Meinung
Österreichs Kanzler bei Putin: Getrübter Realitätssinn
Die Überraschung ist ihm gelungen: Kein Experte hatte erwartet, dass Österreichs Kanzler Karl Nehammer sich eine Moskau-Mission zutraut. Im Gegensatz zu seinem jugendlichen Vorgänger Sebastian Kurz zeigte er bislang kein sonderliches Interesse für außenpolitische Abenteuer. Doch die Schreckensbilder des Krieges in der Ukraine müssen bei Nehammer Eindruck hinterlassen haben.
In der Ukraine hat er am Wochenende auch das Schlachtfeld von Butscha besucht, den Symbolort für bewiesene russische Kriegsverbrechen. Sein Motto für die Reise zu Wladimir Putin lautete: „Alles, was getan werden kann, um den Menschen in der Ukraine zu helfen und den Krieg zu stoppen, soll getan werden.“ Doch einen Dialog, der hoffentlich zu einem Frieden führt, müssen die Ukraine und Russland selber führen. Neue Brücken zwischen dem Westen und Russland sind Illusion, solange Putin im Kreml sitzt, der alle Brücken zerstört hat, die ihm speziell Deutschland über viele Jahre errichtet hat.
War also die Auslandsreise bloß ein innenpolitisches Ablenkungsmanöver? Nehammers konservative ÖVP steht seit Wochen in der Kritik wegen Korruption, illegaler Parteienfinanzierung und dubioser Postenschacherei. Mit machtpolitischem Zynismus allerdings wäre der Ukraine und den Kriegsopfern am wenigsten geholfen.
Lesen Sie auch: Kanzler Nehammers Botschaft: Es gibt nur Verlierer