Karlsruhe
Der Pflegeberuf ist die Hölle
Zum Internationalen Tag der Pflege versammelten sich auf dem Friedrichsplatz rund 70 Demonstranten, um auf die Lage der Beschäftigten in der Pflege- und Sozialarbeit aufmerksam zu machen. Wie an vielen anderen Orten in Deutschland forderten sie unter mehr Personal, weniger Profitstreben und angemessenere Bezahlung in der Pflege- und Sorgearbeit.
Marie Schmid ist nicht überrascht: „Ich wusste, was mich in diesem Beruf erwartet.“ Vor drei Jahren hat die 30-Jährige ihr Examen abgelegt und arbeitet seitdem als Pflegerin in einem Karlsruher Krankenhaus. Veränderung müsse man selbst erwirken, „denn sie wird einem nicht geschenkt“. Deshalb steht sie heute hier und zeigt wie alle Mitdemonstranten dem System symbolisch die Rote Karte. Es gehe ihr noch nicht einmal um nicht um mehr Geld und eine angemessenere Bezahlung. „Das ist nicht das Problem, auch wenn ich für mehr Leben verantwortlich bin als ein Pilot. Es geht mir um die Arbeitsbedingungen.“ Und die seien so mies wie bekannt.
Viele sind sogar zu kaputt zum Demonstrieren
Dennoch ist die Schar der rund 70 Demonstrierenden arg überschaubar. Kaum jemand der Passanten bleibt stehen. Interessanter sind der Springbrunnen, der Imbiss auf der Hand oder das nächste Ziel in der Innenstadt. Fragt man Anwesenden nach ihren fehlenden Kollegen, die den Platz aus eigenem Interesse bestimmt bis in den letzten Winkel ausfüllen könnten, decken sich die Antworten. Die würden ja gerne mitmachen. Aber das Schichtsystem mache kaputt. Entweder brauche man die Freizeit zur Regeneration oder habe gerade selbst Dienst. Wie soll man da noch demonstrieren?
Michael Janus ist Sekretär der Dienstleistungsgesellschaft ver.di, die gemeinsam mit der Initiative „Krankenhaus statt Fabrik“ die Demo organisiert hat. Er selbst kann „gar nicht quantifizieren, wie oft ich in den letzten Monaten rausgehen und demonstrieren musste. Wir befinden uns seit über einem Jahr in einer Pandemie und die Pflegekräfte stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Selbst die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) habe dies erkannt und es stünde mit der Pflegepersonalregelung PPR 2.0 längst ein Instrument bereit, das den effektiven Bedarf auf einer Station bestimme und „ab morgen“ einsatzbereit wäre. In Pilotprojekten wurde es erprobt, die Beteiligten waren begeistert.
Gesundheit ist zu einer Ware verkommen
Da vom Gesetzgeber nichts gekommen sei, habe man in der vergangenen Woche gemeinsam mit der DKG auch die großen Karlsruher Kliniken zur freiwilligen Anwendung der PPR 2.0 aufgerufen. Janus: „Seither herrscht buchstäblich Stille, die haben noch nicht einmal darauf reagiert.“ Die Stichworte der Redebeiträge sind für die politischen Entscheider vernichtend. Ökonomisierung und Verwertung der Gesundheit als Ware, Preisschilder an jeder pflegerischen Leistung, Pflegende wie die Zu-Pflegenden würden fertiggemacht und ganz oben ein Minister Jens Spahn, der „für diese miserable Gesundheitspolitik die Rote Karte“ gezeigt bekommt.
Etwas abseits sitzen zwei bereits etwas ältere Damen auf einer Bank. Auch sie halten eine Rote Karte in der Hand, die sie immer wieder emporstrecken. Die eine ist Christine Lenz, die nach ihrer Arbeit in der Altenpflege gerade Frührentnerin geworden ist. Und die andere möchte ihren Namen nicht nennen. Nur, dass sie 59 Jahre alt ist und über 30 Jahre lang als Altenpflegerin in einer katholischen Einrichtung in der Innenstadt gearbeitet hat. Vor zwei Jahren ist sie mit einem Burn-out ausgestiegen: „Ich kann nicht mehr.“ Schwer sei die Arbeit immer schon gewesen, sagt sie. Der Umgang mit Alter und Tod sei nun einmal „menschlich schwierig, wenn man auch nur einigermaßen empathisch ist.“ Doch es habe Wegpunkte gegeben, mit denen sich die Dinge zu verschlimmern begannen.
Pflegeberuf wurde abgewertet
Am Anfang habe zu Beginn der Nullerjahre die Einführung von Pflegekasse und Pflegestufen gestanden. Die Abwertung des qualifizierten Berufsbildes ein weiterer. „Ob Schlosser oder Metzger, alles was arbeitslos ist, wurde in die Pflege geschickt. Das ist entsetzlich für jene Leute, die pflegen. Und für jene, die gepflegt werden.“ Auch der Zugriff auf immer mehr ausländische Pflegekräfte sei ein wichtiger Punkt, da diese zu duldsamen Erfüllungsgehilfen eines kranken Systems geworden seien und weder die Zeit noch die Kraft hätten, sich gegen die Verhältnisse zu organisieren.
Zudem seien es noch immer „zu 90 Prozent Frauen, die in den Pflegeberufen arbeiten. Wäre es ein Männerberuf, dann wäre alles anders. Und dazu machen die wenigen Männer auch noch Karriere und schwimmen nach ein paar Jahren als Heimleiter oder in Stationsleitungen wie die Fettaugen ganz oben.“ Gegen Ende bittet die Frau noch: „Schreiben Sie noch unbedingt, dass es die Hölle ist. Und das ist noch nicht einmal übertrieben. Mich hat der Beruf kaputtgemacht.“
Info
www.krankenhauss-statt-fabrik.de