Grossniedesheim RHEINPFALZ Plus Artikel Wie ein Bäcker im Dorf erfolgreich sein kann

Die Ausbildungszahlen im Bäckerhandwerk gehen in der Pfalz seit Jahren zurück.
Die Ausbildungszahlen im Bäckerhandwerk gehen in der Pfalz seit Jahren zurück.

Im vergangenen Jahr musste in Großniedesheim erneut der Backshop schließen. Zwei Gründungsberater erklären, unter welchen Bedingungen ein Dorfladen heute Erfolg haben kann.

Michael Walther (SPD) hat auf RHEINPFALZ-Anfrage bis Ende der 1990er-Jahre zurückgerechnet und mitgeteilt, wie oft die ehemalige Bäckerei seitdem den Besitzer gewechselt hat – und warum. Der Ortsbürgermeister von Großniedesheim beginnt im Jahr „circa 1997“. Von da an bis 2009 war die Bäckerei Ottmann aus Bobenheim-Roxheim im Ort ansässig. Walther zufolge ging der Besitzer in Rente und das Geschäft in die Hände der Bäckerei Willmann (heute Stadtbäckerei Frankenthal) über. 2017 sei die Filiale von einem langjährigen Beschäftigten übernommen worden. Dieser sei 2020 erkrankt, habe das Geschäft wiederum an seine Tochter übergeben. Unter anderem aufgrund eines Umzugs sei die Filiale aber bereits 2021 aufgegeben worden. Von 2022 bis 2024 hat der bisher letzte Inhaber versucht, mit einem Geschäft, das seine Backwaren von der Stadtbäckerei bezieht, zu bestehen. Wie berichtet, endete die Schließung im Dorf unschön mit Vorwürfen gegenüber dem Bürgermeister.

Unklar ist seitdem, ob es in Großniedesheim künftig noch eine Bäckerfiliale oder einen Backshop geben wird. Der Mietvertrag des bisherigen Betreibers ist Walther zufolge am 31. Januar ausgelaufen, und nachdem die Räume nun auch geräumt wurden, herrscht Stillstand. Es seien zwar Interessenten da gewesen, aber der Vermieter habe sich noch nicht entschieden, was er mit der Immobilie machen möchte.

Eine Frage, die sich ein potenzieller Nachfolger stellen muss: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit heutzutage in einem kleinen Dorf wie Großniedesheim mit rund 1400 Einwohnern erfolgreich eine Verkaufsstelle für Backwaren betrieben werden kann?

Vor Übernahme wird Wert geschätzt

Jan Leyser berät bei der Handwerkskammer (HWK) der Pfalz mit Sitz in Kaiserslautern Menschen, die sich selbstständig machen wollen. Er ist der Geschäftsbereichsleiter für Gewerbeförderung und Existenzgründung. Die Kammer berät kostenlos, weil gefördert vom Bund, Menschen, die eine Nachfolge für ihren Betrieb suchen oder jene, die sich selbstständig machen wollen. Leyser zufolge machen Personen aus allen möglichen Handwerksbereichen davon Gebrauch, auch aus dem Bäckereigewerbe. In den vergangenen zwei Jahren hat die HWK Pfalz 17 Personen im Bäckerhandwerk bei der Nachfolgeregelung oder der Neugründung eines Betriebs beraten. „Die gezielte Nachfrage bei Nahrungsmittelhandwerken ist bei uns schon zurückgegangen“, stellt Leyser fest.

Ob sich Betriebsübernahme oder Neugründung lohnen, müsse individuell betrachtet werden. Bei einer Betriebsnachfolge bewerte die HWK beispielsweise die noch vorhandenen Maschinen, Geräte, Werkzeuge und die Immobilie. Daraus entstehe eine Unternehmensbewertung, die den Besitzern vor Augen führe, wie viel ihr Betrieb wert sei. „Auch für den potenziellen Nachfolger ist es wichtig zu wissen, wie viel eine Übernahme kosten wird.“

Leyser: Positive Lage in Großniedesheim

Die HWK kann dabei zu dem Urteil gelangen, dass ein Betrieb nicht übernahmefähig ist. Neben den Investitionskosten geht es Leyser zufolge um die Standortbedingungen sowie die Frage, wie tragfähig das Geschäftsmodell des potenziellen Gründers ist.

„In Großniedesheim sind die Rahmenbedingungen eigentlich ganz gut“, schätzt Leyser nach einer kurzen Recherche die Standortfrage ein. Als positiv bewerte er die Lage an einer Hauptverkehrsstraße. Die Kundschaft möge eine gute Erreichbarkeit mit dem Auto, um schnell weiterfahren zu können. „Wenn das nicht geht, sucht sich der Kunde eine andere Möglichkeit.“ Natürlich komme es auch auf die Qualität der Waren an.

Trotz derartiger Faktoren ist laut Leyser für einen erfolgreichen Betrieb das Zwischenmenschliche mitentscheidend: „Es hängt auch von den Menschen im Laden ab, das heißt ob sie freundlich sind.“

Rückläufige Ausbildungszahlen bei Bäckern

Man müsse sich fragen, wie oft so eine künftige Bäckereifiliale von den Kunden genutzt würde. „Wenn Kunden dort nur sonntags ihre Brötchen holen und für alles andere woanders einkaufen, brauchen sich die Anwohner nicht zu wundern, wenn ein Shop pleite geht.“ Als zusätzliche Einnahmequelle sei ein parallel betriebener Hermes- oder DHL-Shop denkbar.

Erfolgreich sein könne auch ein individuelles Geschäftsmodell, wie etwa jenes der Brotpuristen aus Speyer, wo unter anderem auf eine breite Auslage verzichtet werde und bestimmte Brotsorten gezielt nur tageweise verfügbar seien.

Leyser geht davon aus, dass der Verkauf ohne Personal in der Pfalz künftig stärker in den Fokus rücken wird, um dem Personalmangel entgegenzuwirken. Die Ausbildungszahlen seien im Bäckereihandwerk rückläufig, die Anzahl der Fachverkäuferinnen ebenfalls. Ein Beispiel: Hat es 2013 noch 138 Auszubildende im Bäckerhandwerk in der Pfalz gegeben, waren es zehn Jahre später nur 62. Parallel dazu hat sich bundesweit von 2016 bis 2023 die Anzahl der Auszubildenden fast halbiert: Von 17.874 auf 9977. Auch die Anzahl der Betriebe ist rückläufig.

Bündelung lokaler Anbieter

Kann die Gemeinde helfen, einen kleinen Betrieb ins Laufen zu bringen? Leyser meint, sie könne etwa Räumlichkeiten günstig zur Verfügung stellen. Ebenso könne es funktionieren, das lokale Angebot von Hofläden aus der nahen Umgebung in einem Shop zu bündeln, „um einen Mehrwert von Betrieben aus der Region zu schaffen“.

Wichtig sei, die Planung aus Investitionen und laufenden Kosten einmal durchzugehen und zu bestimmen, was am Ende des Monats übrig bleiben könnte. Eine gute Beratung könne auch zu dem Ergebnis kommen: lieber nicht machen.

Lage ist ein entscheidender Punkt

„Die klassischen Bäckereien gehen mehr und mehr zurück“, meint Martin Holaus von der IHK Pfalz Ludwigshafen. Der Referent für Existenzgründung und Unternehmensförderung ist nicht Ansprechpartner für den Bäcker, sondern für jemanden, der einen Backshop eröffnen und die Ware von einer Bäckerei beziehen möchte.

Wichtig ist für Holaus, „mit einem Business-Plan an die Sache“ zu gehen. Dies sei wie ein Spiegel, der einem das Vorhaben vor Augen führe. Einen Selbsttest könnten Interessierte beispielsweise beim IHK-Angebot Unternehmenswerkstatt Deutschland durchführen. Der Finanzplan müsse sehr genau kalkuliert sein, um einschätzen zu können, ob das Projekt dauerhaft tragfähig sein kann.

Bei der Standortanalyse ist Holaus zufolge wichtig zu schauen, welche Konkurrenz es in einem Umkreis von etwa zehn Kilometern gibt und wie dort das Sortiment aussieht. „Die Lage ist ein ganz entscheidender Punkt, nicht unbedingt die Größe des Dorfs“, meint Holaus.

Viele Gründungen nur im Nebenerwerb

Er betont, dass sich das Angebot abheben müsse vom nächstbesten Supermarkt. „Wenn ich keine Besonderheit anbiete, dann liegt der Mehrwert meines Geschäfts für die Kunden nur darin, dass ich im Vergleich zum Supermarkt meinen Backshop auch sonntags geöffnet habe.“

Anfragen für eine Gründungsberatung im Bereich Lebensmitteleinzelhandel bekommt Holaus aus den ländlichen Gebieten der Vorderpfalz wenig, „eher aus dem Stadtgebiet oder einem Vorort“.

Er spricht von einem generell positiven Trend beim Thema Gründungen, gibt aber zu bedenken, dass viele dieser Existenzgründungen aus dem Nebenerwerb heraus entstünden. Man müsse auch darüber sprechen, die Rahmenbedingungen für Gründer abzubauen. „Ich merke immer wieder, dass Gründer am Anfang überfordert sind“, meint er mit Blick auf die Bürokratie. Statt Gründungen bei einer Anlaufstelle zu bündeln, müssten Gründer sich derzeit beispielsweise bei Finanzamt, Gewerbeamt und Berufsgenossenschaft eigenständig melden.

In Großniedesheim denkt der Bürgermeister derzeit über eine andere Möglichkeit nach. „Eventuell wird ein Bäckerbus unseren Ort anfahren“, verrät Walther. Und sonntags könne man aktuell im Weingut Schreiber frische Brötchen und Croissants bekommen.

Standortvorteil Hauptstraße: Eine gute Verkehrsanbindung, hier der bisherige Backshop in Großniedesheim, ist laut Gründungsberat
Standortvorteil Hauptstraße: Eine gute Verkehrsanbindung, hier der bisherige Backshop in Großniedesheim, ist laut Gründungsberater wichtig für ein erfolgreiches Geschäft.
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