Rhein-Pfalz-kreis
Wahlkreis 38: Schwarzer Sieger im roten Umschlag
Nachdem ausnahmsweise mal Altrip beim Auszählen nicht hinterherhinkt, richten sich ab 21.30 Uhr die Blicke auf Waldsee und Birkenheide. Und die bange Frage lautet: Zählt dort überhaupt schon jemand? In beiden Ortsgemeinden tut sich überhaupt nichts. 55 von 58 Stimmbezirken sind zu diesem Zeitpunkt im Wahlkreis 38 ausgezählt. In Neuhofen fehlt auch noch einer. Doch so langsam dürfte sich Johannes Zehfuß wenigstens etwas entspannen. Auch wenn bis Mitternacht kein endgültiges Ergebnis vom Landeswahlleiter kommt, zeichnet sich ab, dass der Christdemokrat aus Böhl das Direktmandat holen wird. Nach Mitternacht steht es dann endgültig fest.
Von Erleichterung und Freude ist am Telefon jedoch nicht viel zu spüren. „Ich habe wohl mein persönliches Ziel zwar erreicht, aber alles andere, was wir uns auch als Partei für das Land vorgenommen haben, nicht. Ich bin kein Einzelkämpfer, sondern ein Teamplayer, und es enttäuscht mich, dass ich meiner Mannschaft nicht zum Sieg verhelfen konnte.“
Die Kandidaten sitzen zu Hause
Haben sie vor fünf Jahren noch gemeinsam im Kreishaus gebannt auf die Leinwand geschaut, sitzen die Kandidaten an diesem Wahlabend zu Hause. Zur seelisch-moralischen Unterstützung hat Zehfuß seine Familie um sich versammelt. „Wir haben erst zusammen gegessen und dann gebannt geschaut, wie im Fernsehen und Internet die Ergebnisse einlaufen. Es war eine Tortur, weil sie so verzögert ankamen“, sagt der 62-jährige Landwirt. „Jetzt muss ich erst einmal Luft holen und alles sacken lassen.“
Ein wenig Ernüchterung derweil in Otterstadt: „Es ist natürlich schade, dass es nicht geklappt hat, aber das ist Demokratie“, sagt Bianca Staßen. Sie habe nicht einschätzen können, wie das Ergebnis letztlich aussehen werde, weil der direkte Kontakt im Wahlkampf zu den Bürgern einfach gefehlt habe. „Aber es freut mich total für die Landes-SPD“, sagt die Erste Kreisbeigeordnete, 35,7 Prozent – das sei ein „Super-Ergebnis“.
Nicht nur für Zehfuß und Staßen geht nach Mitternacht ein langer Tag zu Ende. Viele Wahlhelfer stehen den Sonntag im Dienste der Demokratie und verrichten in den Wahlbüros ihr Ehrenamt – in Zeiten von Corona auf Abstand zueinander und zu den Wählern. Und mit FFP2-Maske. Viele werden den Schutz am Abend erleichtert vom Gesicht nehmen und einmal tief Luft holen. Auch wenn der ein oder andere an diesem Sonntag schon ordentlich im Wind stand.
Corona bringt eine frische Brise
In der Maxdorfer Justus-von-Liebig-Realschule plus etwa zieht es zur Mittagszeit heftig. Corona bringt eine frische Brise in diesen Wahlsonntag. Eine, die Sylvia Reiß ziemlich frösteln lässt. „Wir müssen alle 15 Minuten die Fenster aufmachen“, sagt die Wahlhelferin, die für die CDU auch im Maxdorfer Ortsgemeinderat sitzt, und zieht ihre Jacke über. Einmal durchpusten, bitte, während sich draußen die Sonne durch die Wolkendecke drückt, die das Wochenende bestimmt. Gegen 13.30 Uhr haben hier rund 180 Wähler ihre Stimme abgegeben. Das sind mehr, als die Helfer erwartet hatten. „Ich hätte gedacht, dass wir uns mehr langweilen“, sagt Nils Max (SPD). Vor dem Klassenzimmer bildet sich gar eine Schlange. Das widerspricht dem Trend, den die Radiosender über Tag verkünden: In den Wahllokalen sei wenig los.
Währenddessen öffnet Christoph Baumann (CDU) eifrig rote Briefumschläge, ein Mülleimer ist schon gefüllt. Die Briefwähler sind bei dieser Landtagswahl auch in Maxdorf klar in der Überzahl. Damit es beim Auszählen am Abend nicht allzu lange dauert, dürfen zumindest die roten Umschläge schon vorab geöffnet werden. Darin befindet sich ein weiterer Umschlag und der Wahlschein. Der blaue Umschlag, in dem der Stimmzettel ist, ist allerdings bis 18 Uhr tabu. Ihn zu öffnen, bedeutet Mehraufwand, sagen die Wahlhelfer, der hätte vermieden werden und der aufregende Wahlsonntag früher zu Ende gehen können. Immerhin in Maxdorf gibt es genug Koffein zum Wachbleiben.
Die benutzten Kulis wandern in eine Box
Joachim Menz hat seine mobile Kaffeebar im Hof der Haidwaldschule aufgebaut. Ein Angebot, das alle Fraktionen gemeinsam stemmen, aber eher wenige annehmen. „Nächstes Mal brauchen wir einen besseren Standort“, sagt Bürgermeister Paul Poje (CDU). Zum Beispiel direkt am Eingang der Schule, wo der Publikumsverkehr größer ist.
Wäre der Aufwand mit den Umschlägen nicht, hätte man die ganze Wahl als Briefwahl organisieren sollen, meint Birkenheides Ortsbürgermeister Rainer Reiß (CDU). Im Dorfgemeinschaftshaus haben gegen 16 Uhr rund 400 Menschen ihre Stimme abgegeben. Jeder bekommt einen Einmalhandschuh, um seinen Stimmzettel in die Urne zu werfen, der dann direkt in den Mülleimer wandert. Eine Box steht da, in die benutzte Kulis wandern. Der Hygieneaufwand ist groß, um den Corona-Regeln zu entsprechen. Auch die Wahlkabinen werden regelmäßig desinfiziert.
Die Wahlbeteiligung ist schlechter
Bereits am Samstag wurden viele Wahlhelfer des Wahlkreises 38 schnellgetestet. Etwa in der Verbandsgemeinde Maxdorf. Alle negativ, zum Glück. Das Ganze war zugleich ein Probelauf für den Betrieb des Schnelltestzentrums in der Waldsporthalle. Auch in Böhl-Iggelheim ist die Wahl zum Anlass genommen worden, um den Ablauf im Schnelltestzentrum am Schwarzweiher zu üben. „Wir haben am Samstag alle Wahlhelfer durchgetestet und gemerkt, dass es schneller läuft als geplant, wir könnten den Takt erhöhen“, berichtet Bürgermeister Peter Christ (CDU). Doch das komme ganz darauf an, wie das Angebot genutzt werde. Ansturm auf die Schnelltestzentren ab Montag? Am Sonntag blieb er in den Wahllokalen der Gemeinde jedenfalls aus. Vielleicht zehn bis zwölf Prozent der Wahlberechtigten seien am Vormittag persönlich zur Urne geschritten. „Kommen am Nachmittag noch einmal genauso viele dazu, erreichen wir zusammen mit den über 50 Prozent an Briefwählern wieder rund 75 Prozent“, prognostiziert Christ am Sonntagmittag die Wahlbeteiligung.
Ruhig und unauffällig verläuft auch in Mutterstadt der Wahlsonntag. Besondere Vorkommnisse gibt es nicht zu vermelden. „Wir gehen auf die 70 Prozent Wahlbeteiligung zu“, sagt Bürgermeister Hans-Dieter Schneider (SPD) am Nachmittag. Er hofft, das mindestens die 75,3 Prozent von 2016 erreicht werden. Generell wird die Wahlbeteiligung im Wahlkreis 38 aber am Ende geringer ausfallen als 2016: Statt 77 nutzen nur rund 70 Prozent der Wahlberechtigten ihr Wahlrecht.
Hoffentlich die letzte Wahl mit Maske
Gegen halb sechs sind die Wahlhelfer im evangelischen Gemeindehaus in Schauernheim eindeutig in der Überzahl, ein Paar trudelt kurz vor Schluss noch ein, beide setzen ihr Kreuzchen. Wahlhelferin Hannelore Nothof hat schon befürchtet, dass es vielleicht den ganzen Tag so ruhig sein könnte, denn nach ihren Informationen hat im Stimmbezirk 1 in Schauernheim knapp über die Hälfte der Wahlberechtigten per Brief abgestimmt. „Doch vor der Kaffeezeit, nachdem die meisten wohl zu Mittag gegessen haben, war viel los“, erzählt die 71-Jährige. Sie habe auch das Gefühl gehabt, die Leute seien froh gewesen, mal rauszukommen, erzählt sie. Punkt 18.01 Uhr schließt Hannelore Nothof die erste Wahlurne auf, seit halb acht ist sie an diesem besonderen Wahlsonntag hier – mit ein, zwei Pausen. „Feierabend werde ich wohl heute gegen 21 Uhr haben“, so ihre Erfahrung. Und die hat sie reichlich, seit mehr als drei Jahrzehnten sei sie bei jeder Wahl dabei gewesen, nur einmal nicht, da spielte die Gesundheit nicht mit. Gutes Stichwort: Sie gehört zur Risikogruppe, für eine Impfung habe sie sich bisher nur registrieren lassen können. Jeder hätte wohl verstanden, wenn sie dieses Jahr aussetzt. Aber das kam für sie nicht infrage. „Ich habe keine Angst vor einer Ansteckung“, sagt Hannelore Nothof. Sie halte im Alltag all die Regeln und Empfehlungen ein: FFP2-Maske, Hände desinfizieren, Abstand halten, das habe sie längst verinnerlicht. Und sie vertraue auf die zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen, die nun auch sie als Wahlhelferin umsetzen muss: So werden unter anderem Türklinken und Wahlkabinen nach jedem Wahlgang desinfiziert. „Und – das ist auch anders – jeder darf seinen Kugelschreiber, mit dem er die Kreuzchen gesetzt hat, mitnehmen“, sagt sie. Quasi ein „Souvenir“ an die erste Wahl in einer Pandemie. Hoffentlich die letzte unter diesen Vorzeichen. Und hoffentlich die letzte mit FFP2-Maske.
„Morgen denken wir weiter“, sagt Johannes Zehfuß. Die genaue Analyse dieser Landtagswahl wird nicht nur von ihm auf den Montag verschoben. Es ist spät geworden. Als das offizielle Ergebnis des Landeswahlleiters nach Mitternacht eintrudelt, wird erst einmal Luft geholt.