Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Neustadt-Speyer: Wahlkreissieger liegt krank auf der Couch

Meiste Stimmen: Johannes Steiniger (CDU):
Meiste Stimmen: Johannes Steiniger (CDU):

Johannes Steiniger (37, CDU) ist der souveräne Sieger im Bundestagswahlkreis Neustadt-Speyer. Er wird aber wohl nicht der Einzige sein, der die Region in Berlin vertritt.

Bei den Zweitstimmen im Wahlkreis schnitten CDU (30,4 Prozent) und SPD (18,1) etwas stärker ab als ihre Parteien auf Bundesebene, die Linke (5,6) lag deutlich darunter. Auf Platz zwei: die AfD (20,4); Vierter: die Grünen (11,8). Bei den Erststimmen, die für das Direktmandat zählen, rückt SPD-Bewerberin Isabel Mackensen-Geis vor dem AfD-Bewerber auf Platz zwei. Klarer Gewinner, wie auch bei den beiden vorangegangenen Bundestagswahlen, ist der christdemokratische Bewerber Johannes Steiniger.

Steiniger konnte seinen Erfolg nicht wie eigentlich geplant im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin verfolgen: Er musste krankheitsbedingt auf der Couch in der Hauptstadt bleiben. Anders als 2021, als er sich am Wahlabend lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Isabel Mackensen-Geis (SPD) geliefert hatte, lag er um 23.000 Stimmen vor der SPD-Kandidatin. Ob der Wahlkreissieger auch tatsächlich in den Bundestag einzieht, stand am Abend zwar noch nicht endgültig fest, aber es sehe gut aus, sagte Steiniger.

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„Riesengroße Verantwortung“

„Der Wahlkampf war der politischste, den ich je geführt habe“, blickte er auf die vergangenen Wochen zurück. Viele Bürger seien zu Veranstaltungen oder an die Stände gekommen, um sich zu informieren. Angesichts des Ergebnisses sieht Steiniger eine „riesengroße Verantwortung“ für die Parteien, die Themen Migration und Wirtschaftswachstum zu lösen. Sonst, so prophezeite der Bad Dürkheimer, würden die Ränder in vier Jahren noch stärker. In der Koalitionsfrage sieht er die Parteien der Mitte gefordert, „über ihren Schatten zu springen“, um eine stabile Regierung zu bilden. Feiern wollte er am Sonntagabend nicht mehr: „Bei mir gibt es heute Kamillentee statt Sekt.“

Lag Isabel Mackensen-Geis bei der Wahl 2021 nur knapp hinter Steiniger, kämpfte die Sozialdemokratin am Sonntag um Platz zwei mit Thomas Stephan von der AfD. Das hat die 38-Jährige nicht überrascht. „Es ist ein schwieriges Wahlergebnis, das ich sehr ernst nehme“, bekannte sie. Darin komme viel Unzufriedenheit der Wähler zum Ausdruck. Zugleich seien viele unsicher über ihre Wahlentscheidung gewesen. „Dass die Wähler so viele Informationen wollen, habe ich vorher noch nie erlebt“, sagt Mackensen-Geis, die seit 2019 Bundestagsmitglied ist. Am Abend sah es so aus, als würde ihr fünfter Platz auf der Landesliste ausreichen, um wieder in den Bundestag einzuziehen. Tröstend sei der Zusammenhalt des Wahlkampfteams, so die 38-Jährige, die den Abend in ihrem Wahlkreisbüro in Neustadt verbrachte. Am Montag fährt sie nach Berlin, um das Ergebnis mit der SPD aufzuarbeiten.

Gerührter AfD-Debütant

AfD-Wahlkreiskandidat Thomas Stephan (54) aus Haßloch wird wohl als Fünfter der Landesliste seiner Partei erstmals in den Bundestag einziehen. Morgens habe er Brezeln in Wahllokalen verteilt, ehe er am frühen Nachmittag selbst seine Stimmen im Haßlocher Gymnasium abgab. Den Wahlabend verbrachte er mit gut 50 politischen Freunden und Wegbegleitern in zunehmend ausgelassener Stimmung in Haßloch. Angesichts des sich abzeichnenden Einzugs in den Bundestag werde er „sicher noch ein paar Tränchen verdrücken“, wenn sich alles bestätige, so Stephan. Er sprach von einem „unglaublichen Zuspruch für meine Partei und mich“.

Habe er das Mandat, werde er am Montagmittag nach Berlin fliegen. Die wahlkreisweit knapp unter 20 Prozent der Erststimmen sowie die knapp über 20 Prozent der Zweitstimmen verbuche er angesichts der deutlichen Steigerungen im Vergleich zu 2021 als Erfolg, sehe darin aber auch eine Verpflichtung: „Wir sind noch nicht am Ende der Fahnenstange.“ Dass die AfD in seinem Heimatort Haßloch mit 26,3 Prozent hauchdünn bei der Zweitstimme vor der Union (26,2) auf Platz eins landete und er sich bei der Erststimme am Ende nur knapp Steiniger geschlagen geben musste, habe „zwei-, dreimal für Gänsehaut gesorgt, als die Ergebnisse eingetrudelt sind“, betonte Stephan.

Für Misbah Khan von den Grünen stand klar das Zweitstimmenergebnis im Fokus. Darauf habe sich die Kampagne ihrer Partei ausgerichtet. „Wir gewinnen in Rheinland-Pfalz keine Direktmandate“, macht sich die Spitzenkandidatin der rheinland-pfälzischen Grünen keine Illusionen. Angesichts der starken ländlichen Prägung hätten es die Grünen nicht leicht. Daher sieht sie positiv, dass sich das Grünen-Ergebnis an das des bundesweiten Durchschnitts annähere. Kein gutes Zeichen für die Demokratie sieht Khan darin, dass auch im Wahlkreis Neustadt-Speyer die Pöbeleien im Wahlkampf und die Zerstörung von Plakaten stark zugenommen hätten. Andererseits hätten die Grünen auch viele neue Mitglieder gewonnen.

Linke hat viel vor

Sehr zufrieden mit dem Ergebnis seiner Partei zeigt sich Dave Koch, Direktkandidat der Linken. „Vor einem halben Jahr hätte niemand damit gerechnet, dass wir mit voraussichtlich mehr als 60 Sitzen in den Bundestag einziehen“, so der Co-Landesvorsitzende. Er führt den Wahlerfolg seiner Partei auf deren konsequente Haltung in der Sozial- und Migrationspolitik zurück. „Wir haben uns nicht auf das Abschiebethema eingelassen.“ Auch sieht er gute Chancen, die Position seiner Partei in Rheinland-Pfalz auszubauen. So habe der Landesverband binnen eines Jahres seine Mitgliederzahl von 1250 auf 2500 verdoppelt. „Nun geht es darum, diesen enormen Zuwachs in langfristige Wahlergebnisse umzuwandeln“, so Koch.

Fritz Weilacher (BSW) ist mit dem Abschneiden seiner Partei auf Bundesebene zufrieden – auch wenn diese am Abend noch um den Einzug in den Bundestag bangte. Er geht davon aus, dass der Höhenflug der Linken das BSW viele Stimmen gekostet habe. Grundsätzlich ist Weilacher der Ansicht, dass das BSW erfolgreicher sein werde, wenn der Name Sahra Wagenknecht künftig aus dem Parteinamen gestrichen wird. Damit könne die Partei den Vorwurf entkräften, Personenkult zu betreiben. Sein eigenes Erststimmen-Ergebnis im Wahlkreis Neustadt-Speyer liege im Bereich des Erwartbaren, sagte er.

Bianca Hofmann (FDP), die mit ihrem Erststimmenergebnis nochmals deutlich unter den Parteistimmen der Liberalen blieb, war enttäuscht: „Der Trend hat nicht für die FDP gesprochen.“ Das Zweitstimmen-Ergebnis ihrer Partei – im Wahlkreis bei 4,9 Prozent – hätte sie gerne „zumindest bei sieben Prozent“ gesehen.

Für Michael Priwe, Direktkandidat der Freien Wähler, ist das Ergebnis von rund 2,7 Prozent „schwer zu bewerten“. Er sagt: „Die Wahl stand unter besonderen Vorzeichen. Mehr erschreckt mich das Ergebnis der AfD.“

An dieser Stelle finden Sie Statistiken von 23degrees.

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Noch am Hoffen: Isabel Mackensen-Geis (SPD).
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Stimmabgabe in Haßloch: Thomas Stephan (AfD).
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