Speyer
Sexualisierte Gewalt: „Viele Fälle werden nicht gemeldet“
Ilga Schmitz (63) ist seit 17 Jahren als Beraterin beim Frauennotruf tätig. Sie hat viel erlebt und muss dennoch immer wieder den Kopf schütteln. „Sie treffen auf Parallelwelten, bei denen Sie sich denken, das darf nicht wahr sein“, sagt sie über Fälle sexualisierter Gewalt, die ihr vorgetragen werden. Und das sei nur die Spitze des Eisbergs, denn viele Fälle auch in Speyer und Umland würden nicht gemeldet oder nicht erkannt. Letzteres liege auch an den beiden Sätzen, die Schmitz nicht mehr hören will: „War ja nicht so schlimm“ oder „Die Frau ist selbst schuld“, lauten diese. Dabei definiere die Frau, was sie als Grenzüberschreitung empfindet. „Vielen ist nicht klar, wo sexualisierte Gewalt anfängt.“
Die sogenannte Vorinformation ist deshalb ein wichtiges Anliegen in der „parteilichen“ Arbeit der vom Verein Labyrinth getragenen Beratungsstelle: Das Personal glaubt den Schilderungen der Frauen und Mädchen. Diese können entscheiden, was sie erzählen. Die Aufklärung im Vorfeld soll Bewusstsein wecken. Schmitz und ihre Mitte 2022 hinzugekommene Kollegin Nina Lindermaier schulen zum Beispiel in Schulen, Firmen und Werkstätten mit jeweils individuellen Programmen. Eine sehr erwünschte Folge sei, dass sie aus diesen Bereichen verstärkt um Rat gebeten werden. Die Anzahl der Betroffenen selbst sei über die Jahre konstant bei ungefähr 80 geblieben. Manche meldeten sich nur kurzzeitig, andere über Jahre.
Belästigung am Arbeitsplatz
Sexualisierte Gewalt gebe es zwar wie vor drei Jahrzehnten. Der Themenkreis verändere sich aber auch, unter anderem mit dem Aufkommen der sozialen Medien. „Man muss die digitale Welt im Kopf haben“, betont Lindermaier. Diese eröffne auch den Tätern neue Möglichkeiten. Eine weitere Tendenz sehen die beiden Frauen in erhöhter Sensibilität für Belästigung am Arbeitsplatz, die es in vielen Formen gebe. Der Frauennotruf wolle darauf in Zukunft einen Schwerpunkt legen. Allzu häufig wiegelten Arbeitgeber ab und setzten Täter ihre Opfer unter Druck. Betroffene Frauen suchten sich zum Teil stillschweigend einen neuen Arbeitsplatz, „nur um kein Feuer zu entfachen“.
Auch die Rückkehr der großen Feier-Anlässe wie Brezel- oder Altstadtfest soll laut Schmitz und Lindermaier für mehr Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden. Unter anderem solle es dann um K.o.-Tropfen gehen, die bei Großveranstaltungen immer wieder eingesetzt würden und ein unterschätztes Problem seien. „Sie kommen überall vor und führen zu Erinnerungslücken“, erklärt Schmitz. Wer sich unsicher sei, was passiert ist, dürfe sich ebenfalls melden. Die Wege zur Beratungsstelle mit Büro in der Kleinen Pfaffengasse 28 wurden dabei erweitert: Neu dazugekommen ist eine Online-Beratung, zu der Interessierte über einen QR-Code gelangen.
Hinter den neuen digitalen Angeboten steht Nina Lindermaier, mit 29 Jahren der jüngere Part im Beraterinnen-Duo. „Wir ergänzen uns gut“, betonen beide. Lindermaier ist eine Psychologin und Musiktherapeutin aus Heidelberg, die mit beruflicher Erfahrung aus einer Psychosomatischen Klinik nach Speyer gekommen ist. Auch auf Instagram und Facebook ist der Notruf seit Dezember vertreten, um zu informieren, aufzuklären und auf Veranstaltungen hinzuweisen. „Wir sind positiv überrascht über die Rückmeldungen“, sagt sie. Auch einen neuen Flyer, ein Logo und einen Newsletter hat sie initiiert. Die Info-Offensive soll ein altes Problem der Fachstelle beheben: „Kaum jemand weiß, was wir genau machen.“ Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch die Abgrenzung zum Frauenhaus, das für die Sicherheit von Frauen nach Gewalterfahrungen in engen sozialen Beziehungen zuständig sei.
Begrenzte Ressourcen
Die zwei 25-Stunden-Stellen in der Beratungsstelle seien eine Verbesserung gegenüber früheren Jahren, eigentlich nicht genug, so Schmitz und Lindermaier. Sie wissen aber, dass ihr Trägerverein Labyrinth mit begrenzten Mittel arbeiten müsse. Finanzielle Hilfe komme vom Landesfamilienministerium, von der Stadt Speyer und dem Rhein-Pfalz-Kreis. Für den Rest sorgten Spenden, und hier kämpfe man mit einem Problem wie andere Institutionen: einem Rückgang um 70 Prozent gegenüber der Zeit vor der Pandemie.
Im Netz
www.frauennotruf-speyer.de
Termin
Zusammen mit dem Stadtverband der Partei Die Linke bietet der Frauennotruf einen „Feministischen Selbstbehauptung- und Selbstverteidigungskurs für Frauen“ an. Er findet am Samstag, 4. Februar, 11 bis 17 Uhr, im Jugendraum des Naturfreundehauses statt. Zielgruppe: Frauen und Mädchen ab 14 Jahren. Die Teilnehmerinnenanzahl ist auf 18 beschränkt, deshalb ist Anmeldung unter E-Mail kreisvorstand@die-linke-speyer.de erforderlich. „Sportlichkeit und Fitness sind nicht erforderlich“, heißt es.