Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Tierheime in der Pandemie: „Interessenten prügeln sich fast“

Katzenbabys sind niedlich, passen aber nicht in jede Familie.
Katzenbabys sind niedlich, passen aber nicht in jede Familie.

Für Abwechslung sorgen Haustiere, wenn Menschen genervt im Homeoffice sitzen. Hundewelpen und Katzenbabys stehen hoch im Kurs. Viele Pfälzer Tierheime können sich in der Pandemie kaum retten vor Anfragen, warnen aber vor voreiligen Adoptionsentschlüssen. Was einige Tierschützerinnen nervt, ist ein neuer Umgangston.

„Die hohe Nachfrage nach Hundewelpen und Katzenbabys bringt uns zur Verzweiflung“, sagt Barbara Matz, die das Ludwigshafener Tierheim leitet. Seit Corona das Land im Griff habe, steige das Interesse an Haustieren stetig. Ärger sei da an der Tagesordnung, erzählt Matz. „Wenn wir ein Tier haben, prügeln sich vier Interessenten fast darum.“ Entsprechend ruppig sei der Ton. Schlechte Bewertungen im Internet lassen Matz aber kalt: „Es gibt genügend Menschen, die unsere Arbeit zu schätzen wissen.“

 

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Eine Entscheidung fürs Leben

Den vielen Anfragen steht die Tierschützerin skeptisch gegenüber. Der Wunsch nach einem Haustier sei nicht immer durchdacht: „Den Besitzern ist oft nicht klar, dass sie sich 15 Jahre an so ein Tier binden. Wir versuchen, da bestmöglich aufzuklären.“ Die digitale Vermittlung findet Matz nicht schlecht. „Wenn jemand per Mail anfragt, vielleicht noch ein kleines Video aus seinem Zuhause schickt, können wir in Ruhe überlegen, welches Tier passen könnte.“ Bei den Einzelterminen vor Ort könne man sich viel Zeit nehmen: „Früher mussten wir uns immer um mehrere Besucher gleichzeitig kümmern.“

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Rassekätzchen und Welpen aus dem Ausland

Barbara Matz befürchtet, dass es nach dem Ende der Pandemie richtig schlimm für die Tierheime wird. Und zwar dann, wenn die Tierbesitzer in Urlaub fahren wollen und nicht wissen, wohin mit Hund und Katze. „In einigen Ludwigshafener Stadtteilen werden Britisch Kurzhaar-Kätzchen wie wild gezüchtet und verkauft. Und viele Leute kaufen Welpen aus dem Ausland. Die landen dann unter fadenscheinigen Gründen bei uns.“

Katzenbabys nur paarweise abzugeben

Auch im Tierheim Speyer gehen täglich Anrufe ein. Welpen gibt es dort keine, weil das Hundehaus in die Jahre gekommen ist. „Wir können dort keine Hundebabys aufziehen“, sagt Patrycj Schwarz, die Vorsitzende des Tierschutzvereins. Dafür werden in Speyer aber jedes Jahr unzählige Katzenbabys aufgepäppelt, die allerdings nur paarweise abgegeben werden. Das sei besser für ihr soziales Leben, so Schwarz. „Genau darauf reagieren Interessenten oft pampig“, so Schwarz. „Sie wollen sich von uns nichts vorschreiben lassen.“ Das Tierheim prüft künftige Katzen- und Hundebesitzer aus gutem Grund auf Herz und Nieren: Ein Tier könne die Corona-Langeweile zwar versüßen, es müsse aber auch nach der Pandemie in den Alltag passen, betont Schwarz. „Es sollte nicht den ganzen Tag alleine bleiben.“ Als Tierschützerin sei sie es gewohnt, angepöbelt zu werden, sagt sie. „Und derzeit sind die Menschen allgemein sehr ungeduldig. Damit müssen wir umgehen.“

Plädoyer für ältere Tiere

„Wenn wir Welpen oder Katzenbabys haben, sind sie immer sehr schnell weg“, sagt Lisa Schoch, die das Tierheim Pirmasens leitet. Auch in der Südwestpfalz gibt es Interessenten, die sich im Ton vergreifen, doch Schochs Erfahrung nach verläuft die Vermittlung meist freundlich. „Wenn man kein gutes Gefühl hat, kann man ja telefonisch absagen.“ Wer sich für ein bestimmtes Tier interessiert, muss in Pirmasens zweimal wöchentlich vorbeikommen, um es kennenzulernen. Schoch betont, dass es keinen Sinn hat, sich einen Hund anzuschaffen, nur weil man gerade im Homeoffice sitzt und Abwechslung braucht. Erfreulich findet sie dennoch, dass es einfacher geworden ist, auch erwachsene oder sogar ältere Katzen und Hunde zu vermitteln. „Mittlerweile wissen viele Leute, dass solche Tiere besonders dankbar sind, wenn sie aufgenommen werden.“

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In Neustadt geht es ruhig zu

Im Tierheim Neustadt ist die Nachfrage nach Katzenkindern und Welpen gleich geblieben. „Im Frühling rufen immer viele Leute an, die Kätzchen suchen“, sagt Tierheimleiter Werner Bösel. Die Pandemie spiele da keine Rolle. „Zur Zeit haben wir aber noch keine Jungkatzen.“ Angepöbelt würden die Neustadter Mitarbeiter nie. Da das Tierheim wegen Corona geschlossen sei und Interessenten nur zu Einzelgesprächen vorbeikämen, gehe es sowieso sehr ruhig zu.

Der Ton macht die Musik

Im Tierheim Landau ist das anders. Leiterin Christina Heim beobachtet, dass Anrufer aggressiv und pampig werden, wenn es kein passendes Tier gibt. „Die Leute wollen mit aller Gewalt ein Tier adoptieren und regen sich auf, wenn sie nichts finden.“ Es herrsche ein harscher Ton: „Wir sehen so ein Tier aber nicht als Beschäftigungstherapie und wollen wissen, wie es nach der Pandemie ist.“ Interessenten müsse klar sein, dass Katzen und Hunde lebenslang Familienmitglieder seien. Für unerfahrene Kätzchen zu gefährlich seien zum Beispiel Häuser an stark befahrenen Straßen.

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Falsche Rasse ausgewählt

Schon jetzt bekommt das Tierheim zu spüren, dass während des ersten Lockdowns unüberlegt Hunde angeschafft wurden. Mal sei aus Unwissenheit die falsche Rasse gewählt worden, mal komme man mit dem Tier nicht zurecht, weil keine Hundeschule besucht worden sei. Auch Heim rechnet mit Rückläufen, sobald Reisen wieder möglich sind. „Die Leute wollen unbedingt weg. Wir merken das an den Pensionsplätzen.“

Sogar Bewerbungsschreiben gibt es

Beim Tierheim Kaiserslautern ist die Nachfrage nach Hundewelpen enorm und noch einmal deutlich gestiegen. „Interessenten würden momentan aber auch erwachsene Tiere nehmen“, sagt Anne Knauber. Die Vorsitzende des Tierschutzvereins hat kürzlich sogar einen Brief einer jungen Familie bekommen, deren Hund gestorben war und die sich regelrecht um einen Nachfolger bewarb. „Das Schreiben war so nett, aber leider ist derzeit nichts zu machen“, so Knauber. Es sei unfassbar schwierig, ein Tier zu finden. Der Umgangston hast sich nach Auskunft der Tierärztin nicht verändert. Die Leute seien oft ungehalten und sauer, wenn sie nicht zum Zug kämen: „Das Tier kommt dennoch dort hin, wo der beste Platz ist, da muss man als Tierschützerin ein dickes Fell haben.“

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