Meinung am Montag
Pfälzer Top-Virologin in Sorge: „Der nächste Erreger kommt bestimmt“
Frau Eckerle, die Corona-Zeit liegt hinter uns, das Virus hat für die meisten seinen Schrecken verloren. Gleichwohl hat die Pandemie tiefe Spuren hinterlassen, psychisch, ökonomisch, gesellschaftlich. Sind wir nun besser auf weitere Ereignisse dieser Art vorbereitet?
Einerseits ja. In der Wissenschaft haben wir enorm dazugelernt, gerade im Bereich der Virologie und der Infektionskrankheiten. Da verstehen wir viele Mechanismen besser und können besser reagieren. Die wichtigste Erkenntnis ist vielleicht aber die, dass die internationale Forschungsgemeinschaft sehr viel erreichen kann, wenn sie zusammenarbeitet. Auch technisch sind wir einen großen Schritt weiter, etwa bei Testmethoden oder Impfstoffen.
Und das Aber?
Ich fürchte, gesellschaftlich sind wir leider nicht gut aufgestellt. So müsste man viel mehr tun, um Kitas, Schulen, Büros, einfach alles, für eine weitere Pandemie vorzubereiten. Noch mehr sorgt mich, dass die Corona-Krise das gesellschaftliche Klima nachhaltig vergiftet zu haben scheint, so dass niemand mehr darüber reden will, welche Schlüsse aus den gemachten Erfahrungen zu ziehen sind. Stattdessen geht es um Schuldzuweisungen. Eine kleine Gruppe aus Impfgegnern und Corona-Leugnern verschafft sich lautstark Gehör – und wird zunehmend auch gehört.
Sie meinen, dass dies unser Handeln bei der nächsten Pandemie beeinflusst?
Es ist gut möglich, dass wir bei der nächsten Pandemie zögerlicher darin sind, die Maßnahmen zu ergreifen, die nötig wären. Einfach, weil die gesellschaftliche Akzeptanz dafür nicht mehr vorhanden ist. Dadurch könnten wir jedoch den Zeitpunkt verpassen, an dem ein pandemisches Geschehen noch in den Griff zu bekommen ist. Eine ausgewogene Diskussion ist kaum noch möglich. Heute wollen sich offenbar nur noch wenige daran erinnern, wie schlimm die Lage anfangs auch hierzulande war.
Wie können wir uns denn dann besser vorbereiten?
Was wir brauchen, ist ein Plan: Was machen wir, wenn wieder ein unbekannter, hochansteckender und vielleicht sogar tödlicher Erreger auftritt? Ich habe leider nicht das Gefühl, dass wir diesen Plan haben. Meine große Sorge ist, dass wir genauso unvorbereitet in die nächste Pandemie stolpern, wie es bei Corona der Fall war. Keiner weiß, wann sie eintritt und wer sie auslöst. Sicher ist nur: Der nächste Erreger kommt bestimmt. Und er wird uns erneut vor große Herausforderungen stellen.
Man könnte Ihnen jetzt vorhalten, Sie betrieben Panikmache …
Solche Vorwürfe sind zu hören. Aber ich bin Virologin, ich stelle nur die Fakten da. Leider greift eine besorgniserregende Wissenschaftsfeindlichkeit um sich. Ich kann mir das nur als Verdrängungsmechanismus erklären. Viele Menschen blenden aus, was um sie herum geschieht und was unliebsam für sie ist. Sie würden gern weitermachen wie früher. Davon verschwindet die Bedrohung aber nicht. Im Gegenteil: Sie wird größer.
Das müssen Sie näher erläutern.
Bei Sars-CoV-2 handelt es sich um ein Corona-Virus, dessen Vorläufer wir in Wildtieren finden. Irgendwann ist ihm der Übersprung in eine neue Art gelungen, so dass es Menschen infizieren konnte. So eine Übertragung von Krankheitserregern von Tieren auf den Menschen auf natürlichem Weg nennen wir Zoonose. Diesen Vorgang können wir weltweit immer häufiger beobachten. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis ein Virus wieder das Potenzial entfaltet, sehr viele Menschen anzustecken – und möglicherweise auch zu töten. Dabei provozieren wir Zoonosen geradezu.
Wir brüten unsere nächste Pandemie bereits aus?
So könnte man es formulieren. Jedenfalls mühen wir uns nach Kräften, die Voraussetzungen für Zoonosen zu schaffen. Denn damit Viren von Wild- oder auch Nutztieren auf uns überspringen können, müssen wir ihnen erst mal nahekommen.
So wie auf Märkten für exotische Tiere als Spielgefährten oder Fleischlieferanten?
Genau. Dort werden Tierarten auf engstem Raum zusammengepfercht, die sich in freier Wildbahn nie begegnen oder zumindest nie so sehr auf die Pelle rücken würden. In diesen Milieus sind Viren in regem Umlauf, die wir bis vor Kurzem noch gar nicht gekannt haben. Wilde Tiere werden gejagt, gegessen, weltweit gehandelt. Aber wir brauchen unseren Blick gar nicht so in die Ferne zu richten. Unsere Pelztierfarmen in Europa oder unsere Massentierhaltungen von Schweinen oder Geflügel sind ideale Nährböden für potenziell gefährliche Erreger. Keine Ahnung, wie viele da draußen kursieren, die kurz davor sind, den entscheidenden Sprung zu machen.
Aber Sie haben doch welche im Blick?
Ja, das Vogelgrippen-Virus H5N1 zum Beispiel. Das können wir inzwischen in immer mehr Säugetierarten wie bei Nerzen oder Füchsen nachweisen. Auf den Pelztier-Farmen zirkuliert das Virus zurzeit, es mutiert – und eines Tages schafft es vielleicht nach dem Schritt vom Vogel zum Raubtier auch den Sprung auf den Menschen. Welche Auswirkungen das hat, weiß niemand.
Das Affenpocken-Virus hat diesen Übergang bereits geschafft …
Dieses Virus überträgt sich zwar auch von Mensch zu Mensch, aber es ist nicht leicht übertragbar – eine Pandemie droht hier momentan nicht. Aber ja, als Menschheit wagen wir heute ein gefährliches Experiment, indem wir immer tiefer in Lebensräume eindringen, in die wir nicht gehören. Oder indem wir solche Lebensräume zerstören und Tiere dadurch zwingen, in andere Biotope auszuweichen. Dort kann es dann wieder zu einem Austausch von Viren und möglicherweise gefährlichen Neukombinationen kommen. Der Klimawandel befeuert das zusätzlich.
Inwiefern?
Auch durch ihn werden Tierarten zu Wanderungen gezwungen oder verleitet. Das ergibt noch mehr Möglichkeiten für Krankheitserreger, um von einer Spezies auf die andere überzuwechseln. Betrachten wir nur mal die Stechmücken-Problematik bei uns am Oberrhein. Offenbar ist die Tigermücke hier heimisch geworden. Damit steigt die Gefahr, dass in diesem dicht besiedelten Gebiet das Dengue-Virus übertragen werden kann …
… das ein tropisches Fieber auslöst, das bisweilen tödlich verläuft ...
Richtig. Nehmen wir an, ein an Dengue-Fieber erkrankter Reiserückkehrer wird hier von einer Tigermücke gestochen. In dieser vermehrt sich das Virus dank der hohen Außentemperaturen, sie sticht den nächsten Menschen – und infiziert ihn. Kleinere Ausbrüche auf diesem Weg sind auch heute in Europa schon möglich, wie zuletzt im Elsass. Aber noch ist es hier im Winter zu kalt, dass ein solcher Erreger sich dauerhaft hier ansiedeln könnte. Wenn es aber Regionen hierzulande gibt, wo wir erstmals ein solches Übertragungsereignis in Deutschland haben könnten – der Rheingraben gehört für mich dazu.
Was können wir gegen die Bedrohung durch Virenübergänge tun?
Wir können das Risiko nicht ausschalten, aber vermindern. Einmal, in dem wir Menschen unser Verhalten gegenüber der Nutzung von Wildtieren ändern. In der Virologie müssen wir vor allem Bevölkerungsgruppen überwachen, die besonders viel mit Tieren zu tun haben, etwa Jäger, Tierhändler, Angestellte von Tierfarmen. Deren Blut müssen wir regelmäßig auf Antikörper kontrollieren, die uns Hinweise auf mögliche Virenübergänge geben können. Damit lassen sich Zoonosen nicht vermeiden. Aber wir sehen zumindest, ob etwas im Busch ist.
Hat die Pandemie auch bei Ihnen selbst Spuren hinterlassen?
Allerdings. Die vergangenen drei Jahre haben wir in der Uni-Klinik unter Hochspannung gearbeitet, es gab aufgrund der immer neuen Corona-Varianten kaum Pausen. Die Aufgabe motiviert mich immer noch sehr, doch das war für mein Team und mich schon sehr anstrengend. Auch die ständigen Anfeindungen sind kräftezehrend. Aber wir sollten auch das Positive sehen: Wir haben mittlerweile eine Grundimmunität in der Bevölkerung aufgebaut und die Corona-Pandemie ist inzwischen soweit in den Hintergrund geraten, dass wir wieder unbeschwerter miteinander umgehen können. Ich bin zwar Virologin, aber glauben Sie mir: Ich treffe mich mit Freunden gerne ohne Schutzanzug.
Zur Person
Isabella Eckerle (43) ist Virologin und leitet seit 2018 als Außerordentliche Professorin das Zentrum für Neuartige Viruserkrankungen an der Uni-Klinik Genf (Schweiz). Ihr spezielles Interesse gilt Krankheitserregern, die von Tieren auf Menschen übergehen können. Die zweifache Mutter ist in Speyer geboren, in Dudenhofen aufgewachsen und hat am Edith-Stein-Gymnasium ihr Abi abgelegt. Danach studierte sie in Heidelberg Medizin, später forschte sie mit dem Virologen Christian Drosten. Während der Pandemie untersuchte sie die Viruslast von Kindern und Erwachsenen.
Lesezeichen
Isabella Eckerle: „Von Viren, Fledermäusen und Menschen: Eine folgenreiche Beziehungsgeschichte“, Verlag Droemer Knaur, 288 Seiten, 22 Euro.
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