Vorderpfalz
Kreisverwaltung schlägt Alarm: Rettungsdienst vor Kollaps?
Der Brief, den der Rhein-Pfalz-Kreis am 9. November 2023 an die Rettungsdienste in der Vorderpfalz verschick, ist unmissverständlich. „Wie bereits mehrfach besprochen und diskutiert“, heißt es im Schreiben der Behörde, die in der Vorderpfalz für die Organisation des Rettungswesens verantwortlich ist, „stellen die aktuellen und auch bereits über einen längeren Zeitraum fortbestehenden Ausfälle bei den vorzuhaltenden Fahrzeugen (…) nicht nur eine Gefährdung der Erfüllung des gesetzlichen Auftrages dar, sie führen auch zu der Frage, ob die Sanitätsorganisationen noch über eine uneingeschränkte dauerhafte Leistungsfähigkeit verfügen.“
Gefährdung? Leistungsfähigkeit? Es liegt offenbar etwas im Argen im hiesigen Rettungswesen, das auf den Schultern vor allem des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), aber auch der Johanniter-Unfall-Hilfe, des Malteser Hilfsdienstes und des Arbeiter-Samariter-Bundes ruht. Die Behörde sieht sich gar genötigt, fortan die „ausgefallenen Schichten/Dienste rechtssicher“ zu dokumentieren. Zum Zweck, „bei Fortbestehen der Leistungsunterversorgung Bußgeldverfahren gegen die jeweiligen Leistungserbringer einleiten zu können“. Im Klartext: Können Einsatzfahrzeuge nicht ausrücken, obwohl sie vertraglich dazu verpflichtet wären, könnte es für betroffene Hilfsorganisationen teuer werden.
Ein Drittel nicht am Start
„Das wird höchste Zeit“, sagt Andreas Maier. Der Pfälzer, seit der Jugend im Rettungsdienst engagiert, befürwortet, dass der Kreis nun genauer hinsieht, denn die Lage sei „brisant“. Zu lange habe die Verwaltung nichts gegen die Engpässe unternommen. Patienten hätten nach einem Verkehrsunfall „schon mal mehr als zwei Stunden auf einen Rettungswagen warten“ müssen, berichtet Maier, der anders heißt, aber seinen wahren Namen und den seines Arbeitgebers nicht in der Zeitung lesen will. Zwar betreffe dies in der Regel Fälle, die von den Disponenten auf der Leitstelle als weniger dringlich eingestuft würden. Doch auch solche könnten sich vor Ort als gefährlicher entpuppen als vermutet. Infolge der teils langen Reaktionszeit könne es „zu lebensbedrohlichen Situationen“ kommen.
In der Region würden „häufig“ und „seit Jahren“ viele Rettungsmittel ausfallen, betont Maier und präsentiert Unterlagen, die seine Aussage stützen. Demnach fehlten etwa in den vergangenen Monaten an etlichen Tagen bis zu acht Rettungswagen, weil sie zum Beispiel krankheitsbedingt nicht besetzt werden konnten. Das ist rund ein Drittel der in der Summe 21 Fahrzeuge dieser Art, die in Ludwigshafen, Frankenthal, Speyer und Neustadt sowie im Rhein-Pfalz-Kreis und im Kreis Bad Dürkheim für Notfalleinsätze täglich vorzuhalten sind.
Tiefpunkt im Spätjahr 2023
Schon wenn alle Fahrzeuge einsatzbereit seien, „sind es eigentlich zu wenige“, so Maier. Im Zuständigkeitsbereich der Rettungsdienstbehörde des Rhein-Pfalz-Kreises und der Integrierten Leitstelle Ludwigshafen leben rund 620.000 Menschen. Doch bei so vielen Ausfällen werde die Arbeit der Retter geradezu prekär. Besonders schlimm sei die Situation im Spätjahr 2023 geworden. „Zeitweise waren und sind für Ludwigshafen und Frankenthal tagsüber nur zwei Rettungswagen am Start“, schildert der erfahrene Helfer den Ernst der Lage. In Speyer war bisweilen gar kein Rettungswagen startklar. Die Feuerwehr musste einspringen, was deren Chef Peter Eymann missfiel – und Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) 2023 fordern ließ, die Kompetenz für das örtliche Rettungswesen vom Kreis in die Domstadt zu verlagern.
Auch andere Mitarbeiter von Hilfsorganisationen zeichnen ein beklemmendes Bild der Umstände. Öffentlich äußern will sich niemand, doch ist die Rede von überlangen Arbeitszeiten und rastlosem Gehetze bei im Schnitt acht bis neun Einsätzen pro Zwölf-Stunden-Schicht. Die Helfer seien „ausgelaugt“, sagt Maier. Der Frust wachse, viele würden sich aus dem Job verabschieden oder in Bundesländern abwandern, in denen Rettungskräfte besser bezahlt würden.
Fielen Rettungswagen aus, steige die Gefahr, dass im Notfall kein Fahrzeug greifbar oder in der Nähe sei. Gerade der Süden der Stadt Ludwigshafen und Altrip seien unterversorgt. Dadurch verlängere sich die Anfahrtszeit zum Einsatzort. Die gesetzliche Hilfsfrist für die Versorgung von Notfällen von 15 Minuten ab dem Eingang des Notrufs auf der Leitstelle sei daher oft nicht einzuhalten: „Nicht mal mit Blaulicht und Martinshorn.“
Fast 95 Prozent in der Frist
„Wir stehen nicht kurz vor dem Zusammenbruch“, betont hingegen Thomas Hauck. Die harschen Worte im Schreiben seiner Behörde vom November hätten eher juristische Gründe, so der Leiter der Abteilung Recht, Ordnung, Verkehr des Rhein-Pfalz-Kreises. Die tatsächliche Situation sei weniger dramatisch, was man daran erkenne, dass die Hilfeleistungsfrist zu fast 95 Prozent eingehalten werde.
Oder wie der für den Katastrophenschutz zuständige Referatsleiter Robin Klamm es formuliert: „Nur in etwas mehr als fünf Prozent der Einsätze brauchen die Helfer länger.“ Meist seien sie in sechs bis acht Minuten vor Ort. Dabei gebe es zwar Unterschiede zwischen Stadt und Land, doch diese seien gering: „Für unseren großen Zuständigkeitsbereich ist das ein sehr guter Wert.“ Klamm streitet nicht ab, dass es zu längeren Wartezeiten oder zu Einsatzverdichtungen kommt. Es gebe nun mal Tage, da gehe es „Schlag auf Schlag“. Das lasse sich in einem so dicht bevölkerten Gebiet nicht vermeiden. Und auch Altrip sei seinen Daten zufolge nicht abgehängt.
„Es fehlen schlicht die Fachkräfte“
Hauck will die Situation im Rettungswesen nicht schönreden. Man erkenne eine Gefährdung des gesetzlichen Auftrags, räumt er ein. Daher habe man gegenüber den Rettungsdiensten die Daumenschrauben angezogen. Aber das Problem sei strukturell: „Es fehlen schlicht die Fachkräfte.“ Das betreffe weniger die Akutversorgung durch Notärzte, hier registriere man kaum Ausfälle. Jedoch gebe es zu wenig Personal, um alle Rettungswagen sowie die Posten auf der Leitstelle zuverlässig zu besetzen. „Das betrifft im Grunde alle Hilfsorganisationen.“ Seit die Bereitschaftspraxen ihre Dienstzeiten eingeschränkt haben, sei zudem das Notrufaufkommen in der Leitstelle höher. Die Rate der „Fehlanrufe“ liege schon bei rund 15 Prozent. Das binde Ressourcen.
Die Rettungsdienstbehörde sei bemüht, die Strukturen anzupassen – trotz des geringen finanziellen Handlungsspielraums, den Krankenkassen und Land gewährten. Die Notfallversorgung wurde verbessert mit einem Rettungswagen, der je zur Hälfte in Speyer und in Schifferstadt stationiert ist. „Ausnahmsweise“, so Hauck, wurden personelle Vorgaben gelockert, um Kräfte für die Dienste in den Rettungswagen freizumachen. Zu Jahresbeginn habe sich die Situation spürbar entspannt, derzeit würden im Mittel nur noch zwei bis drei Rettungswagen pro Schicht ausfallen.
Stärkere Kooperation gefordert
Das wird jedoch nicht ausreichen, den Engpass zu beseitigen, sind sich Hauck und Klamm bewusst. Sie sähen es nach eigenem Bekunden gern, wenn die vier Rettungsdienste stärker kooperierten, um Lücken zu stopfen. Beispielsweise, indem sie sich gegenseitig bei Personalmangel aushelfen. Oder indem sie mehr Rettungswachen gemeinsam betreiben, wie jene von Johannitern und Maltesern in der Ludwigshafener Sternstraße. Nachhaltig helfen würde es aber wohl nur, die Beschäftigung im Rettungsdienst attraktiver zu machen.
