Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn der Rettungswagen auf sich warten lässt: „Wir haben einfach Glück gehabt“

Rettungsdienst am Tropf: In der Notfallversorgung gibt es immer wieder Engpässe.
Rettungsdienst am Tropf: In der Notfallversorgung gibt es immer wieder Engpässe.

In einer medizinischen Notlage wie einem Infarkt zählt jede Minute. Ein Albtraum, wenn dann der Rettungswagen lange auf sich warten lässt. Genau das hat eine Seniorin in Speyer erlebt.

Schwimmen stärkt das Herz-Kreislauf-System, schont die Gelenke und verbrennt Kalorien. Heiderose Schulz weiß um die gesundheitlichen Vorzüge der gleitenden Bewegung im Wasser. In jüngeren Jahren war die 86-Jährige Rettungsschwimmerin. Noch immer zieht sie nahezu täglich ihre Bahnen im Speyerer Bademaxx. Bevor sie nicht 1000 Meter geschafft hat, steigt sie selten aus dem Becken.

Doch am 30. August, einem Freitag, schafft es die rüstige Rentnerin gar nicht erst ins Wasser. Gegen 10.45 Uhr verspürt sie in der Schwimmhalle Unwohlsein und Schwindel. Sie kann auf einmal nicht mehr sprechen. Vor Jahren hat Schulz bereits einen Schlaganfall erlebt, sie kennt das Gefühl. Das Personal im Bademaxx reagiert umgehend. Die 86-Jährige wird auf eine Bank gebettet, um 10.53 Uhr geht der Notruf raus. Zwei weitere Notrufe werden folgen, so berichtet es später Alfred Schulz, Ehemann der betagten Schwimmerin.

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Die Alarmglocken schrillen

Doch es geschieht – nichts. Dabei sollte „in der Regel innerhalb einer Fahrtzeit von maximal 15 Minuten nach dem Eingang des Hilfeersuchens bei der Leitstelle jeder an einer öffentlichen Straße gelegene Einsatzort“ vom Rettungsdienst erreicht werden. So steht es im Landesrettungsdienstgesetz. Erst um 11.36 Uhr – so hält es die alarmierte Hilfsorganisation im Einsatzbericht fest – trifft ein Rettungswagen ein, nach 43 Minuten. Die Patientin wird erstversorgt, der Rettungswagen steuert das Speyerer Diakonissen-Stiftungskrankenhaus an, das über eine sogenannte Stroke Unit verfügt, eine Notfalleinrichtung für Schlaganfallpatienten.

43 statt 15 Minuten

Dort aber wird Schulz abgewiesen, aufgrund „fehlender Kapazitäten“, wie die Hilfsorganisation festhält. Der Rettungswagen fährt daraufhin ins Klinikum nach Ludwigshafen, ebenfalls Standort einer Stroke Unit. Hier wird Heiderose Schulz versorgt. Heute geht es der Speyererin den Umständen entsprechend gut, sagt ihr Ehemann. Seine Frau erhalte Logopädie, „sie schwimmt auch wieder“.

Dennoch macht sich Alfred Schulz, der ebenso wie seine Frau anders heißt, große Sorgen. Um seine Gattin und ums Rettungswesen an sich. „Der Oberarzt in Ludwigshafen meinte, wir hätten einfach Glück gehabt“, erinnert sich der 84-Jährige: „Bei einem Schlaganfall seien innerhalb einer Stunde Sofortmaßnahmen erforderlich, um negative Folgen zu vermeiden. Es hätte anders ausgehen können.“ Schulz war Architekt, exakte Planung ist sein Metier. „Warum kam der Rettungswagen so spät?“, fragt er.

Wird Hilfsfrist eingehalten?

Ja, warum? Zuständig für die Organisation des Rettungswesens in der Region ist die Rettungsdienstbehörde des Rhein-Pfalz-Kreises. Sie muss sicherstellen, dass die Rettungsdienste im Gebiet der Kreise Rhein-Pfalz und Bad Dürkheim sowie der Städte Ludwigshafen, Speyer, Frankenthal und Neustadt den gesetzlichen Verpflichtungen nachkommen. Das sei der Fall, versichert die Behörde auf Anfrage und verweist darauf, dass in der Vorderpfalz und damit auch in Speyer die 15-minütige Hilfsfrist in 95,97 Prozent der Einsätze eingehalten werde. Rechtlich gefordert sei ein „Zielerreichungsgrad“ von 95 Prozent: „Das schließt leider nicht aus, dass die Frist in Einzelfällen nicht erreicht wird.“

Insider aus dem Rettungswesen, die nicht namentlich genannt werden wollen, sehen darin eine Beschönigung. Tatsächlich seien zu wenige der 21 Rettungswagen, die in der Region vorzuhalten sind, einsatzbereit. So komme es zwangsläufig zu Verzögerungen. Die Rede ist von Stunden, je nachdem, wie die Integrierte Leitstelle in Ludwigshafen die Dringlichkeit eines Bedarfs einschätzt.

Nächster Einsatz noch beim Ausladen

Und weil zu wenige Fahrzeuge mit Besatzung auf der Wache bereitstünden, würden auch Rettungswagen alarmiert, die noch Patienten im Krankenhaus ablieferten. So wie bei Heiderose Schulz: Ihr Rettungswagen bekam laut Protokoll um 11.15 Uhr den Einsatz zugeteilt. Da stand das Fahrzeug in einem Speyerer Krankenhaus – „mit einem anderen Patienten in der Übergabe mit dem aufnehmenden Arzt“, heißt es im Einsatzbericht: „Daraus ergab sich ein zeitlicher Versatz, bis der Patient übergeben und das Fahrzeug aufgerüstet und desinfiziert war, von 15 Minuten.“ Trotz des Klinikaufenthalts war dieser Rettungswagen am Morgen des 30. August „das dem Einsatzort nächstbefindliche, geeignete Rettungsmittel“, teilt die Kreisverwaltung mit. Sprich: Es war kein anderes verfügbar, das günstiger positioniert gewesen wäre.

Während die Rettungsdienstbehörde nur von geringen Ausfallzeiten von Rettungswagen spricht, von täglich zwei bis drei Fahrzeugen, sehen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in dieser Situation eine Unterdeckung des Bedarfs, die für Patienten gefährlich werden kann. Auch wenn die offiziellen Zahlen anderes suggerierten, zähle intern die Hilfsfrist nicht ab Eingang des Notrufs in der Leitstelle, sondern erst ab dem Zeitpunkt, ab dem eine Rettungswagenbesatzung einen Einsatz übernommen habe – selbst wenn sie noch anderweitig gebunden sei. „Da ist es klar, dass die 95 Prozent Zielerreichungsgrad trotzdem eingehalten werden“, sagt ein Insider.

Rettungskräfte fehlen

Auch Behörden bezweifeln offenbar die Leistungsfähigkeit des regionalen Rettungswesens. So hat Speyer im Mai mit der Johanniter-Unfallhilfe eine Vereinbarung über ein Ersthelfersystem geschlossen, das die Nothelfer im Stadtgebiet unterstützen soll. Begründet wurde dies mit der „rettungsdienstlichen Situation“, die sich „seit September 2021 verschärft“ habe: „Durch fortgesetzte Ausfälle von Rettungswagen sehen wir die Gefahr, dass die Notfallversorgung der Bevölkerung nicht mehr im erforderlichen Maße sichergestellt ist.“

Die Rettungsdienstbehörde hatte im November 2023 den Rettungsorganisationen mit Bußgeldern gedroht, sollten sie nicht die erforderliche Anzahl einsatzbereiter Fahrzeuge bereitstellen. Seitdem habe sich die Situation „gebessert“, so die Behörde. Bei Bedarf werde „nachgebessert“.

Katastrophenschutz alarmiert

Die Anzeichen jedoch mehren sich, dass etwas grundsätzlich im Argen liegt. An dem Wochenende, an dem Heiderose Schulz sehnlich auf einen Rettungswagen wartet, informiert die Leitstelle die Berufsfeuerwehr Ludwigshafen „über eventuell auftretende Engpässe bei der Disposition von Rettungsmittel“, wie die Stadt Ludwigshafen auf Anfrage bestätigt. Daraufhin wurde eine Einheit des Katastrophenschutzes alarmiert „zur vorbereitenden Sicherstellung und zum Schutz der Bevölkerung in Ludwigshafen“. In diesem Moment galt sozusagen der Katastrophenfall. Dieses Jahr habe es jedoch nur eine Alarmierung dieser Art gegeben, so die Stadt.

Eine einmalige brenzlige Situation also? Am 21. September wählt eine Speyererin den Notruf, wie sie dieser Zeitung berichtet. Ihr 76-jähriger Gatte hatte demnach zuvor drei Tage lang nichts essen und trinken können. Er habe 2023 eine Hirnblutung erlitten und sei im Februar im Bauchraum operiert worden. „Ich habe mir daher große Sorgen gemacht“, erzählt die Seniorin: „Er war ganz verwirrt.“ Nach einer Stunde sei noch kein Rettungswagen da gewesen, nicht nach zwei Stunden und nicht nach drei, auch nicht nach mehrfacher telefonischer Nachfrage. Schließlich seien sie selbst in die Notaufnahme des „Diak“ gefahren. Der Vorfall macht die Speyererin noch immer fassungslos: „Wo bleibt denn da der Mensch?“

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