Grossniedesheim
Kleinkrieg im Dorf: Ladeninhaber fühlt sich von Bürgermeister schikaniert
Das Geschäft in der Hauptstraße mit dem Namen Chris Backshop ist seit Ende September geschlossen, das Schaufenster ist von innen mit bedrucktem Papier beklebt. „Nie wieder SPD!“ und „Wir leben in einem Land der Meinungsfreiheit – Meine Erfahrungen als Bäckereiinhaber“ heißt es auf den Zetteln an der Scheibe und auf der Facebook-Seite des Betriebs. Die multimediale Abrechnung des Ladenmieters mit der Ortsgemeindespitze ist seit über einer Woche Dorfgespräch, und auch die RHEINPFALZ-Redaktion hat Christian Roth mit seinem frustrierten Rückblick auf sein Backshop-Projekt versorgt.
Auf mehreren Din-A-4-Seiten legt der 37-Jährige dar, was aus seiner Sicht zur Geschäftsaufgabe geführt hat. Anfang Januar 2021 übernahm Roth den leerstehenden Laden für Backwaren, die er zunächst von der Firma Theurer, später von anderen Bäckereien bezog. Ein Hermes-Paketservice ergänzte das Angebot. Seine Mutter und sein Lebensgefährte halfen mit, und alles ließ sich ganz gut an, denn nicht nur Großniedesheim mangelt es an Nahversorgungsmöglichkeiten, sondern auch den Nachbardörfern Kleinniedesheim und Heuchelheim.
Mehrere Schicksalsschläge
Die Lage an der Ortsdurchfahrtsstraße mit Parkplätzen nahe am Geschäft sei eine gute Umsatzvoraussetzung gewesen, berichtet Roth. Ortsbürgermeister Michael Walther (SPD) machte nicht nur Werbung, sondern bezog von Roth auch Waren für offizielle Anlässe und überließ ihm Teile der Ladenausstattung, welche die Ortsgemeinde gekauft hatte, nachdem Roths Vorgängerin das Geschäft aufgegeben hatte.
Dann schlug das Schicksal zu und für den gelernten Handwerker und Bürokaufmann begann „der Kampf ums Überleben“, wie er schreibt. Die Mutter starb, die Beziehung zerbrach und Großniedesheim wurde von einer Serie schwerer Wasserrohrbrüche heimgesucht, in deren Folge die Hauptstraße viele Wochen gesperrt und der Backladen vom Durchgangsverkehr abgeschnitten war. „Trotz wiederholter Versuche, Hilfe vom Dorf oder anderen Stellen zu bekommen, stand ich weiterhin alleine da“, heißt es in dem Schreiben, das Roth in Umlauf gebracht hat. Nun habe er Insolvenz angemeldet und werde das Geschäft schließen. Gleichwohl bedankt sich der Beindersheimer bei seinem Ladenvermieter und dem Lieferanten für deren Unterstützung.
Auch wenn Roth in dem Schreiben keine Namen nennt, sondern von „einflussreicher Figur“ spricht, ist offensichtlich, dass der Vorwurf, es sei gezielt gegen ihn agiert worden, Bürgermeister Walther und seine SPD-Parteifreunde treffen soll. Im Gespräch bestätigt Roth diesen Eindruck. „Dafür, dass der Bürgermeister immer gesagt hat, wie wichtig ihm die Nahversorgung ist, hat er nichts dafür getan, dass ich bleibe“, sagt Roth. Wie genau er sich eine gemeindliche Förderung vorstellt, bleibt allerdings unklar.
Ortschef nimmt Stellung
Michael Walther weist auf RHEINPFALZ-Anfrage darauf hin, dass die Möglichkeiten einer Kommune, einem Gewerbebetrieb unter die Arme zu greifen, begrenzt sind. „Ich kann ja schlecht offene Rechnungen übernehmen oder die Ladenmiete aus der Gemeindekasse zahlen“, so Walther. Aber er habe an die Vereine appelliert, ihre Backwaren bei Roth zu kaufen, und auch bei gemeindlichen Anlässen sei von ihm Ware bezogen worden. Auch den Backshop-Gutschein als Teil der jährlichen Weihnachtspäckchen-Aktion der Ortsgemeinde habe er wieder auflegen wollen, versichert Walther.
Der Ortschef vermutet, dass ein länger zurückliegender privater Konflikt, über den auch Roth berichtet, die Ursache für die jetzigen Vorwürfe sei. Die beiden Männer waren Ende 2021 im Geschäft wegen Problemen mit einer Warenbestellung vor Publikum aneinandergeraten, seitdem war das Verhältnis angespannt, das zeigt die Korrespondenz per E-Mail.
Als es im Rahmen der Geschäftsschließung Ende September ums Ausräumen ging, knallte es noch mal ordentlich. Walther wies Helfer darauf hin, dass sie keinesfalls das gemeindliche Inventar, darunter Kühlschrank, Brotschneidemaschine, Registrierkasse und Bistrotische, aufladen dürften. Zur Sicherheit habe er das Fahrzeugkennzeichen fotografiert, sagt Walther. Roth sieht darin den „symbolischen Abschluss einer Reihe von Ungerechtigkeiten und Schwierigkeiten, die ich in den letzten Jahren erlebt hatte“.
Aushang wird überklebt
Der Bürgermeister hingegen ist überzeugt: Das Geschäft sei am Verhalten Roths gegenüber seiner Kundschaft, an unzuverlässigen Öffnungszeiten und an der zuletzt unbefriedigenden Qualität der Waren gescheitert. „Es war eine Abstimmung mit den Füßen.“ Walther hofft, dass sich ein Nachfolger für den Bäckereiladen findet. „Ich glaube schon, dass man den hier mit schwarzen Zahlen betreiben kann“, sagt der Bürgermeister, der die Ausstattung auch dem neuen Inhaber leihen würde.
Noch bis zum 31. Januar läuft laut Christian Roth der Mietvertrag, und so lange hat er die Möglichkeit, Meinungsbeiträge im Schaufenster auszuhängen und die Reaktionen darauf zu beobachten. Der RHEINPFALZ hat er Fotos geschickt von Autos vor dem Laden, in denen seiner Aussage zufolge Verwandte von Michael Walther Wache hielten. Belegt ist, dass der Bruder des Bürgermeisters die Publikationen von Roth von außen mit weißem Papier unkenntlich gemacht hat. Roth sieht darin den Versuch, ihn einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Er weist auf die mögliche Strafbarkeit der Klebeaktion und auf die eigene Videoüberwachung des Ladens hin.
Der Bürgermeister sagt: „Das Abkleben war mir weder bekannt, noch wurde es von mir angeregt.“ Er habe alle, die sich von Roths Schreiben angegriffen fühlen, gebeten, „sich nicht provozieren zu lassen und nichts zu machen“. Unterdessen ruft Christian Roth mit einem neuen Schreiben Bürger dazu auf, sich per E-Mail, „gern auch anonym“ zu melden und von ihren Erfahrungen zu berichten. „Habt keine Angst, den Mund aufzumachen!“, heißt es auf einem Plakat.
