Speyer
Psychologin zu sexuellen Übergriffen: „Viele Opfer geben sich selbst die Schuld“
Sexuelle Übergriffe vor allem auf Frauen und Mädchen wie mutmaßlich auf eine 15-Jährige auf einer Fasnachtsparty im Josephskeller sind keine Einzelfälle, sondern allgegenwärtig, sagt Psychologin Nina Lindermaier vom Frauennotruf Speyer. Was können Betroffene tun, wenn sie Opfer geworden sind und mit welchen Folgen haben sie zu kämpfen?
Frau Lindermaier, an wen können sich Mädchen und Frauen nach einem sexuellen Übergriff wenden?
Der Frauennotruf bietet Frauen und Mädchen einen geschützten Rahmen, in dem sie über das Erlebte sprechen können, aber nicht müssen. Dort erhalten sie Unterstützung bei der Verarbeitung des Übergriffs, unabhängig davon, was genau und wann es passiert ist. Häufig geht es darum, wie Betroffene mit ihren Gefühlen, Gedanken, Ängsten und Folgen des Übergriffs umgehen können. Daneben kann auch die Entscheidung, ob die Betroffenen Anzeige erstatten möchten oder nicht, ein Thema der Beratungen sein.
Was leistet der Frauennotruf?
Er unterstützt, informiert und berät Mädchen und Frauen sowie deren Umfeld, also Vertrauenspersonen oder Fachkräfte, vertraulich, kostenfrei und auf Wunsch anonym. Die Anzahl der Beratungen, die Dauer und die Themen, worüber Frauen und Mädchen sprechen möchten, entscheiden sie selbst. Bei Bedarf kooperiert der Frauennotruf mit weiteren Fachstellen. Nach einer Vergewaltigung können sich Betroffene im Klinikum Ludwigshafen medizinisch versorgen und eine vertrauliche gerichtsfeste Spurensicherung vornehmen lassen – auch ohne Strafanzeige gegen den Täter. Jungs können sich an den Kinderschutzdienst in Speyer wenden.
Ab wann spricht man von einem sexuellen Übergriff?
Grenzverletzungen sind alle Verhaltensweisen, die die körperlichen, psychischen oder Scham-Grenzen anderer überschreiten. Diese Grenzen sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Bei all diesen Übergriffen geht es darum, die eigene Überlegenheit zu demonstrieren und das Opfer zu demütigen. Sexuelle Handlungen werden quasi als Waffe oder Mittel benutzt. Sie müssen nicht mit körperlicher Gewalt einhergehen. Für viele Mädchen und Frauen sind Grenzverletzungen so alltäglich, dass sie gelernt haben, diese als normal hinzunehmen und auszuhalten.
Welche Auswirkungen hat ein sexueller Übergriff auf die Opfer?
Die Reaktionen sind individuell sehr verschieden und von außen häufig nicht zu erkennen. Betroffene leiden immer an Schuld- und Schamgefühlen, obwohl sie für die Taten nicht verantwortlich sind. Weitere Folgen sind Albträume, Ängste, Schlafstörungen und erhöhte Anspannung. Andere fühlen sich emotional distanziert und innerlich leer. Aufgrund der großen Schuld- und Schamgefühle und des verzweifelten Wunsches nach Normalität versuchen viele Betroffene, ihre Emotionen und Reaktionen zu verstecken. Juristische Kategorien wie Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung haben keinen Einfluss darauf, wie Betroffene einen Übergriff wahrnehmen und verarbeiten. Dennoch ist wichtig, die Taten eindeutig zu benennen als das, was sie sind: nämlich sexualisierte Gewalt.
Mit welchen Widerständen haben Opfer zu kämpfen?
Betroffene geben sich meist noch immer selbst die Schuld für das, was passiert ist. Hinzu kommt, dass das Umfeld häufig mit vielen Fragen reagiert und ihnen so das Gefühl gibt, dass ihnen nicht geglaubt wird. Daher schweigen viele und bleiben mit ihren Gedanken und Gefühlen allein. Das kann nicht selten bis zu suizidalen Gedanken führen.
Zu welchem Zeitpunkt sollten Betroffene sich Hilfe suchen?
Jeder Mensch hat immer ein Recht auf Hilfe – egal, was sie oder er zuvor getan oder nicht getan hat. Von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen und Mädchen, aber auch Eltern und andere Personen aus ihrem Umfeld, können sich jederzeit beim Frauennotruf Hilfe holen – egal, wie lange der Übergriff zurückliegt. Viele wissen gar nicht, dass es für solche Situationen Anlaufstellen gibt und sagen später, dass sie sich alleingelassen gefühlt haben.
Wie können Angehörige, beispielsweise die Eltern, helfen?
Häufig wird Betroffenen nicht geglaubt, ihre Wahrnehmung wird angezweifelt oder aus Unsicherheit und Unwissen werden unpassende Ratschläge gegeben. Wichtig ist also, Betroffene mit ihren Emotionen und Reaktionen auf das Erlebte ernst zu nehmen und dabei zu unterstützen, sich Hilfe zu holen. Besonnen zu reagieren, ist nicht einfach.
Wo ist die Gefahr für sexuelle Übergriffe besonders groß?
Sexualisierte Grenzverletzungen und Übergriffe passieren überall dort, wo Menschen zusammenkommen: in Schulen, Sportvereinen, am Arbeitsplatz, auf privaten und öffentlichen Partys. Die Täter sind im Großteil der Fälle den Betroffenen bekannt. Noch immer denken viele, dass sexualisierte Übergriffe vor allem von fremden Männern an abgelegenen Orten unter Einsatz körperlicher Gewalt begangen werden – doch das ist ein Mythos. Richtig ist, dass die überwiegende Mehrheit der Täter männlich ist.
Was können Frauen und Mädchen tun, um sich zu schützen?
Frauen und Mädchen vor sexualisierten Übergriffen zu schützen, ist eine gesellschaftliche und politische Aufgabe. Keine – und keiner – kann sich allein schützen. Trotzdem können sich Frauen und Mädchen auf ihr Bauchgefühl verlassen: Wenn sie sich unwohl fühlen, dürfen und sollen sie die Situation verlassen, sofern das möglich ist. Auf Partys kann es sinnvoll sein, sich mit Freunden und Freundinnen zusammenzutun, gemeinsam nach Hause zu gehen und aufeinander zu achten.
Mit wie vielen Fällen hat der Frauennotruf in Speyer jährlich zu tun?
Nur wenige Mädchen und Frauen suchen sich zeitnah Hilfe, weil immer noch viele denken, eine Vergewaltigung sei es nur dann, wenn der Täter ein Unbekannter ist, die Tat überfallartig passiert und körperliche Gewalt angewendet wird. Die Anzahl der jährlichen Beratungsfälle liegt bei etwa 80, aber das spiegelt nicht das tatsächliche Ausmaß sexualisierter Gewalt wider. Jede dritte Frau erlebt mindestens einmal in ihrem Leben eine strafrechtlich relevante Form von sexualisierter und/oder körperlicher Gewalt. Nur der geringste Teil wird angezeigt.
Wie wirken digitale Medien und soziale Netzwerke?
Mit der digitalen Welt sind neue Formen sexualisierter Gewalt entstanden wie etwa Cybergrooming. Daneben treten analoge und digitale Gewaltformen häufig parallel auf. Betroffene können beispielsweise mittels intimer Fotos oder persönlichen Informationen nach dem Übergriff erpresst und daran gehindert werden, sich Unterstützung zu holen.
Gibt es einen Bewusstseinswandel, also eine höhere Sensibilität hinsichtlich solcher Taten?
In den vergangenen Jahren hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung sexualisierter Gewalt gewandelt. Dennoch ist die Bereitschaft immer noch groß, Betroffene selbst für Übergriffe verantwortlich zu machen. Viel zu selten wird von Männern und Jungen gefordert, Grenzen zu respektieren und nicht übergriffig zu werden. Mädchen wird immer noch zu selten beigebracht, laut zu werden und sich zu wehren, wenn ihr Wille übergangen wird. Zudem fehlen der politische Wille und die notwendigen Rahmenbedingungen, Frauen und Mädchen vor sexualisierten Übergriffen zu schützen und sie nach erlebter Gewalt angemessen zu unterstützen.
Zur Person
Nina Lindermaier (30) ist Psychologin und Musiktherapeutin und berät Hilfesuchende beim Frauennotruf Speyer. Die Heidelbergerin hat Berufserfahrung in einer
Psychosomatischen Klinik gesammelt.
Kontakt
- Frauennotruf Speyer, Telefon 06232 28833, montags und mittwochs 9 bis 17 Uhr, donnerstags 9 bis 15 Uhr, ansonsten AB oder E-Mail: frauennotruf-speyer@t-online.de. Online-Beratung unter: www.frauennotruf-speyer.de.
Bundesweites Hilfetelefon rund um die Uhr: 116016.
Kinder-Jugendtelefon für unter 14-Jährige: 116111.
Für Jungs: Kinderschutzdienst unter Telefon 06232 8725121.