Speyer und Neustadt
Landesgartenschau soll 2026 wieder in die Pfalz kommen
Ein neuer Stadtentwicklungsimpuls für Speyer drei Jahrzehnte nach der Umgestaltung der Maximilianstraße – das war der Gedanke der SPD, die den Antrag für eine Gartenschau in Speyer gestellt hat. Die Ratsmehrheit dafür hat sie bekommen, und so läuft jetzt die Planung auf Hochtouren.
Zwei Gartenschau-Kernflächen für Speyer
Die Herausforderung: Die Stadtverwaltung hatte einen Teil der früheren Kurpfalzkaserne als Kernfläche ausgedeutet, die ganz im Norden Speyers liegt, rund sechs Kilometer vom Dom entfernt. Zu weit, befand das Fachbüro, das im Frühjahr erste Detailpläne vorgelegt hat. Sein Vorschlag: Es müsste eine zweite Kernfläche zwischen Dom und Rhein hinzukommen, die den touristisch „bekannten“ Teil Speyers in die Waagschale wirft. Dazwischen: sogenannte Korridore, auf denen sich Besucher zu Fuß, per Drahtesel oder elektromobil zwischen den beiden Polen bewegen könnten.
Grundgedanke im Norden wäre die Konversion der einstigen militärischen Liegenschaft zur Vorbereitung auf „grüne“ Wohn- und Arbeitskonzepte. Im Süden ginge es darum, den Bereich der großen Klipfelsau-Wiese und des in die Jahre gekommenen Rheinstadions aufzuwerten. Übergreifendes Thema könnte eine „Zeitreise“ in der historischen Stadt werden.
Kostenschätzung erst im Spätsommer
Die Stadtverwaltung plant und wirbt mit viel Engagement, die rechte Begeisterung will sich aber noch nicht einstellen. Es gibt einige Baustellen. Im Norden hatte die Stadt zunächst eine Verbindung der Landesgartenschau mit dem geplanten Wohn- und Gewerbegebiet „Pionier-Quartier“ hergestellt. Zuletzt ist sie dabei aber deutlich zurückgerudert, weil es gegen die damit verbundene Versiegelung viele Widerstände gibt.
Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, heißt es nun. Auch die Überplanung bisheriger landwirtschaftlicher Flächen, die an die Kaserne angrenzen, wurde eilig zurückgenommen, als die Bauernschaft vorrechnete, das sie und die Natur diese bräuchten. Die Nachbargemeinde Otterstadt hat das Angebot, als Co-Gastgeber zu fungieren, noch nicht angenommen. Im Süden wird darüber gemurrt, dass ein Bereich zwischen Dom und Rhein – nicht der eigentliche Domgarten – für das halbe Gartenschau-Jahr eingezäunt werden könnte. Mit 700.000 bis 900.000 Besuchern würde für den Fall eines Zuschlags gerechnet. Eine Kostenschätzung will die Stadt erst nach den Sommerferien vorlegen.
Neustadt auf dem „Sprung ins Grüne“
Von einer Landesgartenschau 2026 an der Mittelhaardt sollen nach dem Willen der Stadt auch deren Nachbarn profitieren. Seit geraumer Zeit wird an einer Machbarkeitsstudie gearbeitet, die Grundlage für die Bewerbung bis 15. Oktober ist. Die Stadtpolitik steht geschlossen dahinter. Trotz der Pandemie wurden auch die Bürger mit gutem Erfolg einbezogen.
Das Motto lautet „Sprung ins Grüne“. Geplant ist ein dauerhaftes Naherholungsgebiet. Mit ihm soll zum einen der Osten der Stadt aufgewertet werden und zum anderen die Innenstadt eine durchgängige Verbindung zum Ordenswald bekommen.
Zwischen zwei renaturierten Bächen
Herzstück des Geländes wäre die Altdeponie Haidmühle. Sie ist die höchste Erhebung, von ihr bieten sich weite Ausblicke auf die Haardt und die Rheinebene. Die Deponie soll recycelt werden, mit Rodelbahn, Amphitheater, Aussichtsplattform, einer Einschienen-Zahnradbahn. Grüne Konversion, die einen früheren Müllberg für alle nutzbar macht.
Ein ebenso zentrales Thema ist die Renaturierung des Rehbachs, jene des Speyerbachs geht weiter. Zwischen beiden erstreckt sich die Kernzone des geplanten Landesgartenschau-Geländes, insgesamt rund 24 Hektar. Über den Bahnhaltepunkt Böbig wäre sie direkt an den ÖPNV angebunden.
Weil eine Landesgartenschau die ländliche Infrastruktur stärken soll, rechnet sich Neustadt gute Chancen aus. Aber auch, weil die Planung komplett auf Kreislaufwirtschaft setzt. Was bedeutet: Sowohl beim Bau als auch beim Betrieb sollen möglichst nur Produkte eingesetzt werden, die wiederverwendbar sind. Diesem „Cradle-to-Cradle“-Prinzip (etwa „vom Ursprung zum Ursprung“) will sich Neustadt als erste Landesgartenschau-Kommune verschreiben.
Was es in Neustadt kosten soll
Bei den Kosten kalkuliert die Stadt mit Investitionen von 26 Millionen Euro, davon müsste sie 3,5 Millionen übernehmen. Der Betrieb sieht Ausgaben von 10,2 Millionen Euro vor bei Einnahmen von 8,3 Millionen, was für die Stadt ein Defizit von 1,9 Millionen Euro bedeuten würde. Allerdings hat sie konservativ kalkuliert, sprich mit 600.000 Besuchern und einem Tagesticket für zwölf Euro. Bisherige Landesgartenschauen haben aber immer mehr Menschen angezogen.
Wer sich noch bewirbt
Für die Landesgartenschau beworben haben sich nach Angaben des Wirtschaftsministeriums des Landes außer Neustadt und Speyer bisher – Stand 8. Juli – Bendorf, Bitburg, Mainz und die Region Mittelmosel mit den städtischen Zentren Bernkastel und Traben-Trarbach. Noch ist Zeit für weitere Bewerbungen. Die Bewerbungsphase war am 21. Januar 2020 gestartet worden und sollte ursprünglich bis Oktober 2020 laufen, wurde wegen der Corona-Pandemie aber um ein Jahr verlängert. Jetzt sind Bewerbungen bis zum 15. Oktober 2021 möglich. Wer die 2026er Gartenschau bekommt, wird voraussichtlich im ersten Quartal 2022 entschieden, so das Ministerium.
Wer über die Bewerbungen entscheidet
Wie die Vergabe zustande kommt, steht in den Bewerbungsleitlinien. Die endgültige Entscheidung fällt im Ministerrat des Landes. Zuvor gehen die Bewerbungen der Städte und Regionen aber noch durch zwei andere Gremien: einen Bewertungsbeirat und eine Auswahlkommission. Beide sollen von dem unter anderem für Gartenbau zuständigen Staatssekretär beim Ministerium geleitet werden, dem Landauer Andy Becht.
Im Bewertungsbeirat sind Interessengruppen und Verbände vertreten: Der Gartenbau, die Landschaftsarchitekten, Naturschutzverbände, Kleingärtner, aber auch die Energieagentur des Landes, Bürgermeister ehemaliger Gartenschau-Städte oder der Kinderschutzbund – um nur einige zu nennen. Dieser Beirat gibt eine grundsätzliche Empfehlung an die Auswahlkommission, ob eine Bewerbung aus seiner Sicht geeignet oder nicht geeignet ist. In der Kommission wiederum sitzen die Staatssekretäre des Landes-Innenministeriums, des Finanzministeriums und des Umweltministeriums. Sie sprechen eine Empfehlung an den Ministerrat aus – und der entscheidet dann.
Wo die bisherigen Gartenschauen waren
In Rheinland-Pfalz gibt es erst sei 21 Jahren Landesgartenschauen. Den Anfang machte im Jahr 2000 Kaiserslautern, wo die Gartenschau als dauerhafter Park ihren Fußabdruck in der Stadt hinterlassen hat. 2015 kehrte die Landesgartenschau in die Pfalz zurück, nachdem 2004 Trier und 2008 Bingen Schauen ausgerichtet hatten. Die Landauer Landesgartenschau war ursprünglich schon für 2014 geplant gewesen, musste aber um ein Jahr verschoben werden, weil auf dem Gelände, einer ehemaligen französischen Kaserne im Süden der Stadt, zahlreiche Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden waren; selbst nach der Schau tauchte noch einmal ein Blindgänger in dem Areal auf. 2022 soll die fünfte rheinland-pfälzische Landesgartenschau in Bad Neuenahr-Ahrweiler stattfinden.