Speyer
Kliniken leiden unter hohen Kosten
Das Gegenmittel, das die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) eingesetzte Kommission dem siechenden Patienten Klinikbetrieb verabreichen will, ist nichts weniger, als die Krankenhauslandschaft umzukrempeln. So empfehlen die Fachleute, bundesweit alle Krankenhäuser in drei Versorgungsstufen einzusortieren, von der Maximalausstattung eines Uni-Klinikums (Stufe drei) über spezialisierte Krankenhäuser (Stufe zwei) bis hin zu Grundversorgern (Stufe eins). Die bisherige Finanzierung der medizinischen Behandlung über sogenannte Fallpauschalen wird zurückgefahren, im Gegenzug sollen Krankenhäuser vermehrt Vorhaltepauschalen erhalten – also Geld allein schon dafür, dass sie bestimmte Versorgungskapazitäten bereitstellen, vom Personal über die Betten bis hin zur teuren Technik.
Für Wolfgang Walter, Geschäftsführer des Diakonissen-Stiftungs-Krankenhauses, gehen diese Vorschläge „in die richtige Richtung“. Entscheidend werde für viele Krankenhäuser, in welcher Versorgungsstufe sie letztlich landen, ist der 59-Jährige überzeugt. Denn davon hänge ab, welche Leistungen sie künftig anbieten dürften. Das „Diak“ mit seinen 484 Betten, rund 2000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 150 Millionen Euro sieht Walter in dieser Hinsicht gut aufgestellt: „Wir rechnen damit, dass wir in Versorgungsstufe zwei kommen.“ Das würde bedeuten, dass sich am Leistungsspektrum wohl wenig ändert – ein Vorteil gegenüber kleineren Häusern auf dem Land, meint Walter. Die könnten die ein oder andere Fachrichtung verlieren, weil sie jeweils nicht genug Fälle hätten.
Spezialisierung gefragt
Im Umkehrschluss könnten bestimmte Leistungen, etwa in der Versorgung von Neugeborenen, in spezialisierte Krankenhäuser wie das „Diak“ abwandern. Diese bräuchten dann aber die Mittel, mit dem erwartbaren größeren Andrang fertig werden zu können: „Die Politik muss an dieser Stelle Investitionen ermöglichen“, sagt Walter.
Die Auswirkungen der angedachten Krankenhausreform auf die Kliniken in der Region bewertet er als nicht gravierend, denn schließlich gebe es bereits eine Spezialisierung zwischen den einzelnen Standorten, gerade in Speyer, wo Diakonissen- und St.-Vincentius-Krankenhaus etliche medizinische Fachbereiche untereinander aufgeteilt hätten.
So sei das „Diak“ stark in der Kinderheilkunde engagiert – ein Bereich, der vermutlich von Vorhaltepauschalen profitieren werde. Denn das bisherige System der Fallpauschalen funktioniere in der Pädiatrie nicht: „Wir haben Monate wie Dezember oder Januar, da kommen wir mit unseren Möglichkeiten ans Limit. Und wir haben Sommermonate, da ist viel weniger los. Die Strukturen und das Personal muss ich aber trotzdem bereitstellen, ich kann das Personal ja nicht einfach wegschicken“, erläutert Walter.
Umverteilung erwartet
Insgesamt werde es wohl eher eine Umverteilung innerhalb des Systems geben, als dass zusätzliches Geld fließe, meint der erfahrene Klinik-Manager. Dass sich etwas ändern muss, steht für ihn außer Frage. Schon jetzt mangle es an Personal, und dieser Zustand werde sich mit der Verrentung der Babyboomer verschärfen: „Wir werden gar nicht mehr alle 1900 deutschen Krankenhäuser betreiben können.“
Das „Diak“ versuche mit vielen Ausbildungsangeboten und der Anwerbung ausländischer Helfer gegenzusteuern. „Wir haben aktuell mehr Pflegekräfte als vor der Pandemie“, sagt Walter. Und auch bei den Fallzahlen sei man mit rund 26.000 stationären Patienten im Jahr wieder auf dem Niveau von 2019. Nicht viele Kliniken hätten das geschafft.
Kosten laufen davon
Der „Diak“-Chef sieht ein viel größeres, weil akutes Problem nicht in der Struktur des Krankenhauswesens, sondern in den stark gestiegenen Kosten für Energie, Material und Personal. „Wir hatten vergangenes Jahr eine Inflation von 7,9 Prozent. Unsere Preise durften wir aber nur um 2,2 Prozent erhöhen. Da sieht man, was gerade schiefläuft.“ Hier müsse es eine „finanzielle Kompensation“ seitens von Bund und Land geben, fordert Walter.
Dem kann Wolfgang Schell nur beipflichten. Der Vorstand der Krankenhaus-Stiftung der Niederbronner Schwestern, die das „Vincenz“ betreibt, fragt sich, wie er allein schon die gestiegenen Energiekosten auffangen soll. Schell rechnet mindestens mit einer Verdopplung im Vergleich zu vor dem Ukraine-Krieg. Das Land müsse dafür sorgen, dass die Krankenhäuser liquide blieben. Sein Haus mit bald 256 Betten, 600 Mitarbeitern und rund 200 Auszubildenden sei bei der Patientenanzahl „noch nicht wieder auf dem Level wie vor der Pandemie“, die Kosten würden jedoch weiterlaufen.
Auch aus diesem Grund hält Schell die geplanten Vorhaltepauschalen für „richtig“. Gleichwohl sei es gut, die Fallpauschalen nicht gänzlich zu streichen, um keine falschen Anreize für eine Überversorgung zu schaffen: „Es braucht eine gute Mischung im System.“
In welche Versorgungsstufe das „Vincenz“ bei der angestrebten Krankenhaus-Reform eingruppiert werde, darüber wolle er nicht spekulieren, sagt Schell. Noch seien viele Punkte des Pakets im Detail nicht geklärt. Allerdings sei man durch die Konzentration auf bestimmte Fachbereiche wie Urologie, Unfallchirurgie oder Pneumologie – auch im Gleichklang mit dem „Diak“ – gut vorbereitet: „In Speyer haben wir die geforderte Spezialisierung schon hinter uns.“
Einen Überblick über die Situation in der Vorderpfalz lesen Sie hier.
