Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Speyerer Familie: Erleichtert unterwegs nach extremer Frühgeburt

Stolz auf ihre beiden Kinder: Marcel und Lorna Cerba.
Stolz auf ihre beiden Kinder: Marcel und Lorna Cerba.

Außenstehende wissen oft gar nicht, wie belastend Frühgeburten sein können. Auch deshalb gab es in Speyer einen besonderen Termin – mit mehr als einer erleichterten Familie.

Es war ein schöner Tag für die Cerbas. Die junge Familie aus Speyer durfte tagsüber das erste Krabbeln ihres jüngsten, noch nicht mal ein Jahr alten Sprosses bewundern. Und abends ging es für sie zum Lichterumzug – ein Spaß vor allem für den dreijährigen Bruder. Die unbeschwerte Runde mit Laternen um das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus hatte allerdings einen Bezug zu einer richtig schweren Zeit für die Familie. Die Klinik veranstaltete sie anlässlich des Weltfrühgeborenentags. Und die Cerbas waren eingeladen, weil ihre Tochter im November 2024 nach gerade einmal 23 Schwangerschaftswochen das Licht der Welt erblickt hatte. Mehr als drei Monate auf der Kinderintensivstation folgten.

„Es war extrem belastend, emotional und organisatorisch“, sagt Vater Marcel Cerba über diese Zeit. Das Leben seiner Tochter stand auf der Kippe, bevor es richtig begonnen hatte. Eine Geburt in dieser frühen Phase birgt hohe Risiken für Komplikationen. Sie kann auch ethisch belastende Fragen mit sich bringen. Soll medizinisch alles versucht werden, um das junge Leben zu retten? Das ist in dieser frühen Phase keine Selbstverständlichkeit. „Wir haben uns dafür entschieden, alles zu tun“, berichtet Mutter Lorna Cerba. Sie war mit einer Teilablösung der Plazenta ins Krankenhaus gekommen. Beim Baby wurde per Spritze eine sogenannte Lungenreife eingeleitet – und viel Zeit zum weiteren Überlegen blieb nicht, denn schon drei Tage später kam das Mädchen mit gerade einmal 530 Gramm Geburtsgewicht zur Welt.

Zeit des Bangens

Es begann eine lange Zeit des Bangens. Mit Intensivstation. Mit Brutkasten. Mit Beatmung. Und mit immer mehr Erleichterung: Das Kind entwickelte sich gut. „Sie hat einen echten Kämpfer-Willen. Wir sind superglücklich“, erzählt die Mama. Auf die Intensivbehandlung folgte eine Zeit auf der „normalen“ Kinderstation, damit sich die Familie auf den Alltag zu Hause vorbereiten konnte. „Wir hatten beide Angst davor“, so Lorna Cerba. Aber auch hier: keine Rückschläge. „Es war, wie mit einem reif geborenen Kind nach Hause zu gehen.“

Bei Lichterumzug ist die Kleine im Kinderwagen dabei. Als sie auf den Arm ihres Papas darf, beobachtet sie mit wachen Augen ihre Umgebung. In wenigen Tagen feiert sie ihr erstes Wiegenfest. Ihr errechneter Geburtstermin liegt erst acht Monate zurück – und auf dieser Grundlage habe sie sich ganz normal entwickelt, berichtet ihre Mutter. Gerade kürzlich habe es wieder ein großes Lob von der Physiotherapeutin gegeben. Die Cerbas haben die Einladung der Diakonissen gerne angenommen, weil sie das Team der Kinderklinik und andere Eltern wiedersehen wollten. „In vier Monaten lernst du viele kennen“, erklärt Marcel Cerba. Die harte Zeit schweiße zusammen. „Man hat immer das Gefühl, man lässt ein Kind zurück“, sagt seine Gattin über die Phase nach der Geburt, in der man täglich in der Klinik gefragt war, obwohl eigentlich der große Sohn im Kindergarten eingewöhnt werden sollte.

„Uns ist wichtig, dass die Situation von Frühgeborenen noch stärker wahrgenommen wird“, erklärt Chefarzt Hans-Jürgen Gausepohl die Premiere des Lichterumzugs. In Deutschland kämen jährlich rund 60.000 Kinder zu früh zur Welt, weltweit jedes zehnte Neugeborene. Eltern, die sich eigentlich auf die Geburt als schönes Ereignis freuten, erlebten enorme Belastungen bis hin zur Traumatisierung. In der „Diak“-Gynäkologie werde viel dafür getan, Frühgeburten zu verhindern oder hinauszuzögern – aber wenn es doch dazu komme, seien hochspezialisierte Ärzte- und Pflegerteams vor Ort. Sarah Düttra und Julia Keller, die das Lichterfest organisierten, stünden dafür als Leiterinnen der Intensivstation.

Heimvorteil in Speyer

Die Cerbas hatten in Speyer einen Heimvorteil, weil das „Diak“ als sogenanntes Level-1-Zentrum eines von wenigen Krankenhäusern ist, das extreme Frühchen wie ihre Tochter behandeln darf. Für 2024 stehen 41 Kinder mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm in der Statistik, vor der 24. Woche werden aber in vielen Jahren nur ein oder zwei gezählt. Eine Ausnahme sei ausgerechnet das Corona-Jahr 2020 mit acht vergleichbaren Fällen gewesen, berichtet Gausepohl. Insgesamt kommen in zwölf Monaten regelmäßig mehr als 3600 Kinder in der größten Geburtsklinik des Bundeslandes zur Welt. Anlässlich des Weltfrühgeborenentags waren rund 80 ehemalige Frühchen ab dem Geburtsjahr 2020 mit ihren Familien zu Gast.

„Eine Frühgeburt kann weitreichende Folgen haben und Familien prägen“, sagt Chefarzt Gausepohl. Dafür wolle das Speyerer Krankenhaus ein Bewusstsein schaffen. „Jeder Tag zählt“, ordnet er problematische Schwangerschaften ein. Es gehe dann auch um viele Gespräche mit den Eltern und gemeinsam erarbeitete Therapiekonzepte. Von den Cerbas gibt es dafür viel Lob – und doch sind sie froh, mit der Klinik seit dem Frühjahr kaum noch Kontakt gehabt zu haben. Das zeigt nämlich, wie gut sich ihre kleine Kämpferin entwickelt.

Weltfrühgeborenentag: Chefarzt Hans-Jürgen Gausepohl begrüßt die Teilnehmer.
Weltfrühgeborenentag: Chefarzt Hans-Jürgen Gausepohl begrüßt die Teilnehmer.
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