Die Wochenend-Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn überall Leute fehlen, gerät unser Leben aus den Fugen

Es ist erschreckend, wie viele Leute mittlerweile an so vielen Stellen fehlen.
Es ist erschreckend, wie viele Leute mittlerweile an so vielen Stellen fehlen.

Es ist erschreckend, wie viele Leute mittlerweile an so vielen Stellen fehlen. Dadurch gerät auch unser Alltag aus den Fugen.

Schönstes Frühsommerwetter, blauer Himmel, die Sonne strahlt. Die Schule ist aus, die Arbeit ist rum. Lass uns noch zwei Stunden ins Freibad gehen, ich spendier’ dir ein Eis. Pustekuchen! Wer sich darauf gefreut hatte, der stand am Donnerstagnachmittag am Freibad vor verschlossener Tür. Bademeister krank, kein Ersatz da. Das ist ärgerlich, vor allem, wenn man sich gefreut hat und extra hergefahren ist. Aber es ist noch verkraftbar.

Wenn es nur das wäre! Ist es aber nicht: Immer öfter gerät mittlerweile unser Alltag aus den Fugen, weil niemand da ist, der die Arbeit übernimmt. Da muss man wochen- oder monatelang auf einen Handwerker oder auf einen Termin beim Arzt warten. Da wird auf einmal das Haus um Zehntausende Euro teurer, weil der Bauantrag ewig nicht genehmigt wurde. Da ruft der Kindergarten an, man möge bitte sein Kind früher abholen, weil die Kita wegen Krankheit zumachen muss.

Die Bahn streicht wochenlang die Züge

Überdeutlich zeigt sich das Problem bei der Bahn, wo man anhand der Fahrpläne genau sieht, wie hier das gewohnte Angebot nicht aufrecht erhalten werden kann. Vergangenes Wochenende fielen mal wieder Züge zwischen Pirmasens und Kaiserslautern aus, weil Personal fehlte. Und wir reden hier nicht über einen Zug, der kurzfristig gestrichen wurde, weil einem Fahrer schlecht wurde. Schon vergangenen Herbst fuhren wochenlang ab dem späten Nachmittag auf dieser Strecke keine Züge mehr. Pirmasens-Kaiserslautern ist kein Einzelfall. Auch im Lautertal stellt die Bahn immer wieder den Zugverkehr ein, weil so viele Angestellte krank sind.

Wir reden auch nicht mehr von Coronakranken, von Leuten, die mal zwei Wochen fehlen, weil sie sich angesteckt haben. Die Amtsblätter mancher Verbandsgemeinden drucken mittlerweile seitenweise Stellenanzeigen für Sachbearbeiterinnen und Erzieherinnen ab. Zweibrückens Oberbürgermeister Marold Wosnitza sprach am Dienstag beim kommunalpolitischen Frühschoppen auf dem Pfingstmarkt von 35 offenen Stellen bei der Stadt, und er sagte, dass mittlerweile sogar Neu-Ansiedlungen kritisch beäugt würden, weil sie den alteingesessenen Firmen Personal wegnehmen könnten.

Nicht nur die Arbeitgeber haben Probleme

Aber der Personalmangel ist nicht nur ein Problem der Arbeitgeber. Viele Feste werden gar nicht mehr gefeiert, weil Helfer oder ganze Vereine fehlen. Die große VTZ – mit über 2000 Mitgliedern einer der zehn größten Sportvereine der Pfalz – hat zwar „Corona ganz gut überstanden“ und kann sich über 200 neue Mitglieder freuen, aber es fehlen die Übungsleiter. Gerade für die Kinder, die ein Drittel der Mitglieder ausmachen. „Wir könnten viel mehr anbieten“, sagt die Vorsitzende Gisela Alt. Ihr Vorstandskollege Winfried Tänzer sprach gar von einer „offenen Flanke“ und ergänzte: „Das tut mir in der Seele weh.“

Wer am Bahnsteig vergeblich auf den Zug wartet, dem wird es egal sein, ob ein Sportverein Kinderturnen anbieten kann. Aber manches hängt auch zusammen. Um noch mal aufs Freibad zurückzukommen: Wenn das DLRG niemanden mehr hat, der Rettungsschwimmer ausbilden kann, fehlen Schwimmmeister. Am Ende können immer weniger Kinder schwimmen, und der DLRG fehlen die Leute. Ein Teufelskreis, der sich auf viele andere Bereiche übertragen lässt.

Unser Leben wird teurer und weniger verlässlich

Das zeigt, dass Personalmangel ein Riesenproblem ist. Nicht, weil wir mal an einem Sommernachmittag nicht ins Bad können, mal ein Zug nicht fährt oder der Wasserhahn fünf Wochen tropft. Sondern weil sich unser Leben verändert, wenn nicht mehr genug Leute da sind, um den gewohnten Gang aufrecht zu erhalten. Es wird weniger vielseitig, es wird teurer, es wird weniger verlässlich.

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