Zweibrücken
Ende des evangelischen Krankenhauses: „Ich habe nur noch geheult“
„1988 war ich Zivi beim Roten Kreuz. Eigentlich wollte ich dort weitermachen, habe mich dann aber doch für eine Ausbildung entschieden und die Straßenseite gewechselt“, erzählt Joachim Kropp von seinem Start im evangelischen Krankenhaus. Am 1. September 1988 begann er dort seine Ausbildung zum Krankenpfleger, 1992 wechselte er in die Anästhesiepflege. Dieser Abteilung blieb er bis zum letzten Tag der Klinik treu. „In den Anfangsjahren war die Arbeit noch sehr stressig. Viele Amerikaner haben im Evangelischen entbunden. Da durfte man nachts ein- bis zweimal raus, um eine PDA zu machen.“ PDA steht für Periduralanästhesie und bezeichnet ein rückenmarknahes Betäubungsverfahren, das vor allem zur Schmerzlinderung bei Geburten eingesetzt wird. Gerade in seinen ersten Berufsjahren habe Joachim Kropp viele 24-Stunden-Dienste geleistet – auch, weil seine Frau Irmela damals noch studierte und das zusätzliche Geld willkommen war. Irmela Kropp ist Anästhesistin, in ihren letzten Jahren am evangelischen Krankenhaus war sie Funktionsoberärztin. Ihr Mann war zuletzt Leiter der Anästhesiepflege.
Die Arbeit im Evangelischen haben beide geschätzt. „Wir waren eine große Familie, sind gemeinsam alt geworden“, blickt Joachim Kropp auf das Miteinander in der Belegschaft zurück. Vieles habe sich auf kurzem Dienstweg klären lassen, der Umgang miteinander sei eng und vertrauensvoll gewesen. Noch heute treffen sich Irmela und Joachim Kropp regelmäßig mit ehemaligen Kollegen – Geburtstage werden gemeinsam gefeiert, ebenso Grillfeste. Beide arbeiten inzwischen im Nardini-Klinikum. „Manchmal stehen wir dann mit dem alten Team aus dem Evangelischen wieder zusammen im OP“, sagt Kropp. Geändert habe sich letztlich nur der Ort – nicht aber das Miteinander.
„Wir hatten so sehr gekämpft“
Gerade weil der Zusammenhalt im Evangelischen so groß war, waren die Monate vor dem Aus der Klinik für viele besonders schwer, erinnert sich das Ehepaar. „Rückblickend war das Klinik-Aus abzusehen“, meint Joachim Kropp. Die Art und Weise, wie die Schließung eingeleitet wurde, habe beide jedoch schockiert. Lange habe in der Belegschaft die Hoffnung bestanden, dass es doch noch irgendwie weitergehen könnte; letztlich vergebens.
An ihren letzten Dienst erinnern sich beide noch genau. Joachim Kropps letzte Schicht war am Freitag des Stadtfestes 2016. „Vormittags bin ich noch einmal über die Station gegangen und habe mich von allen verabschiedet. Samstagmorgen habe ich dann meinen Schlüssel abgegeben und bin still und leise aus dem Haus gegangen“, erzählt er. Noch heute bewegt ihn dieser Moment. Auch Irmela Kropp weiß noch genau, wie sie ihre Sachen abgegeben hat. „Ich habe nur noch geheult. Es ist unglaublich, was da passiert ist. Und wir hatten so sehr gekämpft.“
Beide besitzen noch Erinnerungsstücke aus ihrer Zeit im Evangelischen. Joachim Kropp zeigt seine beiden Namensschilder. Besonders wertvoll sind für das Ehepaar aber ihre damaligen Arbeitsschuhe. „Die sind heute noch im Einsatz. Und da darf niemand sonst reinsteigen. Die sind mir heilig“, sagt Irmela Kropp.
„Das Haus bietet viele Chancen“
Ob aus dem Krankenhaus jemals noch einmal etwas wird? Beide zeigen sich skeptisch. „Das Haus bietet viele Chancen. Es ist ja so gebaut, dass überall Wände herausgerissen und neu gezogen werden können“, sagt Joachim Kropp. Der Knackpunkt sei jedoch, dass sich zunächst jemand finden müsse, der sich des Gebäudes wirklich annehmen wolle. „Ich habe den Eindruck, dass das Haus immer mehr zum Lost Place wird“, ergänzt er. Seine Frau fügt hinzu: „Wir haben uns oft vorgestellt, wie da oben noch unsere Sachen liegen.“
Nach dem Brand vor wenigen Wochen ist allerdings wohl auch ihre damalige Wirkungsstätte – der OP – nur noch Schutt und Asche. In Gedanken kann Joachim Kropp die Klinik noch immer Raum für Raum durchschreiten. Er kennt jede Ecke des Gebäudes. „Für uns war das ein Stück Zuhause. Durch die Schließung haben wir das schon verloren – und mit dem Brand noch einmal ein Stück mehr.“
Die Serie
Vor zehn Jahren, im September 2016, schloss das evangelische Krankenhaus in Zweibrücken für immer. Die RHEINPFALZ hat mit Ex-Mitarbeitern der Klinik gesprochen. Wie war es, damals im Evangelischen zu arbeiten? Wie haben die Mitarbeiter die Monate vor der Schließung erlebt? Wie geht es für sie weiter? Welche Zukunft sehen sie für ihr Evangelisches? Die bisher erschienenen Teile finden Sie hier.


