Speyer / Dudenhofen
Militärischer Sicherheitsbereich: Wie die Bundeswehr in den Sanddünen übt
Ganz unscheinbar hängt sie weit oben an einem Mast neben einer Schranke auf der Natostraße im Wald zwischen Speyer und Dudenhofen: Die rote Flagge zeigt, dass sich zurzeit Einheiten der Bundeswehr auf dem Standort-Übungsplatz in den Sanddünen befinden. Das rund 96 Hektar große Gelände gilt seit 1. März 2023 als „militärischer Sicherheitsbereich“. Für die Bevölkerung heißt das: Betreten verboten. Bundeswehr-Kräfte patrouillieren. In den ersten elf Monaten sprachen Armee-Angehörige Spaziergänger und Freizeitsportler nur an, versuchten es mit Belehrungen und verwiesen die Personen vom Gelände. Weil das nicht den gewünschten Erfolg hatte und weiter Menschen auf den Übungsplatz kamen, wurden die Kontrollen strenger. „Erst als wir ein Ordnungswidrigkeitenverfahren mit Bußgeld einleiten haben lassen, hat sich die Situation gebessert“, sagt Stabsfeldwebel T.
Der 47-Jährige kam vor 27 Jahren durch den Grundwehrdienst zur Bundeswehr, ist heute Stabsfeldwebel und seit fünf Jahren für den Übungsplatz mit verantwortlich. Er und sein Kollege, Stabsfeldwebel W., verdeutlichen: Das Betretungsverbot sei nicht nur Voraussetzung für einen ungestörten Übungsbetrieb, sondern diene vor allem dem Schutz der Bevölkerung. „Auf dem Platz befindet sich Munition. Hier sind Bagger, Rad- und Kettenfahrzeuge zum Teil mit hoher Geschwindigkeit und eingeschränkter Sicht unterwegs. Das birgt Gefahren.“
Bundeswehr schätzt Vielseitigkeit des Geländes
Der Platz ist gefragt und das zu jeder Jahreszeit: „Es gibt keine Woche im Jahr, in der nichts los ist“, sagt Stabsfeldwebel T. Zu Gast sind nicht nur Angehörige des Luftwaffenausbildungsbataillon aus Germersheim, in dessen Zuständigkeit das Übungsgelände fällt, sondern auch andere Bundeswehr-Einheiten: Rekruten, die ihre Grundausbildung absolvieren, Pioniere, die sich auf bestimmte militärische Aufgaben spezialisiert haben, Spezialkräfte und „einsatzvorbereitende Truppen“. Wer als Soldat auf dem Übungsplatz zwischen Speyer und Dudenhofen war, kann in Krisen- und Kriegsgebiete auf der ganzen Welt geschickt werden.
Der Vorteil des Geländes: Es ist vielseitig. Die Sanddünen seien optimal für anspruchsvolle Fahrstunden. Die Soldaten werden dort befähigt, geländegängige Fahrzeuge sicher zu bewegen, sagt T. Das offene Gelände und der Wald bieten Platz für Gefechtsszenarien. Auf der noch einmal vergrößerten Biwak-Fläche lernten die Rekruten, ihr Zelt aufzuschlagen und „im Feld zu überleben“. Schlafen im Freien, essen im Freien und waschen im Freien. Im Winter im Schein von Grubenfeuern. Alles stehe unter dem Motto: „Wie komme ich in der Natur klar“ – und das bei Wind und Wetter, Kälte und Hitze. Der ein oder andere komme dabei an seine Grenzen.
Aufgabe für Soldaten: Feldlager bewachen
Die körperliche Ausbildung auf dem Standortübungsplatz und die Befähigung mit Fahrzeugen und Waffen umzugehen, ist das eine. Der psychologische Aspekt ist das andere. Leutnant K. steht auf einem asphaltierten Bereich des Übungsplatzes und beobachtet das Szenario. Der Ausbildungsleiter hat die Soldaten seiner Einheit im Blick. 18 von ihnen befinden sich in seiner Nähe. Ihre Aufgabe ist es, ein Feldlager zu betreiben und zu bewachen. Dafür patrouillieren 36 Soldaten außerhalb des Lagers – auch in kleinen Jeeps. Am sogenannten Main-Gate kommen immer wieder über eine Zeitarbeitsfirma gebuchte Zivilisten an, die in die Rolle von Besuchern geschlüpft sind und das Lager betreten wollen. Sie werden am Eingang nacheinander von bewaffneten Soldaten kontrolliert, zur Seite geführt und abgetastet. Erst dann dürfen sie weitergehen.
In Kriegs- und Krisengebieten kann es sich bei solchen Besuchern um Ortskräfte handeln, die im Lager der Bundeswehr zum Beispiel eine Wäscherei betreiben. Sie seien vor ihrer Beschäftigung umfassend überprüft worden und werden dennoch jeden Tag am Haupteingang kontrolliert, erklärt Stabsfeldwebel W. das Prozedere. Er ist 56 Jahre alt, seit 37 Jahren bei der Bundeswehr und hat umfassende Auslandseinsatz-Erfahrung. Bei der Übung auf dem Standortplatz geht es auch um Konzentration und Durchhaltevermögen. Wenngleich über einen langen Zeitraum nacheinander immer wieder unauffällige Besucher das Lager betreten, dürften die Soldaten nicht nachlässig werden. Es könne immer jemand dabei sein, der Böses im Schilde führe – spionieren oder einen Anschlag verüben wolle. Und dann sei Waffeneinsatz nicht mehr ausgeschlossen, deutet W. an. „Es ist eine intensive Ausbildung, die aufeinander aufbaut und sehr angesehen ist“, sagt der Stabsfeldwebel.
In Übungsplatz wird weiter investiert
Das ist der Bundeswehr etwas wert. Die Soldaten bekämen gleich zu Beginn ihrer Ausbildung die neueste Ausrüstung: Helme, Schutzwesten, Waffen. „Je früher sie damit ausgebildet werden, desto besser können sie damit umgehen“, sagt W. Das koste die Bundeswehr Geld. Und nicht nur das: Auch in den Standort-Übungsplatz soll weiter investiert werden. Seit Jahren ist der Abriss der ehemaligen französischen Schießanlage geplant. Zudem soll die Infrastruktur – also Hallen und Baracken sowie die Technik – ertüchtigt werden. Die Bundeswehr spricht von einem Millionenprojekt. Mehr als 1,5 Millionen Euro sollen investiert werden. Wann es losgeht, kann T. noch nicht abschätzen. Es sei mal dieses Jahr angedacht gewesen, aber in einem solchen Verfahren seien zahlreiche Absprachen mit Behörden, Forst und Naturschutzverbänden notwendig. Die Pläne für die Ertüchtigung seien da. „Wir halten an ihnen fest“, sagt der Standort-Stabsfeldwebel. Es wird klar: Der Übungsplatz in den Sanddünen zwischen Speyer und Dudenhofen hat eine große Bedeutung für die Armee und wird auch in Zukunft Ziel von zahlreichen Bundeswehr-Einheiten aus der Republik sein. Die rote Fahne wird somit weiterhin regelmäßig an der Schranke wehen.