Saarland
Missbrauch im Arztkittel: Viele wussten etwas und taten nichts
Hermann Schell urteilt hart und klar. „Der Untersuchungsausschuss war ein Fiasko. Mit echter Aufarbeitung hatte er nichts zu tun.“ Schell ist im Vorstand der Initiative Missbit im Bistum Trier, die Aufarbeitung und Aufklärung von sexualisierter Gewalt innerhalb der Kirche vorantreibt. Schell, 58, hat als Beobachter immer wieder Sitzungen des parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Saarland verfolgt. Am Mittwoch endete im Landtag mit der Debatte über den Abschlussbericht die politische Aufarbeitung des Falls um einen 2016 in der Westpfalz verstorbenen Assistenzarzt.
Uneinig waren sich die Parteien allerdings in der Frage, wer welche Versäumnisse zu verantworten hat. Deswegen gab es auch keine gemeinsame Wertung der Ausschuss-Erkenntnisse. Alle vier Fraktionen fällten ein eigenes Urteil. Das Gremium hatte seit Ende 2019 in 33 Sitzungen unter Vorsitz der Juristin und CDU-Abgeordneten Dagmar Heib 90 Zeugen vernommen.
Eltern erfahren lange nichts
Im Juni 2019 war bekannt geworden, dass ein Assistenzarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uni-Klinikum von 2010 bis 2014 mehrere Kinder bei Untersuchungen sexuell missbraucht haben soll. Die Staatsanwaltschaft hatte damals wegen 34 Verdachtsfällen ermittelt, das Verfahren aber nach dem Tod des Arztes eingestellt. Die Eltern der betroffenen Kinder waren lange nicht informiert worden – das geschah erst im Sommer 2019. Als klar war, dass das ARD-Magazin „Monitor“ über den Fall berichten würde. Wenig später wurde auch in einem weiteren Teil des staatlichen Klinikums wegen Missbrauchsvorwürfen ermittelt: in der HNO-Klinik. Der Arzt war zugleich Judotrainer im Saarland und kam auch privat in Kontakt mit Kindern.
Vor allem Jungs schienen ihn zu interessieren. Er sprach sie auch im Schwimmbad an, gab ihnen seine Kontaktdaten, fragte sie per Chat nach sexuellen Praktiken – ihren Eltern sollten sie nichts erzählen. Kinder übernachtetem bei ihm, teils mit dem Wissen der Eltern, teils ohne. Manche Eltern hatten einen Verdacht und ließen sie bei Judokämpfen nie allein mit ihm. In jener Todesnacht des Arztes am 19. Juli 2016 schlief ein Junge bei ihm im Bett in dessen pfälzischem Zuhause.
Kinder schrien
Bei seiner Arbeit in der Jugendpsychiatrie machte der Arzt viele medizinisch nicht indizierte Untersuchungen, wie sich herausstellte. Manche Kinder schrien laut Zeugenaussagen währenddessen. Im Frühjahr stand in einer Oberarzt-Besprechung das erste Mal der Verdacht im Raum, der Arzt könnte pädophil sein. Doch er kann unbehelligt weiterarbeiten. Erst mit einer anonymen Anzeige 2011 darf er nur noch im Beisein Dritter die Kinder untersuchen. Doch kontrolliert wird das nicht – ebenso wenig wird der Vorstand des Klinikums informiert. Erst Ende 2014 wird dem Arzt fristlos gekündigt, als sein Vertrag in Homburg ruhte und er im Westpfalz-Klinikum arbeitete. In Kaiserslautern hat er nach Aussage der Klinik nie mit Kindern gearbeitet.
Einig sind sich die Landtagsabgeordneten heute: So etwas soll sich nie wiederholen und Hauptschuld trägt das Klinikum. Es habe eine „Kultur des Wegschauens und des Schweigens“ und eine „fatale Aneinanderreihung“ von Überheblichkeit des Klinikdirektors, Fehleinschätzungen, Fehlentscheidungen und Unterlassungen gegeben, so Jürgen Renner (SPD). Während die CDU davon ausging, dass die damalige Justiz-Staatssekretärin Anke Morsch (SPD) informiert gewesen sei, meint die SPD, es gebe Hinweise darauf, dass der damalige Gesundheits-Staatssekretär Stephan Kolling (CDU) und möglicherweise auch die Staatskanzlei unterrichtet gewesen sei. Gegenseitige Schuldzuweisungen der Koalitionäre im Saarland, nicht erst jetzt im Wahlkampf. Im März wird dein neuer Lan der Saar neu gewählt.
Welche Köpfe rollen?
„Viele Fragen sind nach wie vor offen“, sagte Dennis Lander (Die Linke). Seiner Ansicht nach wusste die Regierung seit 2016 von dem Skandal – nicht erst 2019. Lander wurde in der Debatte zweimal gerügt, weil er Morsch der „Lüge“ bezichtigt hatte. SPD und Linke forderten personelle Konsequenzen. Zumindest der kaufmännische Direktor des Klinikums, Ulrich Kerle, müsse gehen, so die SPD. Er sei untragbar, da er Informationspflichten verletzt habe. Die Forderung geht den Linken nicht weit genug. Es brauche mehr Konsequenzen. Auf RHEINPFALZ-Anfrage bekannte auch die Ausschuss-Vorsitzende Heib (CDU) nach der Debatte im Plenum, dass Kerle seinen Hut nehmen muss. Und er wohl nicht der letzte sein dürfte.
Inzwischen wird der Skandal von einer Unabhängigen Aufarbeitungskommission der Klinik bearbeitet. Der Aufklärer beim Missbrauch in der Kirche, Hermann Schell, hat diese Kommission zum Aufgeben aufgefordert. Die Kommission hat damit zu kämpfen, welche Unterlagen sie bekommt. Bis jetzt nur die Protokolle des beendeten Ausschusses; keine Akten mit dem Vermerk „vertraulich“. |mit lrs