Homburg
Moorschützer: Warum das Moor am Königsbruch zerstört werden wird
Die Wiederherstellung von Mooren in ihren ursprünglichen Naturzustand ist eine Maßnahme der Bundesregierung, die im Klimaschutzgesetz verankert ist. Denn intakte Moore dienen als Langzeitspeicher für Kohlendioxid – sie können zehnmal so viel speichern wie ein Wald. Ist das Moor aber trockengelegt, passiert genau das Gegenteil. Das ist fast überall in Deutschland geschehen. Die Flächen wurden teils der landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt. Durch die Austrocknung faulen die Torfschichten im Untergrund und lassen große Mengen des Klimagases in die Umwelt ab. Im Homburger Stadtteil Bruchhof gibt es eines der größten zusammenhängenden Moorgebiete im Saarland. Etwa 647 Hektar umfasst der Königsbruch, von dessen Gelände große Teile als Campingplatz genutzt werden.
Moorschutz-Gemeinschaft gegründet
Durch ein hydrologisches Gutachten könne festgestellt werden, ob eine Wiedervernässung des Königsbruch funktioniert. So richtig geht das Einholen dieses Gutachtens in Homburg aber nicht voran. Als der „unmittelbare Nachbar“ zum trockengelegten Moorgebiet nun auch noch mit einer Umgestaltung des Campingplatzes in eine Siedlung mit Minihäusern um die Ecke kam, gründete sich die Moorschutz-Gemeinschaft Königsbruch als weitere Gegenwehr.
Der Ärger schwelt in Rainer Panning, wenn er sich dem Campingplatz über der Grünachse durch den Königsbruch an der L 223 nähert. Der Wildbau, der hier von öffentlicher Hand geduldet wird, ist ihm ein Dorn im Auge. „Man muss sich das nur mal anschauen“, meint er bei einem Vor-Ort-Termin mit der RHEINPFALZ. „Hier stehen ja keine Wohnwagen, das sind jetzt schon kleine Häuschen und Schuppen. Viele haben einen riesigen Schornstein, Gas, Wasser und Elektrikanschlüsse haben die alle – und das mitten im Naturschutzgebiet“, erläutert der 66-Jährige.
Panning: Keine Genehmigung für den Campingplatz
Die Stadt drücke hier schon seit den 60er-Jahren ein Auge zu, denn eine Genehmigung für den Campingplatz gäbe es nicht. Auf Nutzungsplänen sei das Gebiet sogar als „grüne Wiese“ angegeben. Den Campern macht er dabei keinen Vorwurf, „die nehmen das Angebot halt einfach an, um in der schönen Natur ihre Freizeit zu verbringen“. Doch seit die Pläne von Campingplatzbesitzer Steven Enkler bekannt wurden, ist die Aufregung unter den Dauercampern gewachsen. Denn dank eines juristischen Tricks soll nun alles im wahrsten Sinn des Wortes in trockene Tücher gebracht werden.
Laut einem Bebauungsplan-Entwurf der Stadt Homburg sollen so gut wie alle Bestandsbauten auf dem Campingplatz weg, da sie nicht nachträglich genehmigt werden können. Sie sollen durch Tinyhäuser ersetzt werden. Das Gutachten zum Veränderungsprozess für die Tinyhaussiedlung wurde übrigens von Enkler selbst angestoßen. Auch hier sparen die Moorschützer nicht mit Kritik: Denn Enkler finanziere das Gutachten aus seiner eigenen Tasche, was natürlich einfacher und billiger für die Stadt sei, als dies selbst zu tun. Zudem beziehen sich die Vergleichsdaten für beispielsweise Lärmschutz, Lichtverschmutzung oder Lautstärkepegel nur auf den bisherigen Campingplatz und nicht auf die komplette Naturfläche, auf der er bauen möchte.
Moorschutz-Gemeinschaft: Ein Unding, das die Tatsachen komplett verdreht
Das komplette Naturschutzgebiet werde ausgeklammert. „Der Plan liest sich, als gäbe es überhaupt keinen Königsbruch“, meint Andreas Filler, einer der Sprecher der Moorschutz-Interessengemeinschaft. Dabei sei die Fläche dieses einstmals größten Moores im ganzen Saarland unter anderem ausgewiesen als Naturschutzgebiet, als europäisches Vogelschutzgebiet, als Landschaftsschutz- und als Wasserschutzgebiet. Dazu kommt die höchste Auszeichnung überhaupt, die nur von der UNO vergeben werden könne: die Ausweisung als „Flora Fauna Habitat“. Es gebe so gut wie keinen Schutzstatus, der hier nicht greife. Für Filler, Panning und ihre Mitstreiter ist es ein Unding, das die Tatsachen komplett verdreht, nur um einen juristischen Neustart zu ebnen.
„Der derzeitige Bebauungsplan verhindert die Revitalisierung der größten saarländischen Moorlandschaft, weil er die Entwässerung dort festschreibt“, sagt Andreas Filler. Filler selbst ist im Gegensatz zu vielen seiner Interessenskollegen kein Bruchhofer, kein Homburger und auch kein Saarländer. Er kommt ursprünglich aus Franken. Ihn zog es durch seinen Job als Forschungsstudent nach Saarbrücken an die Uni. Dort lernte er seine heutige Ehefrau kennen, die aus Homburg kommt. Die Politik habe ihn schon immer interessiert, zu einem Engagement in einer Partei kam es bisher aber nie.
Filler: „Stadt fasst das Thema wie eine heiße Kartoffel an“
„Ich bin bewusst mit meiner Frau und unseren beiden Kindern hier in die Grünachse gezogen, um die Natur praktisch vor der Haustür zu haben – und dieses Naturgut wird einfach missachtet und mit der neuerlichen Bebauungsidee auch noch zerstört werden“, teilt der 41-jährige Informatiker und Geschäftsführer einer Firma für medizinische Software und Applikationen die Beweggründe für seinen Einsatz für das Moor mit. Nachdem er sich zum Campingplatz informiert hat, kommt er zu dem Entschluss: „Die Stadt fasst das Thema wie eine heiße Kartoffel an, und große Teile des Stadtrats und viele Parteien machen da einfach mit, weil sie nicht informiert sind.“ Anders könne er es sich nicht erklären, warum dieser Wildbau schon seit Jahrzehnten so mir nichts, dir nichts geduldet werde. Und jetzt stehe einem Neubau scheinbar nichts mehr im Weg. Die Ausmaße, die die Projektverwirklichung und finale Stilllegung des Moores nach sich ziehen, hat die Moorgemeinschaft auf Flyern und ihrem Internetauftritt ausführlich beschrieben.
Die Verwaltung hatte zuletzt darauf verwiesen, dass man beim Thema Moore ein hydrologisches Gutachten abwarten wolle, um zu sehen, wie sich eine Wiedervernässung ehemaliger Moore in Homburg auswirken würde. Die Erstellung einer Expertise scheint, zumindest von Stadtseite aus, nicht so einfach. Auf die erste Ausschreibung sei nur ein einziges Angebot eingegangen. Für eine Förderung über das Leader-Programm müssen aber drei Angebote her. Mehrere 10.000 Euro könne so ein Gutachten kosten, sagt die Verwaltung. Angesichts der angespannten Finanzlage der Stadt könne auf die Fördermittel somit nicht verzichtet werden.
„Klimaschutz ist wichtiger als schneller Profit“
Laut Panning, der 20 Jahre als Bauingenieur bei der Unteren Bauaufsichtsbehörde der Stadt angestellt war und mit solchen Dingen nach eigener Auskunft vertraut ist, koste das Gutachten wohl weniger. Es dauere eben nur mehrere Jahre, bis die Daten ausgewertet werden können, denn die Wiedervernässung ist ein natürlicher Prozess. Der Grundwasserspiegel müsse wieder steigen, dann hole sich die Natur alles wieder zurück. Zeit und Geld sind also die Ressourcen, die fehlen. „Langfristig angelegter Klimaschutz ist – gerade in der Klimakrise – wichtiger als schneller Profit. Das Gemeinwohl sollte Vorrang vor dem wirtschaftlichen Interesse Einzelner haben“, betonen beide.