Kommentar
Aufklärung der Missbrauchsfälle: ein Desaster
Mit der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in ihren eigenen Reihen tun sich die Oberhirten in der katholischen Kirche immer noch sehr schwer. So war es ein ungewöhnlicher Vorgang, als der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann in einem Interview einen Missbrauchsverdacht mit einem Namen verknüpfte: mit dem des ehemaligen Generalvikars und obersten Juristen des Bistums, Rudolf Motzenbäcker. Er soll in den 60er und 70er Jahren Jungen, unter anderem aus einem Kinderheim, sexuell missbraucht haben. Auch die Ordensfrauen, die das Speyerer Heim leiteten, werden schwer belastet.
Nichts mehr zu verheimlichen
In gewisser Weise war der Speyerer Oberhirte in Zugzwang. Denn ein ehemaliges Heimkind hatte wegen Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz vor dem Sozialgericht in Darmstadt geklagt. Eine Richterin sprach ihm die Leistungen zu. Und in dem Urteil, das jeder nachlesen kann, wird der Speyerer Kirchenmann mit vollem Namen genannt. Da war nichts mehr zu verheimlichen. Wiesemann ging in die Offensive.
Was wussten die damaligen Speyerer Bischöfe?
Aber eine Namensnennung steht noch nicht für Transparenz. Denn was wussten die damals verantwortlichen Bischöfe? Was wussten die anderen Verantwortlichen in der Bistumsleitung? Waren sie alle ahnungslos oder haben sie ihre Augen verschlossen vor dem, was da vor sich ging? Im Januar wird sich im Bistum eine unabhängige Aufarbeitungskommission konstituieren, die auch den Fall Motzenbäcker prüfen soll. Von ihr sind Antworten auf diese Fragen zu erwarten. Hoffentlich.
Wie die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals gründlich daneben gehen kann, führt das Erzbistum Köln gerade vor. Zur Erinnerung: Im Jahr 2018 legte eine von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche offen. Ein perfides System, in dem geschwiegen, vertuscht und Täter stillschweigend versetzt wurden. Namen wurden in der Studie nicht genannt.
In Köln verschwand Studie in Versenkung
Als einer der Ersten tat sich der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hervor und versprach „radikalstmögliche “ Aufklärung. Hierzu wurde eine Münchner Kanzlei beauftragt. Die Verantwortlicher sollten beim Namen genannt werden. Das sei man den Opfern schuldig, so Woelki damals. Doch so weit kam es nicht. Die Studie verschwand in der Versenkung, bevor sie veröffentlicht wurde. Angeblich wegen methodischer Mängel. Ein Kölner Strafrechtler soll eine neue Untersuchung vornehmen.
Kardinal Woelki unter Vertuschungsverdacht
Doch es drangen in Köln Namen und Details an die Öffentlichkeit. Namen von Kirchenoberen, die mit dazubeigetragen haben, dass Täter geschont und verjährte Taten nicht – wie gefordert – nach Rom gemeldet wurden. Mit diesen Vorwürfen muss sich der langjährige Kölner Personalchef und heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße befassen. Und nun steht auch Woelki im Verdacht, es mit den kirchenrechtlichen Normen für den Umgang mit Missbrauchstätern nicht allzu genau genommen zu haben.
Die Opfer erneut gedemütigt
Beide Würdenträger haben sich inzwischen an den Papst gewandt mit der Bitte, die Vertuschungsvorwürfe gegen sie zu prüfen. Die Einsicht, selbst Konsequenzen zu ziehen, fehlt dem Erzbischof wie dem Kardinal. Aber es ist ja auch einfacher, ein allgemeines Schuldbekenntnis abzulegen als persönliche Verantwortung zu übernehmen.
Was in Köln passiert, ist ein Desaster. Das sehen selbst bischöfliche Glaubensbrüder so. Und wie müssen sich da erst die betroffenen Opfer vorkommen. Zunächst hat man ihnen nicht geglaubt, und nun demütigt man sie mit einer Farce von Aufklärung erneut.