Interview
„Zwangsarbeit gab es nicht nur in Zentren“
Herr Keller, das Thema Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg wird meistens mit großen Industriebetrieben in den Metropolen in Verbindung gebracht. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, richtig?
Ja, genau. Zwangsarbeiter kamen auch in der Pfalz nicht nur in den Industriezentren wie Ludwigshafen, Pirmasens oder Kaiserslautern zum Einsatz, sondern sie wurden flächendeckend eingesetzt – von mittelgroßen Städten wie Speyer und Schifferstadt bis hin zu kleinen ländlichen Dörfern wie Otterstadt, Waldsee und eben auch Dudenhofen.
Warum wurden in einer Gemeinde wie Dudenhofen Zwangsarbeiter gebraucht? Wo wurden sie eingesetzt?
Das hat mehrere Aspekte: Ein Grund liegt im grundsätzlichen Arbeitskräftemangel, den es in Folge der Einziehung deutscher Männer zur Wehrmacht überall gegeben hat. Zudem hatte die Aufrüstung den Bedarf an Arbeitskräften stark erhöht. Somit wurden sowohl in der Landwirtschaft als auch in den für die Kriegswirtschaft wichtigen Betrieben und Firmen viele Arbeitskräfte benötigt. In Dudenhofen bildet sich die damalige Situation also auf lokaler Ebene ab, sowohl was den Einsatz von entsprechenden Arbeitskräften in bäuerlichen Betrieben, in Privathaushalten, bei der Ortsgemeinde oder bei der ehemaligen Firma J. Walter Söhne betrifft.
Um eine ungefähre Vorstellung zu bekommen: Von wie vielen Menschen sprechen wir da und wo kamen sie her?
Das werde ich in meinem Vortrag sehr umfassend und dezidiert darlegen. Insgesamt sprechen wir aber von weit über 400 Menschen aus Frankreich, Polen, Russland und der Ukraine.
Wie haben Sie das Thema recherchiert? War es schwierig, an Informationen zu kommen?
Zu Beginn meiner Recherchen konzentrierte ich mich zunächst darauf, die vielfältigen und teilweise auch widersprüchlichen Informationsfragmente zu sammeln und zu bewerten. Mein Ziel war es, eine erste, insbesondere auf Quellen basierende Übersicht über den Umfang der verschiedenen Arbeitseinsätze während des Krieges in Dudenhofen zu erstellen. Im Laufe der Untersuchung erweiterte sich mein Fokus jedoch zusehends. Neben der Erschließung und Erfassung der zahlenmäßigen Dimension analysierte ich schließlich auch Herkunft, Altersstruktur sowie Art, Zeitraum und Dauer der jeweiligen Einsätze. Soweit es die Quellenlage zuließ, betrachtete ich zudem individuelle Schicksale. Meine Ausarbeitung ist insoweit das Resultat umfangreicher Einzelrecherchen in verschiedenen Archiven: im Bundesarchiv, Landesarchiv, Stadt- und Ortsarchiv sowie in digital zugänglichen Quellen.
Haben Sie das Gefühl, dass das Thema in Dudenhofen und Deutschland insgesamt nach dem Krieg ausreichend aufgearbeitet wurde?
Man muss anerkennen, dass sich insbesondere in Folge der im Jahre 2000 angestoßenen bundesweiten Debatte um die Entschädigung der in Mitleidenschaft gezogenen Menschen der NS-Diktatur und vieler hierauf folgenden Initiativen die Gedenk- und Erinnerungskultur verändert beziehungsweise dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte verstärkt ins Bewusstsein gerückt hat und seitdem auch eine intensivere Aufarbeitung erfolgt ist. Ansonsten besteht insbesondere auf lokaler, dörflicher Ebene meines Erachtens immer noch ein breites Feld „zwischen Verschweigen und Bekennen“, wie es der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Bernhard Kukatzki schon in einem Beitrag im Jahre 2001 so trefflich formuliert hat. Die Vorträge des Themenabends werden ganz sicher auch nochmals detaillierter aufzeigen können, wie der aktuelle Stand der Aufarbeitung dieses Themas in der Pfalz aussieht.
Im Zuge der Diskussion um den Wohnpark am Hainbach kam vor ein paar Jahren der Vorschlag einer Gedenktafel für die Zwangsarbeiter auf. Was halten Sie davon?
Grundsätzlich ging die Initiative schon in die richtige Richtung, wobei der damalige Vorschlag ja weit über die Installation einer Gedenktafel hinausging und von Anfang an gar die Errichtung einer Gedenkstätte in der ehemaligen Firmen- beziehungsweise Familienvilla – also auf Privatgelände – zum Gegenstand hatte. Zudem verkannten die Initiatoren, dass es in Dudenhofen seit 1999 mitten im Ort bereits ein „Mahnmal für den Frieden“ gibt, das in „Gedenken an die Toten, Verwundeten und von großem Leid getroffenen, unschuldigen, sinnlosen Opfer und dem oft namenlosen Elend einer Ideologie und großen Kriegsmaschinerie während des Zweiten Weltkriegs“ gewidmet ist. Es ist aber vollkommen richtig, dass die lokal historischen Umstände – vor allem aber das Schicksal der hier im rüstungsindustriellen Bereich eingesetzten Ostarbeiterinnen – bisher noch nicht im gebotenen Umfang aufgearbeitet und in das Bewusstsein gerückt wurden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich in der Gemeinde ein angemessenes Konzept entwickeln wird. Die Ortsgemeinde Dudenhofen ist ja mitunter auch Kooperationspartner des Themenabends.
Es wird bei dem Vortragsabend nicht nur speziell um Zwangsarbeit in Dudenhofen gehen. Was wird noch Thema sein?
Dem Heimatverein und mir als Organisator des Themenabends war wichtig, dass wir das Thema Zwangsarbeit einerseits aus der lokalen und regionalen Perspektive heraus beleuchten, aber zugleich auch eine allgemeine Betrachtung und Einordnung des Einsatzes von Ausländern, Fremd- beziehungsweise Ostarbeitern und Kriegsgefangenen ermöglichen wollen, was im ersten Vortragsteil des Abends dankenswerterweise Herr Dr. Klaus J. Becker, stellvertretender Leiter des Stadtarchivs Ludwigshafen und Vorsitzender des Historischen Vereins der Pfalz, Bezirksgruppe Ludwigshafen/Mannheim übernehmen wird. Zudem wird Benedict von Bremen, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern, das Forschungsprojekt „Zwangsarbeit in der Pfalz 1939 bis 1945: Internierung – Einsatzorte – Repression“ vorstellen.
Der Verein plant außerdem wenige Tage später ein Erzählcafé zum Thema. Was hat es damit auf sich und wie entstand die Idee?
Richtig. Drei Tage nach dem Themenabend laden wir ins Hotel „Goldenes Lamm“ ein. Hier bieten wir mitunter eine Plattform für den Austausch von Erinnerungen, Geschichten und Informationen zum Thema Zwangsarbeit, da ein solcher persönlicher Austausch den Rahmen eines Vortrags- und Informationsabends bei weitem sprengen würde. Eine Teilnahme am Erzählcafé ist insofern auch möglich unabhängig davon, ob man am Themenabend teilgenommen hat oder nicht. In einer offenen und respektvollen Atmosphäre können hier Teilnehmerinnen und Teilnehmer Erlebnisse und Erzählungen von Zeitzeugen oder deren Nachkommen teilen, historische Dokumente wie Briefe und Fotos präsentieren oder sich über Details zu Arbeitsstätten und Arbeitslagern austauschen. Kaffee, Tee und Kuchen werden bereitgestellt.
Termine
Themenabend „Zwangsarbeit in Dudenhofen und der Vorderpfalz 1939 –1945“ am Mittwoch, 27. November, 19 Uhr im Bürgerhaus in Dudenhofen. Eintritt frei, keine Anmeldung nötig.
Erzählcafé am Samstag, 30. November, 15 bis 17.30 Uhr, im Hotel „Goldenes Lamm“ in Dudenhofen. Eintritt frei, um Anmeldung wird gebeten bei: Peter Eberhard, Telefon 06232 98782, E-Mail peter.eberhard55@gmx.de, Lilli Birkle, Telefon 06232 92248, Clemens Keller, E-Mail: vhgd-info@web.de.