Zweibrücken / Mainz
Mit massiver Kette: Räuber sperren Polizei ein
Der Räuber Hotzenplotz ist kein Dummkopf. Er überrumpelt den Wachtmeister Alois Dimpfelmoser und sperrt ihn im Spritzenhaus der Feuerwehr ein. Um dann, ohne Verfolgung fürchten zu müssen, in aller Ruhe das Weite zu suchen.
Möglicherweise war das Kinderbuch von Otfried Preußler Vorlage für die Geldautomatensprenger von Zweibrücken-Bubenhausen. Denn auch sie hatten die Polizei quasi hinter Schloss und Riegel gesetzt: Die Beamten sollten erst gar nicht ausrücken können – oder wenn, dann erheblich verzögert.
Das Polizeipräsidium Westpfalz bestätigte am Freitag auf Anfrage, dass in den frühen Morgenstunden des 24. Mai Unbekannte das Tor zum Hof der Polizeiinspektion Zweibrücken verschlossen hatten. Aus „einsatztaktischen Gründen“ wollte die Polizei keine Angaben zu den näheren Umständen machen.
Hinter dem Hochhaus der Polizei in einer Zweibrücker Durchgangsstraße befindet sich der Parkplatz, auf dem die Polizeiautos abgestellt sind. Der Parkplatz wird durch ein Tor geschützt, das normalerweise elektrisch geöffnet werden kann.
Bolzenschneider machtlos: Kettenglieder zu dick
Das gut sichtbare Tor besteht aus zwei Flügeln mit senkrechten Metallstäben. Wie die RHEINPFALZ erfuhr, hatten die modernen Panzerknacker die beiden Flügel des Tors mit einer massiven Kette quasi zugebunden und das Ganze mit einem schweren Schloss gesichert. Die Kettenglieder waren so dick, dass sie mit einem handelsüblichen Bolzenschneider nicht durchtrennt werden konnten. Die Feuerwehr, deren Wache sich ganz in der Nähe befindet, durchtrennte die Kette schließlich mit einer Rettungsschere.
Laut Polizei war es jedoch so, dass „der Vorfall keine Herausforderung darstellte“. Das ist wohl so zu verstehen: Erstens verhinderte das verschlossene Tor zwar, dass die Polizeiautos nach der Alarmierung aus dem Hof rausfahren konnten. Aber nur für ein paar Sekunden. Denn es gibt mindestens eine weitere Ausfahrt aus dem Hof – und das wussten die Räuber wohl nicht. Zweitens: In jener Nacht war mindestens ein Streifenwagen unterwegs. Seit einer vorangegangen Automatensprengung in Hornbach – elf Tage vor der Tat von Zweibrücken-Bubenhausen – hat die Zweibrücker Polizei bei ihren nächtlichen Streifenfahrten ein besonderes Auge auf die Geldautomaten in der Region. So wollte es der Zufall, dass dieser Streifenwagen nur 30 Sekunden vom Tatort entfernt war, als der Alarm einging.
Zweiter Sprengsatz zündet nicht
Das war gegen 3.45 Uhr am 24. Mai, einem Mittwoch. Da erschütterte eine Explosion die Ortsmitte von Zweibrücken-Bubenhausen. Bankräuber hatten im Schalterraum der Sparkasse Südwestpfalz einen Sprengsatz an einem Geldautomaten angebracht und gezündet. Die Sprengladung zerstörte nicht nur den Geldautomaten. Die Glasscheiben der Selbstbedienungs-Filiale flogen aus den Rahmen, Metallteile wirbelten durch die Luft – und Geldscheine. Die Täter rafften die Scheine zusammen und flüchteten in drei dunklen Autos: einem Audi A6 mit belgischem Kennzeichen, einem BMW mit Münchner Nummernschild und einem Golf. Mindestens drei Männer begingen die Tat, sportlich, dunkel gekleidet, zirka 1,75 Meter groß. Die Beschreibung ist so genau, weil die Detonation einige Bubenhauser ans Fenster treten ließ und weil auf dem Parkplatz vor der Sparkassenfiliale ein Mann in seinem Auto übernachtete, der, aus dem Schlaf gerissen, alles aus nächster Nähe beobachten konnte.
Nach der Explosion sammelten die Bankräuber die Geldscheine ein, aber nicht alle, fuhren dann los, kehrten aber noch einmal zurück. Sie hatten nämlich zwei Sprengsätze in dem Automatenraum angebracht, aber der eine zündete nicht. Vermutlich wollten sie nachsehen, ob der zweite mit Verspätung explodiert war. War er nicht. Fachleute sprengten ihn am nächsten Morgen kontrolliert direkt am Hornbach.
30 Sekunden fehlen: Polizei hätte die Täter fast erwischt
Hätten sich die modernen Panzerknacker 30 Sekunden länger am Tatort aufgehalten, hätte die Polizei sie erwischt. So aber flüchteten sie in zwei Fahrzeugen: Erst rasten sie – nach einer Schätzung eines Zeugen – im Abstand von zwei Minuten mit Tempo 140 bis 160 durch den Zweibrücker Stadtteil Mittelbach, dann durch das benachbarte Altheim im Saarland. Auch hier gibt eine Zeugin, die rauchend am Straßenrand stand, das Tempo der beiden Fluchtfahrzeuge mit 140 bis 160 an. Nur eine Minute später folgte der Streifenwagen der Polizei, dem es aber nicht gelang, die Täter einzuholen. Er kehrte um, fuhr über Zweibrücken-Mittelbach zurück und traf gegen 4.05 wieder am Tatort ein, so schildern es Zeugen. Über die Fluchtroute des dritten Täterwagens ist nichts bekannt geworden, nur die Spekulation, dass es über die nahe Grenze nach Frankreich gerast sein könnte.
Geldautomatenknacker und Räuber, die Geldtransporte überfallen, suchen sich meist Tatorte aus, die an einer Autobahn oder in Grenznähe liegen. Laut Landeskriminalamt handelt es sich bei den Tätern meist um hochprofessionelle Kriminelle aus den Niederlanden mit marokkanischen Wurzeln.
Täter meist Profi-Kriminelle aus den Niederlanden
Die Polizei ermittelt intensiv zu den Überfällen in Bubenhausen und Hornbach, bisher liegen jedoch „keine weiteren nennenswerten Ermittlungsergebnisse“ vor.
Im vergangenen Jahr wurden in Rheinland-Pfalz 56 Geldautomaten gesprengt. Auch in diesem Jahr schlugen die Banden wiederholt zu, auch in der Pfalz. Innenminister Michael Ebling holte Anfang des Jahres die Banken des Landes an einen Tisch. Man war sich einig, dass es so nicht weitergehen kann. Die Banken reagieren auf die Überfälle, indem sie Geldautomaten nachts nicht mehr zugänglich machen oder ganz abbauen. Die Sparkasse Südwestpfalz hält vorübergehend in einigen Filialen in Grenznähe gar kein Bargeld mehr bereit.
