Serie: Mein Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Im Schatten des Doms: Wo eine internationale Top-Forscherin zur Ruhe kommt

Ort der Ruhe und Kraft: Die Virologin Isabella Eckerle zieht es immer wieder zurück in den Domgarten.
Ort der Ruhe und Kraft: Die Virologin Isabella Eckerle zieht es immer wieder zurück in den Domgarten.

Es ist der Domgarten, in dem Isabella Eckerle bei jedem Besuch das Herz aufgeht. Die renommierte Virologin schätzt an diesem Stück Natur in der Stadt vor allem die Ruhe, während drum herum hektische Betriebsamkeit herrscht. Und ein kleines bisschen hat der Ort auch mit ihrem Beruf zu tun.

Sehr oft weilt Isabella Eckerle nicht mehr in Speyer. Zwei- bis dreimal im Jahr schafft es die international hoch angesehene Virologin, die seit einigen Jahren bei Genf lebt, noch in die alte Heimat. Doch dann führt sie ihr Weg meist hierher, an ein verwunschenes Plätzchen im Domgarten. „Ich liebe Speyer, es ist eine so schöne Stadt“, sagt die 43-Jährige, die in Dudenhofen aufgewachsen ist, aber in Speyer zur Schule ging und am Edith-Stein-Gymnasium ihr Abitur machte. Und am schönsten sei es hier, in der Stille des lauschigen Grüns rund um die romanische Kathedrale.

„Es ist wie ein Stück Natur in der Stadt und hat zu jeder Jahreszeit seinen Reiz“, findet die Pfälzerin, die bereits als Kind von der Natur fasziniert war und eigentlich Biologie studieren wollte, bis sie sich dann doch für die Humanmedizin entschied. Von dort war es dann nicht mehr weit, Krankheiten nicht nur zu behandeln, sondern auch ihre Ursachen zu erforschen – Infektionen, die durch Bakterien und vor allem Viren ausgelöst werden. Eckerle entdeckte ihre wahre Leidenschaft in der Untersuchung tropischer Krankheitserreger und deren Strategien, mögliche Wirte zu finden und zu befallen, darunter auch den Menschen.

Gefährlichen Viren auf der Spur

Zoonosen nennt man den Vorgang, wenn Krankheitserreger auf natürlichem Weg von Tieren auf den Menschen überspringen. Und die Exil-Speyererin ist mittlerweile als außerordentliche Professorin am Zentrum für Neuartige Viruserkrankungen an der Uni-Klinik Genf ganz weit vorn an der Forschungsfront etwa bei Coronaviren. Weshalb ihr in der Pandemie besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde, als sie die Viruslast von Kindern und Erwachsenen untersuchte.

„Im Sommer kann man an diesem Ort die Fledermäuse hören und sie umherflattern sehen“, sagt die Forscherin im Domgarten. Beruflich hat sie die beschwingten Säugetiere als Wirt für potenziell gefährliche Viren besonders im Blick, in ihrer knappen Freizeit genießt sie es, sie beim Beutezug zu beobachten. „Dort hinter der Bank habe ich meine ersten Glühwürmchen gesehen“, erinnert sich Eckerle an einen Besuch des Domgartens in Jugendtagen.

Häufig sei sie nach der Schule hierher gekommen, vor allem während der Oberstufe – und gerade zum Altstadtfest – wurden die Grünanlage und die Wiesen zu Fuß des Gotteshauses zu einem steten Anlaufpunkt für die heutige Naturwissenschaftlerin und ihre Freundinnen. Bis heute sei der Domgarten für sie ein besonderer Ort, ein Ort von Ruhe und Kraft, der mit einem starken Gefühl verbunden sei: „Für mich ist das Heimat.“

Neue Kraft schöpfen in der Natur

Übers Jahr hinweg ist die Virologin ständig auf Reisen, hetzt von Tagung zu Tagung, von Fachgespräch zu TV-Auftritt. Der Austausch in der Wissenschaftsgemeinde und das Interesse an ihrem Forschungsgebiet machen es nötig. Da schätzt Eckerle besonders Plätze wie die Bank im Domgarten, an denen sie einfach mal die Welt anhalten kann, und sei es nur für eine kurze Zeit. Besonders anziehend findet sie dabei den „schönen Gegensatz zwischen Wald und Stadt. Hier die Ruhe, da hinten die wuselige Hauptstraße“, sagt sie und zeigt Richtung Domplatz. Solche Orte brauche sie in ihrem stressigen Alltag, erzählt die zweifache Mutter.

Genf sei Speyer durchaus vergleichbar, schön gelegen am Wasser, rundherum Berge und Wald, in denen sie mit ihrer Familie wandern, radeln oder auch nur spazieren gehen könne. Sie selbst wohnt außerhalb der Schweizer Großstadt und genießt es „raus in die Natur zu kommen. Da fällt der Stress dann ab“. Die Wochenende versuche sie sich freizuhalten, vor allem nach den Erfahrungen und Belastungen der Corona-Zeit.

„Da habe ich zwei Weihnachten durchgearbeitet“, berichtet sie. Es ging darum, dem Virus Sars-CoV-2 und seinen Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Das habe Spuren hinterlassen, berichtet Eckerle, das pausenlose Arbeiten sei erschöpfend gewesen, auch die Anfeindungen, die sie und andere Experten wie Forscherkollege Christian Drosten erlebten, hätten an ihr gezehrt. In der Natur schöpfe sie neue Energie.

Nachwuchs für Wissenschaft begeistern

Das sei auch nötig, denn zu erforschen gebe es noch so viel, sagt Eckerle, die sich um Nachwuchsgewinnung kümmert. Ihr Ziel ist es, Mädchen für die Naturwissenschaften zu begeistern und diejenigen, die bereits begeistert sind, in ihrer Wahl einer wissenschaftlichen Laufbahn zu bestärken. Wissenschaft und Forschung, auch im Spitzenbereich, seien inzwischen mit dem Thema Familie vereinbar. „Es ändert sich gerade etwas“, sagt Eckerle. Wohlwissend, dass sie für viele Mädchen und junge Frauen eine Vorbildfunktion hat mit ihrem Weg vom Dorf über Speyer, die Hochschulen Heidelberg, Bonn und Liverpool schließlich in die Führungsebene der Schweizer Top-Institution, was Virologie anbelangt.

„Wir haben viele Frauen in unseren Arbeitsgruppen, und auch Kinder sind kein Hindernis“, wirbt die zweifache Mutter für Mut zum Beschreiten des Wegs in die Wissenschaft. Aber auch sie weiß: „Bis volle Gleichberechtigung erreicht ist, muss noch was passieren.“ Ob sie wieder zurückkehren will in die alte Heimat, dauerhaft? Eckerle lacht. Aktuell sei das kein Thema. Aber wenn in Speyer oder Umgebung einmal ein Institut gegründet würde, das die Erforschung neuartiger Viren zum Zweck hat, könnte sie sich überreden lassen. „Dann würde ich zurückkommen, ja.“ Die Bank im Domgarten läge ihr in dem Fall deutlich näher.

Die Serie

Bekannte Speyerer zeigen uns einen Ort in der Stadt, mit dem sie persönliche Geschichten oder Erinnerungen verbinden, und erzählen davon vor Ort. Das kann ein Platz sein, ein Weg, ein Gebäude – muss aber nicht. Lassen Sie sich überraschen!

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