Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Auschwitz ist als Ort mächtig“

Das Tor zum früheren KZ Auschwitz-Birkenau in Polen. Während der deutschen Nazi-Diktatur hatte es eine Doppelfunktion als Konzen
Das Tor zum früheren KZ Auschwitz-Birkenau in Polen. Während der deutschen Nazi-Diktatur hatte es eine Doppelfunktion als Konzentrations- und Vernichtungslager.

Warum die Kaiserslauterer Schulpfarrerin Nomi Banerji-Gévaudan Menschen sucht, die Gedenkstätten-Fahrten leiten wollen.

2027 geht Nomi Banerji-Gévaudan, Schulpfarrerin an der Berufsbildenden Schule Technik 1 in Kaiserslautern, in den Ruhestand. Deshalb will sie sicherstellen, dass eine Besonderheit ihrer Arbeit fortgesetzt wird. Es geht um Gedenkstättenfahrten mit Schülerinnen und Schülern in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (Polen). Scheitert das an der Finanzierung, weil es für mögliche Leitungsmultiplikatoren keine Förderung gibt?

Frau Banerji-Gévaudan, seit 2011 bieten Sie regelmäßig mehrtägige Schülerfahrten nach Auschwitz an. Was macht diese Gedenkstättenarbeit aus?
Zunächst einmal müssen sich die Schülerinnen und Schüler bewusst dafür entscheiden, sich sozusagen für die Teilnahme bewerben. Der Punkt ist dabei nicht, Geschichte Leistungskurs gehabt zu haben, sondern das Herz für das aufzumachen, was damals passiert ist und damit besser zu verstehen, was Rechtsextremismus heute bedeuten kann.

Kann man sagen, dass das Erlebte vor Ort, wozu ja auch das Treffen auf Zeitzeugen und Workshops gehören, junge Leute aufrüttelt?
Also, zum einen ist es manchmal erschreckend, dass viele der Berufsschülerinnen und -schüler in ihren Schulen gar nichts über den Nationalsozialismus gelernt haben. Und wenn es doch Thema war, wollen sie sich jetzt nicht mehr damit beschäftigen. Aber dann merken sie, dass sie in meinem Unterricht noch ein paar andere Sachen zu hören und zu sehen bekommen.

Nomi Banerji-Gévaudan
Nomi Banerji-Gévaudan

Bei den Gedenkstättenfahrten ist es oft so, dass den jungen Menschen das Ausmaß der Gräuel erst im Lager klar wird. Dort muss sich jeder Besucher der Realität stellen. Im Gegensatz zu einem Film über den Holocaust kann ich nicht einfach wegzappen. Das ist wichtig, um zu erkennen, was diese Vergangenheit für unser Land bedeutet, gerade in der aktuellen politischen Situation, in der eine Partei wie die AfD bei jungen Leuten beliebt ist, weil sie vorgeblich einfache Lösungen bietet.

Wie stark sind denn die Reaktionen?
Auschwitz ist als Ort mächtig. Das Erlebte rüttelt die Schüler auf, es wird viel diskutiert, wenn man vier Tage lang ununterbrochen zusammen ist. Über die Vergangenheit, aber auch über die Gegenwart, darüber, welche Haltung man zeigen soll und muss. Meine Kollegin Karin Kienle vom Landesjugendpfarramt, die die Fahrten unterstützt, sagt immer, dass die Schüler nicht der Vergangenheit verhaftet bleiben sollen, sondern dass es um den Mut gehe, sich für Gerechtigkeit einzusetzen, notfalls Widerstand zu leisten, wach zu sein, nicht mitzumachen, wenn juden- oder fremdenfeindliche Witze erzählt werden. Kurz, es geht nicht um Schuld nach Auschwitz, sondern um Verantwortung wegen Auschwitz.

Wären junge Leute dann besser davor geschützt, sich von einer Partei wie der AfD vereinnahmen zu lassen?
Junge Leute müssen wissen, sie müssen verstehen, warum man sich für die Demokratie einsetzen muss. Sie dürfen Parteien wie die AfD nicht für harmlos halten.

Junge Leute, die mit in Auschwitz waren, sind auch Multiplikatoren. Sie wollen aber zusätzlich Multiplikatoren für die Leitung solcher Gedenkstättenarbeit finden, als Nachfolger, aber auch für zusätzliche Fahrten?
Ja, weshalb für November 2026 eine Fahrt geplant ist, die sich an Multiplikatoren aus Schule, Bildung, Sozialarbeit, Kirchen, Vereinen und zivilgesellschaftlichen Initiativen wendet, die ihr Wissen vertiefen und Impulse für die pädagogische Praxis und Erinnerungsarbeit gewinnen möchten. 20 Interessierte hätten es sein können, aber wir haben jetzt auf 16 reduziert, um die Kosten auf 600 Euro pro Person zu senken. Für Teilnehmer unter 27 Jahren gibt es zwar Zuschüsse, für alle darüber aber nicht.

Im Prinzip würden Sie aber gern noch etwas Geld einwerben, um die Schlagzahl zu erhöhen?
Sehen Sie, ich setzte mich seit 15 Jahren für diese Gedenkstättenarbeit ein, zusammen mit Karin Kienle und Joachim Bäcker, Bildungsreferent im Dekanat „An Alsenz und Lauter“. Und ich habe erlebt, dass diese Arbeit fruchtet. Natürlich ist mir daran gelegen, dass es weitergeht und sie außerdem eine Blaupause für weitere Initiativen sein kann.

Kontakt

karin.kienle@evkirchepfalz.de oder nomita.banerji-gevaudan@bbs1.edukl.net

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