Politik Angst wie zu Sowjetzeiten

Wer weiß, ob sie insgeheim mit der Ukraine sympathisierten oder fest an die Donezker Rebellenrepublik DNR glaubten? Wie die meisten Bürger von Donezk redeten sie nicht viel über Politik. Aber auf jeden Fall sind Jelena Lasarewa und und Andrei Kotschmuradow geblieben, als im April 2014 in der Donbass-Metropole der prorussische Aufstand gegen die Ukraine ausbrach. Die 1,1-Millionen-Einwohner-Stadt inmitten des einstigen sowjetischen Industriereviers war ihr ganzes Leben: ihre Arbeit als Ärztin, sein Internet-Geschäft, der Sohn, die zwei Enkel. Sie besaßen eine Eigentumswohnung, Jelena, 50, fuhr Renault Mégane, Andrei, 46, Renault Laguna, ihr Sohn arbeitete in der republikanischen Bank. Eine Donezker Familie, die trotz des Krieges fest auf den Beinen stand. Auf den Videos der DNR-Fernsehsender wirken Jelenas und Andreis Gesichter nicht reuig oder panisch. Sie drücken eher Gehorsam und das Bemühen aus, ein logisches Geständnis aufzusagen. Man scheint ihren Selbstverteidigungswillen gründlich gebrochen zu haben. Nach Angaben des MGB, des Stasi-Ministeriums der Aufständischen, hatten Beamte des ukrainischen Geheimdienstes SBU das Ehepaar an einer ukrainischen Straßensperre festgenommen: wegen einer Dashcam, einer Kamera auf dem Armaturenbrett. Sie hätten sich dann als Spione anwerben lassen, um dem drohenden Strafverfahren zu entgehen. Jelena spricht ihr „Geständnis“ in die Kamera des DNR-Senders: „Seit Juli 2016 bis in die Gegenwart habe ich über Whatsapp SBU-Mitarbeitern regelmäßig Informationen über die Wehrdienstleistenden geliefert, die sich zur Behandlung in unserer Abteilung aufhielten.“ Die Ukrainer hätten Personalien, Truppenteile, Adressen und die Verletzungen der Patienten interessiert. Andrei erklärte, von ihm hätten die SBU-Leute die Kundendatei des Providers verlangt, für den er arbeitete. Einziger Schönheitsfehler, der beim „Geständnis“ des Paars unterläuft: Jelena sagt, der SBU habe sie und ihren Mann im Juli 2016 angeworben, dieser nennt den Dezember 2016 … Es ist, als hätte man ihnen erfundene und schlampig abgeglichene Geständnisse diktiert. Die Rebellenkanäle zeigen regelmäßig TV-Geständnisse. Nach eigenen Angaben klärte das MGB dieses Jahr 45 Fälle auf, in denen es um Vaterlandsverrat und Spionage ging. 14 Personen erhielten Haftstrafen von zwölf bis 18 Jahren. Sehr viele Menschen in der DNR leben in Angst, sie könnten verschleppt, festgenommen, gefoltert und als Verräter drakonisch bestraft werden. Mitte Oktober kehrte Jelena von einer Gedächtnisfeier für ihre vor zwei Jahren verstorbene Mutter aus dem ukrainisch kontrollierten Pokrowsk nicht zurück. „Sie hatte eine Straßensperre der DNR passiert, rief ihren Sohn an, sie sei fast zu Hause“, erzählt ein früherer Kollege Andreis. „Aber dann rief sie ihren Mann an: ,Es gibt Probleme, du musst kommen und das klären’.“ Danach verschwanden Jelena, Andrei und ihre beiden Renaults. Verwandte, Kollegen und Freunde begannen zu suchen, vergeblich, alle Behörden erklärten, sie hätten keine Informationen über das Ehepaar. Erst im November teilte das MGB Andreis Mutter schriftlich mit, das Ehepaar sei für 30 Tage festgenommen worden. Die Suchenden schöpften Hoffnung: Zur Justizpraxis der DNR gehört es, Leute ohne Gerichtsverfahren 30 Tage einzusperren, zur „Umerziehung“. Andrei und Lena aber tauchten erst Mitte Dezember wieder auf – als geständige Verräter im Fernsehen. Obwohl fraglich ist, ob der ukrainische Geheimdienst SBU Bedarf für ihre Krankenakten und Kundenkarteien hat. Auch im Donbass späht man einander längst über das Internet aus. Im Mai 2016 erhielten alle Beamten der DNR ihre Gehälter mit einwöchiger Verspätung, ukrainische Hacker hatten den Server des Informationsministeriums geknackt und dort auch die Dateien des Finanzministeriums abgegriffen. Sonderbar auch, dass die Ukrainer das Paar wegen seiner Autovideokamera erpresst haben soll. Zum einen sind solche Dashcams nach ukrainischem Gesetz erlaubt, zum anderen fährt an den Straßensperren im Donbass kein Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, mit solchen Geräten vor: Ukrainer wie Rebellen beschlagnahmen diese als Informationsträger über feindliche Truppenbewegungen sofort. Selbst das Nutzen von Mobiltelefonen ist tabu, an manchen DNR-Posten werden die Handys derer, die dagegen verstoßen, demonstrativ an den nächsten Pfahl genagelt. Laut UN leben in der DNR insgesamt noch 2,8 Millionen Menschen, nach Angaben der ukrainischen Zollbehörden überquerten allein im Juni 1,1 Millionen die Trennlinie. Offenbar wollen die Rebellen diese Pendler bremsen: Sie strafen ihre Propaganda vom Heldenkampf gegen die ukrainischen „Faschisten“, die angeblich alle DNR-Bürger ins KZ stecken, Lügen. Anfang Dezember präsentierte das Rebellen-TV einen weiteren „Spion“, den Kleinbusfahrer Waleri Romantschenko. Auch er gestand, der SBU habe ihn an einem Kontrollpunkt angeworben. Abweichler in der DNR werden wie einst in der UdSSR systematisch unschädlich gemacht. Der Donezker Blogger Stanislaw Assejew verschwand Anfang Juni, die DNR hat inzwischen bestätigt, dass sie ihn gefangen hält. Selbst Minister, die zu laut über Probleme redeten, landeten in Haft. Nach Berichten der Menschenrechtsgruppe „Ostukraine“ zwingen die Separatisten Häftlinge, die noch von ukrainischen Gerichten verurteilt wurden und ihre Haft oft schon verbüßt haben, zu unbezahlter Arbeit. 403 Menschen sind im Rebellengebiet laut der ukrainische Minsk-Unterhändlerin Irina Geraschtschenko spurlos verschwunden. Wie viel Leute durch die Repressalien tatsächlich Freiheit oder gar Leben verloren haben, bleibt im Dunkeln. Der russische Politologe Roman Manekin, ein glühender Anhänger der Separatisten, der 2014 nach Donezk umgesiedelt war, bloggte im September, er habe eine Liste von allein 300 russischen Staatsbürgern, die in DNR-Gefängnissen säßen. Kurz darauf landete er selbst hinter Gittern, klagte danach, man habe ihm Plastiktüten über den Kopf gestülpt, ihn zusammengeschlagen und ihm die Glieder ausgerenkt. „Wenn ich noch mal da rein muss“, sagt ein freigelassener Häftling über das Gefängnis in Gorlowka, „hänge ich mich in der Zelle auf.“ Wer weiß, was die Sicherheitsleute der DNR mit Jelena und Andrei gemacht haben. Jedenfalls werden die Rebellen sie nach dem Strafgesetzbuch der Ukrainischen Sowjetrepublik von 1961 verurteilen, das für „Landesverräter“ bis zu 20 Jahre Haft vorsieht. Die Separatistenrepublik hält sich für ewig. Und im Gegensatz zu Soldaten hat das Ehepaar kaum eine Chance, ausgetauscht zu werden, weil es der Ideologie der Separatisten widerspricht, Zivilisten der Kiewer „Besatzungsmacht“ auszuliefern. Jelena und Andrei droht der postsowjetische Gulag. Ja, auch auf der ukrainischen Seite gibt es schwarze Listen, in Kiew wurden mehrere kritische Journalisten ermordet, in ukrainischer U-Haft warten mutmaßliche Separatisten auf ihren Prozess – oder den Gefangenenaustausch. Aber in der Ukraine gibt es mehr Öffentlichkeit, mehr Rechtsschutz als in der DNR. Im Donezker Umfeld Jelenas und Andreis wuchert Angst wie einst in der Sowjetunion. Viele ihrer Freunde hatten sich bei Bekannten in den Behörden nach ihnen erkundigt. Jetzt, nach dem TV-Geständnis könnten sie selbst als Sympathisanten in Verdacht geraten. Und alle sind geschockt, weil es Jelena getroffen hat, eine angesehene Ärztin, die 27 Jahren auf der in Donezk berühmten Neurochirurgischen Intensivstation des Kalinin-Krankenhauses arbeitete. Dort werden lebensgefährliche Wunden und Wucherungen an Kopf und Rückgrat behandelt, seit 2014 auch viele Kriegsverletzte. Und im Krieg gilt chirurgisches Personal eigentlich als unersetzlich, seine Ausbildung dauert mindestens 13 Jahre, viel länger als die jedes Artilleristen. Die Mediziner fühlten sich früher unantastbar, jetzt aber sind die Gespräche in Jelenas Kollegenkreis kürzer geworden und formeller. „Ich habe euch alle erzogen, schau, wie es mir gedankt wird“, beklagt sich der Chef der Abteilung bei einem Kollegen. „Sie liefert den Ukrainern per Whatsapp Krankenakten.“ In der Donezker Rebellenrepublik trauen auch die Ärzte einander nicht mehr. Zu den Autoren Stefan Scholl ist Moskau-Korrespondent der RHEINPFALZ und anderer deutschsprachiger Zeitungen. Mitautor Dmitri Durnew ist Donbass-Korrespondent der russischen Zeitung „Moskowski Komsomoljez“ und hat früher selbst als Arzt auf der Neurochirurgischen Intensivstation des Donezker Kalinin-Krankenhauses gearbeitet.