Speyer
Stoffhaus-Explosion: Stadt plant den Neuaufbau
Dass die Umstände der Explosion, bei der vier Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, nicht schnell aufgeklärt werden können, hatte sich Mitte September erstmals angedeutet. Der geplante Termin für den Gutachter am Unglücksort – ein entscheidender Faktor für die Aufklärung des Falls – hatte ein ums andere Mal verschoben werden müssen. Einer der Gründe dafür war, dass das Gebäude aufgrund von Einsturzgefahr ohne Nachbesserungen nicht freigegeben werden konnte.
Erst anderthalb Monate nach der Explosion in der Wormser Straße 8 gelang es dem Gutachter, das Gebäude zu betreten, Gegenstände mitzunehmen und sich vor Ort ein Bild zu machen. Die zuständige Staatsanwaltschaft Frankenthal hatte aber bereits Mitte Oktober wenig Hoffnung auf ein schnell vorliegendes Gutachten gemacht. Mindestens einen Monat würde dessen Erstellung in Anspruch nehmen, hieß es damals. Dieser Monat ist nun vorbei, doch das Ergebnis scheint erneut in weite Ferne gerückt: „Wir rechnen mit mehreren Wochen oder Monaten“, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Hubert Ströber auf RHEINPFALZ-Anfrage.
Stadt will bald mit Neuaufbau beginnen
Die Aussagen der zwei schwer verletzten Arbeiter, die sich während der Explosion im Gebäude aufgehalten hatten, fehlen ebenfalls. Sie schweigen zu den Geschehnissen am Tag des Unglücks und Ströber geht davon aus, dass es dabei bleiben wird, solange das Gutachten nicht einsehbar ist. Beide lassen sich demnach über Anwälte vertreten.
Auch die Planungen der Stadt, die Eigentümerin des Gebäudes ist, zum Neuaufbau mussten zunächst hinten angestellt werden. Nachdem die Kriminalpolizei die Baustelle freigegeben hat, ist die zuständige Abteilung der Verwaltung gemeinsam mit der Versicherung durch das Gebäude gegangen, informiert Stadtsprecherin Lisa Eschenbach auf RHEINPFALZ-Anfrage. Die Schäden der Explosion müssten demnach nun aufgenommen und dokumentiert werden.
„Die Abgrenzung zwischen alten und neuen Schäden ist dabei nicht ganz einfach und relativ aufwändig“, sagt Eschenbach und bezieht sich darauf, dass das Haus bereits vor der Explosion eine Baustelle war, auf der seit Monaten gearbeitet worden war. „Alle Planer sind derzeit mit den entsprechenden Aufstellungen für ihre Gewerke beschäftigt. Um die Tragwerke genauer untersuchen zu können, müssen weitere Einbauten abgebrochen werden“, informiert Eschenbach. Was mit dem zerstörten Gewölbekeller passiert, sei mit der Denkmalschutzbehörde abgeklärt. Der Statiker berechne gerade die notwendigen Arbeiten.
Die Verwaltung plant, dass der Neuaufbau des Gebäudes „hoffentlich innerhalb der nächsten vier Wochen“ beginnen kann. Ein Zeitplan für die Dauer der Maßnahmen könne erst erstellt werden, „wenn die Schadensanalyse vollständig ist und die Wege zur Wiederherstellung der tragenden Bauteile vorhanden sind“. Die Stadt rechnet fest damit, dass das ehemalige Stoffhaus wieder fit gemacht werden kann und sich an der ursprünglich vorgesehenen Verwendung nichts ändern wird.
Das ist eine Information, die der künftige Mieter der Immobilie, die Shaoyun Kosmetikmanufaktur, auch gerne erfahren hätte. „Wir haben keinerlei Auskunft über weitergehende Maßnahmen“, sagt Daniel Laschkari, Geschäftsführer von Shaoyun. „Wenn ich nachfrage, höre ich meistens, dass man nichts wisse“, erzählt er. Dass die künftigen Mieter „gar nichts gesagt bekommen“, findet er „nicht in Ordnung“. Weil die Zukunft des Familienbetriebs aufgrund der Verzögerungen auf dem Spiel steht – geplanter Einzug war in diesem Quartal –, hat Laschkari gemeinsam mit seiner Ehefrau Shaoyun Liang beschlossen, die Strategie zu ändern. „Wir bleiben erst mal in den alten Räumen, um ein bisschen produzieren zu können“, so Laschkari auf Anfrage.
Der größte Raum in der Geschäftsstelle im Obergeschoss des Kornmarkts, der wegen des geplanten Umzugs mit Umzugskartons zugestellt war, ist wieder ausgeräumt worden. Nun stehen dort wesentlich kleinere Produktionsmaschinen als der Betrieb eigentlich braucht. „Wir können auf diese Weise 200 von unseren neuen Lippenstiften am Tag produzieren“, erklärt Laschkari.
Shaoyun: Speyerer unterstützen das Geschäft
Für den Umzug in die Wormser Straße 8 war auch der Einsatz neu gekaufter, größerer Maschinen angedacht, die aber aufgrund von Verzögerungen bei der Sanierung des Gebäudes und nun aufgrund der Explosion noch immer ungenutzt im Lager stehen. Mit diesen Geräten können Laschkari zufolge 6000 Lippenstifte „mit einer Ladung produziert“ werden. In der derzeitigen Lage seien 15 Tage nötig, um das zu produzieren, was mit den neuen Maschinen innerhalb eines Tages möglich gewesen wäre. Im Kornmarkt ist dafür aber kein Platz.
Weil auch Kosmetikbehandlungen vor Ort nicht möglich seien, versucht der Betrieb die Flucht nach vorne: 15 verschiedene Messen wolle das Ehepaar im kommenden Jahr ansteuern, um dort Produkte verkaufen zu können. Überrascht zeigte sich Laschkari von der Anteilnahme der Speyerer Bürger. „Viele sind gekommen, die nicht mal unsere Kunden waren, und haben uns ihr Mitleid ausgedrückt und mit Einkäufen unterstützt“, erzählt er. Dafür wolle er sich bedanken.
