Rheinland-Pfalz
Hohe Belastung für Pflegekräfte in der Pandemie
Corinna Degenhartt arbeitet seit 15 Jahren in einem Altenheim in der Vorderpfalz. Für sie ist es eine der größten Herausforderungen, für so viele Menschen zuständig zu sein. Sie und ihre Kolleginnen müssen dabei vielen Ansprüchen genügen: dem hohen Anspruch an sich selbst, den viele Pfleger hätten, aber auch den Ansprüchen der Bewohner, Kollegen und Angehörigen. „Viele Menschen machen diesen Job, weil sie helfen wollen. Und es gibt immer noch mehr zu tun. Doch auch, weil zu wenig Personal vorhanden ist, geht das oft nicht. So erleben sie, dass das, was sie tun, nie genug ist. Das ist sehr erschöpfend“, sagt Degenhartt.
Und das hat sich in der Pandemie verschärft: Für die Bewohner, die orientiert sind, also nicht dement, sei die Einsamkeit besonders schlimm, berichtet die 55-Jährige. „Wir haben Wege gefunden: Sie konnten sich durchs Fenster, mit Abstand am Gartenzaun oder am Telefon unterhalten.“ Die Einrichtung habe sogar ein Tablet bekommen und damit Videoanrufe ermöglicht. Der Kontakt mit den Angehörigen sei intensiv gewesen, man habe Videos, Bilder und Grüße verschickt. „Über Weihnachten war die Einrichtung komplett geschlossen. Die Pflegekräfte haben in der Zeit alles gegeben.“ Doch das Gefühl, dass das nicht ausreiche, sei trotzdem da gewesen. „Und dann sieht man die traurigen Augen“, sagt sie. Sie versuche es daher positiv zu sehen: Ohne die viele Arbeit der Pfleger wäre das Ganze noch schlimmer.
„Da haben sich Überstunden angehäuft“
Auch positiv sieht sie die Entwicklung bei der körperlichen Arbeit. Seit Jahren gebe es Aufstehhilfen, um Bewohner rückenschonend anzuheben. Es sei möglich, die Betten hochzufahren und so nicht immer gebückt zu arbeiten. Doch viele haben in dem Beruf schon gearbeitet, als es die Hilfen noch nicht gab – und von dieser Zeit körperliche Probleme davongetragen. Außerdem: „Viele Kollegen haben ein großes Pflichtbewusstsein: Da macht man das ein oder andere, ohne das Bett hochzufahren, weil man sich beeilen will. Das rächt sich dann später.“
Was sich in der Corona-Pandemie ebenfalls verschlimmert hat: das Einspringen für andere. Klar, wenn ein Kollege krank wird, hilft man aus. Dadurch geht aber ein freier Tag verloren, den man nötig gehabt hätte, um zu regenerieren. „Es gab auch bei uns einige Corona-Fälle. Da haben sich viele Überstunden angehäuft. Die Zeit war wirklich heftig“, erinnert sich Degenhartt. Zusätzlich dazu gebe es generell mehr Arbeit in der Pandemie: An Covid-19 erkrankte Bewohner müssten engmaschig überwacht werden. Beim Betreten und Verlassen der Zimmer müsse jedes mal Schutzkleidung an- und wieder ausgezogen werden. „Der Zeitfaktor ist nicht zu verachten.“ Degenhartt ordnet das direkt ein: „Man muss das große Ganze im Blick haben. Das machen wir ja zu unserem Schutz und zum Schutz der Bewohner.“
Psychisch belastend seien die vielen schweren Covid-19-Verläufe gewesen. „Es war der gehäufte Verlust: Wir haben alles getan, um einen Ausbruch zu verhindern, doch er ist trotzdem gekommen. Diese Machtlosigkeit war das Schlimmste.“ In ihrer Stimme hört man, wie sehr sie das Ganze berührt. „Ich habe das Gefühl, die Einrichtung ist seit der Pandemie in einer Art Schock. Das hat sich erst leicht gelöst, als wir zum ersten Mal geimpft wurden.“
Pflege: Mehr Krankheitsfälle
Dass Beschäftigte in der Pflege häufiger krankheitsbedingt ausfallen als in anderen Berufen, besagt die Studie der Krankenkasse Barmer: In Rheinland-Pfalz lag der Krankenstand in den Jahren 2016 bis 2018 demnach unter Altenpflegefachkräften bei 7,2 Prozent, unter -hilfskräften bei 9,2. Das bedeutet, an einem durchschnittlichen Arbeitstag waren von 1000 Pflegekräften 72 bzw. 92 krankgeschrieben. Bei den anderen Berufen liegt der Wert laut Studie bei fünf Prozent; in der Krankenpflege bei den Fachkräften bei 6,2 Prozent, bei den Hilfskräften bei 9,2 Prozent.
Dass Pfleger immer wieder ausfallen, kann Degenhartt bestätigen. Gründe dafür vermutet sie in den körperlichen und psychischen Belastungen. Und: Diese könne man nur ertragen, wenn man wirklich fit sei. „Es ist ein Unterschied, ob ich mit einer Blasenentzündung am Schreibtisch sitze und eine Wärmflasche auf dem Schoß habe oder ob ich auf Station bin und Menschen waschen, versorgen und anheben muss“, sagt Degenhartt. Gleichzeitig: „Viele haben ein starkes Pflichtgefühl und gehen erst nach Hause, wenn es wirklich nicht mehr geht.“ Das könnte dazu führen, dass Krankheiten verschleppt werden und später zu längeren Ausfällen führen.
Pflege: Mehr Frührentner
Die Ergebnisse der Barmer-Studie bestätigen die Belastungen, denen viele Pflegekräfte ausgesetzt sind: Es wurden nicht nur anonymisierte Berufsverlaufs- und Arbeitsunfähigkeitsdaten von etwa 3,7 Millionen Berufstätigen untersucht – davon 194.000 in Rheinland-Pfalz. Sondern auch repräsentative Befragungen des Bundesinstituts für Berufsbildung und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus den Jahren 2006, 2012 und 2018. Damit konnten die Autoren Pflegeberufe mit anderen vergleichen. Die Ergebnisse: Pflegekräfte gaben eher an, physischen Belastungen ausgesetzt zu sein als andere Berufsgruppen – etwa die Arbeit im Stehen, oder in Zwangshaltungen. Außerdem sind sie laut Studie häufiger mit Zeitdruck konfrontiert. Auch die emotionale Belastung gaben sie höher an als die anderen.
Ein weiterer Unterschied, den die Studie entdeckt hat: In der Pflege gehen mehr Menschen in Frührente als in anderen Berufen. In Rheinland-Pfalz seien das pro 1000 Beschäftigte durchschnittlich drei Altenpflegefachkräfte und 5,1 -hilfskräfte pro Jahr, in der Krankenpflege 4,5 Fach- und fünf Hilfskräfte. Im Durchschnitt der anderen Berufe sind es laut Studie 3,2 Personen. Die Landesgeschäftsführerin der Barmer für Rheinland-Pfalz und das Saarland, Dunja Kleis, hat zusammengefasst, was die Zahlen zu Frührente und Krankheitsfällen bedeuten: „Rheinland-Pfalz hätte auf einen Schlag rechnerisch 1100 Pflegekräfte mehr, wenn Beschäftigte in der Pflege genauso gesund wären wie die übrigen Beschäftigten im Land.“



