiederholt unter Beschuss genommen – im vergangenen Juni wurden bei einem Hinterhalt auf ihre Patrouille zwölf Bundeswehrsoldaten verletzt. Minusma ist die gefährlichste Mission der Vereinten Nationen: 169 Blauhelme kamen in der neunjährigen Geschichte des UN-Einsatzes bereits ums Leben.
Problem: Russische Söldner
Mit der Gefahr hat es allerdings nichts zu tun, dass die Tätigkeit des deutschen Kontingents derzeit stark eingeschränkt ist. Vielmehr hat Malis Militärregierung den deutschen Aufklärern herbe Auflagen erteilt: Wollen sie ihre „Heron“ genannten Drohnen aufsteigen lassen, müssen sie mindestens drei Tage im Voraus um Erlaubnis fragen. In manchen Regionen des Landes – wo die Söldner der russischen Wagner-Truppe vermutet werden – ist deren Einsatz sogar ganz untersagt. Was tut die Truppe unter diesen Voraussetzungen hier überhaupt noch?
Die Frage hat Annalena Baerbock trotz des Ukraine-Kriegs in die Sahelzone getrieben: Ende Mai steht die Entscheidung des Bundestages über die Verlängerung des hiesigen Bundeswehr-Einsatzes an. Das Problem sind die anderen: die Franzosen, das malische Militär – oder die Russen. Im vergangenen Jahr kündigte Paris an, die 5500 Soldaten ihrer Barkhane-Mission zumindest zu reduzieren – woraufhin Malis Militärregierung auf ein Angebot Moskaus zurückkam, die Söldner der Wagner-Truppe gegen Bezahlung ins Land zu lassen. Sie hatten angeboten, mit den zahlreichen extremistischen Gruppen kurzen Prozess zu machen, die den Trümmerstaat schon seit über einem Jahrzehnt in die Knie zwingen. Zum Leidwesen der an Minusma beteiligten westlichen Staaten sollen bereits rund 1000 russische Söldner im Land sein.
Wir die Mission verlängert?
Weiße Kämpfer, die eine unverständliche Sprache sprechen, sollen bereits an zwei Massakern im Zentrum des Landes beteiligt gewesen sein, bei denen im März Hunderte Menschen ums Leben kamen, darunter zahllose Zivilisten, auch Frauen und Kinder. Einige von ihnen sollen gefesselt und angezündet worden sein: „Wir sehen hier ähnliche Muster wie in der Ukraine“, sagt Baerbock. Minusma wollte die Vorwürfe untersuchen – der Bataillonschef der deutschen Bodenaufklärer, Oberstleutnant Alfred Hugger, hatte bereits ein Team zusammengestellt. Doch die Militärchefs in Bamako verbieten die Mission.
Seitdem fragt sich der oberschwäbische Oberstleutnant noch eindringlicher, ob die Mission noch Sinn macht: „Wenn man alle Streben herausnimmt, wird das Gebäude irgendwann zusammenbrechen.“ Sobald die Franzosen vollends abgezogen sind, wird auch die Frage akut, wer die Minusma-Truppen im Konfliktfall mit Kampfhubschraubern unterstützt – und wer den Flughafen in Gao führt.
Baerbock räumt ein, dass noch einige Fragen geklärt werden müssten, bevor die deutsche Beteiligung an der internationalen Mission verlängert werden kann. Dass die grüne Außenpolitikerin das will, steht außer Frage. „Als Teil der internationalen Gemeinschaft haben wir eine Verantwortung dafür, dass für die Sicherheit der malischen Bevölkerung gesorgt wird.“
Auf jeder ihrer Etappen legt Baerbock Wert darauf zu zeigen, wem das deutsche militärische Engagement eigentlich gilt: der malischen Zivilbevölkerung. Fast die Hälfte ihrer Zeit im Feldlager der Bundeswehr wendet Baerbock für eine Begegnung mit drei Frauen auf, die der Ministerin von ihrem trostlosen Leben berichten. Eine von ihnen erzählt, wie ihr offenbar 111-jähriger Großvater von Dschihadisten heimgesucht und verprügelt worden sei. Die Extremisten hätten ihm den Oberschenkel gebrochen, sagt sie aufgebracht.
Wertvolles Telegramm aus Bonn
In dem Gespräch kommt eine kleine, aber nicht unerhebliche Differenz zwischen den Frauen und der Besucherin zum Vorschein. Während Baerbock darauf drängt, dass sich Bamakos Militärs auf einen baldigen Wahltermin verpflichten, halten die Frauen wenig davon. In ihrer Heimat habe es schon genug Wahlen auf zweifelhafter Grundlage gegeben, sagen sie. Erst einmal müssten die Bedingungen für eine wirkliche demokratische Abstimmung geschaffen werden.
Nach einem Termin mit dem „Übergangspräsidenten“ Oberst Assimi Goïta wiederholt Baerbeck am nächsten Tag dennoch ihre Forderung, das Land mit baldigen Wahlen zu „stabilisieren“. Die Unterredung mit dem Militärchef in dessen auf einem Hügel über Bamako thronenden und von der französischen Kolonialregierung errichteten Amtspalast zieht sich wesentlich länger als geplant hin – weswegen ein Termin im Kulturzentrum „Jiriladon“ in einem Armenviertel Bamakos abgesagt werden muss. Warum die grüne Ministerin einem Putschistenführer überhaupt einen Besuch abstatte, war im Vorfeld der Unterredung gefragt worden. Auch in dieser Hinsicht hat die Realpolitik längst die Oberhand gewonnen. Deutschland hat in Mali einen ausgezeichneten Ruf, seit die Bundesregierung Malis Unabhängigkeit im Juni 1960 als erstes Land der Welt anerkannt hatte. Das damalige Telegramm aus Bonn wird in Bamakos Regierungspalast wie eine Reliquie aufbewahrt. „Deutschland hat hier ein Gewicht, das man nicht vergeuden darf“, sagt ein Begleiter Baerbocks: „Putin würde sich die Hände reiben.“