Rheinland-Pfalz „Kinder haben geschrien“

Erst Ende Juni ging das Uniklinikum in Homburg mit den Missbrauchsvorwürfen gegen einen früheren Assistenzarzt an die Öffentlich
Erst Ende Juni ging das Uniklinikum in Homburg mit den Missbrauchsvorwürfen gegen einen früheren Assistenzarzt an die Öffentlichkeit – hier die Pressekonferenz.

«Homburg/Saarbrücken». Die Saarbrücker Anwältin Claudia Willger, die im Zusammenhang mit den Missbrauchsvorwürfen gegen einen früheren Assistenzarzt am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) in Homburg vier Strafanzeigen gestellt hat, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Klinik und gegen die Staatsanwaltschaft Saarbrücken. Aber nicht nur das. Für die Rechtsanwältin steht fest, dass es hier ein „kollektives Verabreden zum Vertuschen“ gegeben habe, wie sie der RHEINPFALZ sagte. Die 58-Jährige vertritt zwei mutmaßliche Opfer sexuellen Missbrauchs sowie deren Eltern. Mit ihren Anzeigen gegen den Chefarzt und Klinikleiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKS, eine Oberärztin, die Klinikums-Justiziarin sowie gegen die früher ermittelnde Staatsanwältin will Willger vor allem folgendes erreichen: dass neue Ermittlungen aufgenommen werden gegen Vorgesetzte des beschuldigten Arztes und dass aufgedeckt wird, wer womöglich auch auf politischer oder staatsanwaltlicher Seite versagt hat. Das UKS ist ein staatliches Klinikum. Der 2016 verstorbene Verdächtige soll möglicherweise schon während seiner Studienzeit sowie später als Assistenzarzt am Klinikum – speziell von Ende 2005 bis zu seinem Weggang ans Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern im April 2014, also neun Jahre lang – seine pädophilen Neigungen ausgelebt haben. Und viele unnötige und nicht fachgerechte Untersuchungen im Intimbereich vorwiegend an fünf- bis achtjährigen Jungen, aber auch an Mädchen, vorgenommen haben. Als Judotrainer hatte er auch privaten – vermutlich übergriffigen Kontakt – zu Jungen. Ein Minderjähriger aus einem Judoverein war im Juni 2016 neben dem toten jungen Arzt in dessen Privathaus in Zweibrücken aufgewacht. Das ARD-Magazin „Monitor“ hatte den Skandal aufgedeckt. Erst damit sah sich die Klinik gezwungen, Eltern und Öffentlichkeit zu informieren. Es geht um 34 Fälle möglichen sexuellen Missbrauchs; es könnten Hunderte werden. Der Assistenzarzt hat laut Klinikum zwischen 2010 und 2014 mehr als 300 kleine Patienten behandelt. Erst als der Mann Homburg schon längst verlassen hatte und am Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern arbeitete – am Westpfalz-Klinikum nicht mit Kindern – begann die Staatsanwaltschaft Saarbrücken Anfang 2015 erneut gegen den Beschuldigten zu ermitteln. Viel zu langsam und teils schludrig, wie Anwältin Willger findet. Dabei seien die Vorwürfe massiv gewesen. „Für mich tun sich hier immer mehr Abgründe auf“, meint Willger. Die Staatsanwaltschaft stellte mit dem Tod des Mannes im Juni 2016 endgültig ihre Ermittlungen ein. Wäre mit mehr Nachdruck ermittelt worden, so Willger, hätte Schlimmeres verhindert werden können. Klinikpersonal sei bereits 2010 aufgefallen, dass der Beschuldigte Mädchen eine Scheidensalbe verabreicht habe – und nicht wie vorgeschrieben, eine Schwester oder anderes Pflegepersonal. Später in der Ambulanz der Klinik, in der inkontinente Kinder behandelt werden, habe er vor allem Jungs untersucht. Eine einmalige Untersuchung im Intimbereich ist laut Willger durchaus normal. Der Beschuldigte jedoch habe dies bei jedem Termin wiederholt. „Es gab Kinder, die während der Untersuchungen durch den Arzt geschrien haben. Das hat das Personal mitbekommen“, sagt die Anwältin. Zum Beispiel beim Abtasten des Darms durch den After. Personal habe das auch berichtet – aber: „Es wurde nicht gehört“, so Willger. Das Klinikum schrieb zum Vorwurf schreiender Kinder: „Uns liegen keine dokumentierten Meldungen vor.“ Das UKS bleibt dabei, dass es erst mit der anonymen Anzeige 2011 von Vorwürfen gegen den Arzt erfahren habe. Eine arbeitsrechtliche Auflage nach jenem Hinweis 2011, Kinder nur noch im Beisein Dritter untersuchen zu dürfen, „hat der Professor nie kontrolliert“, so Willger. „Dieser Chefarzt hat die Übergriffe erst möglich gemacht.“ Jener Mediziner habe dem jungen Arzt auch „herausragende“ Zeugnisse ausgestellt, in denen es teils laute: „zur vollsten Zufriedenheit“ und „uneingeschränkt geeignet“ für den Facharzttitel. Mit solchen Zeugnissen hatte er sich auch am Westpfalz-Klinikum beworben. Das Homburger Uniklinikum verteidigte ein Zeugnis, es sei im „Sinne der Weiterbildungsordnung des Saarlandes“ erstellt worden. Für die Anwältin ein Unding. Ihrer Kenntnis nach hätten unterschiedliche Zeugen immer wieder über „auffälliges Verhalten“ oder mutmaßliche Übergriffe des Mannes Kindern gegenüber berichtet: bei einer Asienreise im Studium, der Au-Pair-Zeit in Spanien, während eines Praktikums im Allgäu. Immer wieder habe er versucht, Kinder heimlich zu treffen. Die Staatsanwaltschaft hatte auch 2011 ermittelt, ebenso 2013, nachdem das Jugendamt Anzeige gegen den Mann erstattet hatte. Am Ende stand für die Behörde aber offenbar immer fest, dass es nicht genügend Beweise für sexuellen Missbrauch gebe. Willger, die sieben Jahre für die Grünen im Saarbrücker Landtag saß, will für den Skandal eine größere Öffentlichkeit. Das hat sie in Teilen schon erreicht. Gestern äußerte sich die heutige CDU-Vorsitzende und damalige Ministerpräsidentin, Annegret Kramp-Karrenbauer, zu dem Fall. Sie war damals zugleich Wissenschaftsministerin und so übergeordnet für das staatliche Klinikum verantwortlich. Von persönlichem Fehlverhalten spricht sie nicht. Vielmehr davon, dass der UKS-Aufsichtsrat – dessen Vorsitzender ist zugleich Chef der Staatskanzlei – Schuld beim Klinikums-Vorstand sieht. Der habe die Bedeutung und die Tragweite der Vorgänge fehl eingeschätzt. Der Fall gebe aber Anlass, „besondere Meldepflichten“ zu prüfen. Unterdessen prüft die Saarbrücker Staatsanwaltschaft noch, ob sie aufgrund Willgers Anzeigen Ermittlungen aufnimmt.

Claudia Willger
Claudia Willger
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