Interview
Speyerer Top-Virologin zur Pandemie: „Corona war eine reale Gefahr“
Frau Eckerle, vor etwas mehr als drei Jahren wurde die erste Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 in Deutschland nachgewiesen. Jetzt haben wir wieder Fasnacht gefeiert in vollen Sälen, und seit dem 1. März gibt es fast nirgendwo mehr eine Maskenpflicht. Ist die Pandemie überwunden?
Nach meiner Einschätzung befinden wir uns aktuell in der Übergangsphase zwischen Pandemie und Epidemie, in der wir schon länger keine ganz neuen Varianten des Virus mehr gesehen haben, wie es Alpha oder Delta waren. Die kamen gleichsam aus dem Nichts und haben jedes Mal eine erneute Infektionswelle in der Bevölkerung ausgelöst. Derzeit haben wir es lediglich noch mit Abkömmlingen von Omikron zu tun und nicht mit etwas komplett Neuem.
Und diese Abkömmlinge sind harmlos oder jedenfalls harmloser?
Danach sieht es aus. Das hängt damit zusammen, dass sehr viele Menschen geimpft sind und auch eine oder sogar mehrere Infektionen durchgemacht haben. Es ist also eine gewisse Immunität in der Breite der Bevölkerung vorhanden. Es gibt zwar noch ein Infektionsgeschehen, und wir haben immer noch Covid-Patienten auf den Stationen der Krankenhäuser. Aber schwere Verläufe sind selten geworden. Insofern könnte man schon davon sprechen, dass wir einen endemischen Zustand erreicht haben.
Das klingt beruhigend, finden Sie nicht?
Wie man es nimmt. Endemisch heißt letzten Endes, dass wir einfach eine Krankheit mehr haben, mit der wir leben müssen. Es bedeutet zugleich auch, dass das Virus nicht mehr verschwinden wird. Die Frage ist jetzt, in welche Richtung es sich entwickelt: Reiht es sich ein bei anderen endemischen Coronaviren, die nur Erkältungserkrankungen auslösen, oder eher bei der Influenza, die schwerer krank macht? Oder schlägt es noch mal einen ganz anderen Weg ein?
Sie meinen, Sars-CoV-2 könnte in einer anderen, neuen Variante wieder gefährlich werden?
Auszuschließen ist das nicht, auch wenn ich es für unwahrscheinlich halte. Bei diesem Virus wird es vermutlich in Zukunft sehr viel stärker darauf ankommen, die Langzeitwirkungen im Blick zu haben. Long Covid ist ein ernstes Problem, und seine Ursachen sind immer noch nicht wirklich verstanden. Offenbar macht das Virus etwas mit dem Herz-Kreislauf- und dem Nerven-System. Auch, dass Viren chronische Müdigkeit und Ähnliches hervorrufen können, war schon vor der Corona-Pandemie bekannt. Dennoch müssen wir an dieser Stelle ganz neu ansetzen in Therapie und Forschung. Corona hat viele unserer bisherigen Vorstellungen von Viren auf den Kopf gestellt.
Welche wären das?
Ich persönlich hätte beispielsweise nicht gedacht, dass Sars-CoV-2 so schnell mutieren kann und neue Varianten hervorbringt. Ich hatte angenommen, wenn wir erst mal eine Impfung haben, dann ist die Sache schnell vorbei. Aber das war sie nicht. Das hatte ich falsch eingeschätzt. Aber Mutationen stoßen irgendwann an ihre Grenzen. Das Virus verändert sich zwar weiterhin und kann die Immunabwehr umgehen. Aber dafür muss es wahrscheinlich andere Eigenschaften opfern und verliert an Fitness.
Sein Gefahrenpotenzial steigt also nicht?
So könnte man es ausdrücken, ja. Das Virus ist da, es bleibt uns erhalten, aber es löst keine Lawine an Infektionsfällen mehr aus. Jedenfalls dürfte es sich bei Sars-CoV-2 so verhalten. Aber ...
… aber?
… das nächste Virus kommt bestimmt, und damit die nächste Pandemie. Die Frage ist nur, wann es so weit ist. In unserer so eng vernetzten Welt findet ein neues Virus einfach perfekte Bedingungen vor, um sich zu verbreiten.
Was macht Sie so sicher, dass uns wieder so ein Ungemach droht?
Die Erkenntnisse, die wir bisher im Umgang mit Viren gewonnen haben. Sars-CoV-2 ist bereits das siebte Coronavirus, das den Übergang von einem tierischen Wirt auf den Menschen geschafft hat. Es gibt etliche Arten von Wildtieren, deren Virenpool das Potenzial hat, sich ständig neu zu kombinieren. Damit ist realistisch, dass ein völlig neues Virus entsteht, das die Fähigkeit hat, auf uns Menschen überzuspringen. Und wir steigern durch unser eigenes Verhalten auch noch die Wahrscheinlichkeit, dass es genau dazu kommt.
Weil wir in die entlegensten Gebiete vordringen?
Wir stoßen in Bereiche vor, wo wir nicht hingehören, und kommen dadurch mit potenziell gefährlichen Erregern in Berührung, die Wildtiere in sich tragen. Wir verzehren weltweit freilebende Tiere aller Art, wir züchten sie für Fleisch oder Pelze, wir handeln mit ihnen, unsere Nutztiere machen sich in fremden Ökosystemen breit und schleppen dann Erreger zu uns nach Hause. Wir Menschen provozieren Zoonosen geradezu.
Wir züchten uns unsere Infektionskrankheiten selbst?
Das haben Menschen unwissentlich schon immer getan. Viele der heutzutage gängigen Viruskrankheiten gehen auf Viren zurück, die wir in grauer Vorzeit durch den Kontakt mit domestizierten Tieren übernommen haben. Aber wenn wir Pandemien vorbeugen wollen, sollten wir an dieser Stelle ansetzen, auch wenn es bedeutet, unsere Lebensweise zu ändern.
Das ist ein ziemlich globaler Ansatz, der schwer umzusetzen sein wird. Was können wir vielleicht zügiger realisieren: Werden wir auch künftig auf Masken, Kontaktbeschränkungen, Impfungen und Schulschließungen setzen?
Dass Masken ein wirksamer Schutz sind, halte ich aus wissenschaftlicher Sicht für unstrittig, und zu Impfungen muss man sagen, dass sie der Schlüssel dazu waren, dass wir wieder nahezu zur Normalität zurückkehren konnten. Die Impfungen haben die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems sichergestellt. Ohne sie säßen wir wahrscheinlich immer noch im Kreislauf aus Lockdown und Öffnung fest. Sie haben viele Leben gerettet. Bei den Kontaktbeschränkungen gilt der einfache Zusammenhang: Je weniger Kontakte, desto weniger kann ein Virus zirkulieren. Das hat bei der Eindämmung der Pandemie sicher geholfen, aber jede Maßnahme bringt auch Kollateralschäden mit sich. Die Tragweite von manchen beginnt man erst jetzt zu begreifen.
Schulschließungen waren im Nachhinein vielleicht keine so gute Idee.
In der Anfangsphase der Pandemie wusste man es schlicht nicht besser. Aber im Sommer 2020, als das Infektionsgeschehen erstmals abflaute, wurde unterlassen, die Schulen fit zu machen mit Luftfiltern, Messgeräten und dergleichen. Zu dem Zeitpunkt wusste man bereits, dass die Raumluft ein wichtiger Übertragungsweg ist. Ich verstehe nicht, dass man nicht alles Erdenkliche unternommen hat, damit die Schulen offenbleiben können. Nicht nur in einer Pandemie wie bei Corona, es geht ja auch eine Nummer kleiner mit Influenza oder RS-Viren. Auch in diesen Fällen würden zum Beispiel Lüftungssysteme dauerhaft helfen.
Man dachte, Kinder und Jugendliche seien die Treiber der Pandemie und sperrte darum die Schulen zu.
Wenn ich das höre! Das Virus war doch überall, jeder war ein Treiber. Ob Kind oder Erwachsener, machte bei der Virenlast keinen Unterschied. Nein, man hat die Schulen vernachlässigt, und tut das immer noch. Es ist absolut nachvollziehbar, dass die Politik und Bevölkerung keinen Bock mehr auf das Thema haben. Aber Corona war eine reale Gefahr, und die nächste Pandemie wird es sehr wahrscheinlich wieder sein. Darauf müssen wir uns vorbereiten und unsere Büros, Schulen und den ÖPNV entsprechend ausstatten.
Sie wurden für Ihre Wortmeldungen in der Öffentlichkeit auch persönlich angefeindet.
Ich habe ein relativ dickes Fell. Und ich würde in jedem Fall wieder an die Öffentlichkeit gehen. Man darf das Feld nicht Leugnern und Verschwörungsmystikern überlassen. Gleichzeitig man muss auch sagen, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen vernünftig gewesen ist und großen Informationsbedarf hatte.
Sie leben und arbeiten seit 2018 in Genf. Wie ist Ihre Beziehung zu Speyer und seinem Umland?
Meine Eltern wohnen ja bei Speyer, ich habe Familie und Freunde hier und habe eine tolle Jugendzeit in Speyer verbracht. Daher komme ich sehr gern zu Besuch, ich versuche es zumindest zweimal im Jahr. Ich hoffe, es klappt wieder im Sommer.
Zur Person
Isabella Eckerle (42) ist Virologin und leitet seit 2018 als Außerordentliche Professorin der Uni Genf das Zentrum für Neuartige Viruserkrankungen an der dortigen Uni-Klinik. Ihr besonderes Interesse gilt Krankheitserregern, die von Tieren auf den Menschen übergehen können, sogenannte Zoonosen. Eckerle ist in Speyer geboren, in Dudenhofen aufgewachsen und hat am Edith-Stein-Gymnasium ihr Abi abgelegt. Danach studierte sie in Heidelberg Medizin, später forschte sie zusammen mit Christian Drosten an Viren. Während der Pandemie untersuchte sie unter anderem die Viruslast von Kindern und Erwachsenen. Ende August erscheint ihr Buch „Von Viren, Fledermäusen und Menschen: Eine folgenreiche Beziehungsgeschichte“ im Verlag Droemer Knaur, 22 Euro.