Vorderpfalz
Vom Kinderwunsch zum Glück: Wie läuft eine Adoption ab?
Es sieht einladend und gemütlich aus in jenem Zimmer der Verwaltung des Rhein-Pfalz-Kreises, in dem Menschen Platz nehmen, die ein Kind adoptieren möchten. „Die meisten von ihnen hegen ihren Kinderwunsch bereits sehr lange, viele haben auch schon gescheiterte Kinderwunschbehandlungen hinter sich“, erzählt Heike Zimmerling. Gemeinsam mit Anna Heberger (43) und Nina Englisch-Sessig (42) ist die 60-jährige Sozialarbeiterin in der Fachstelle Adoption tätig. Die drei Kolleginnen sind zuständig für Bürgerinnen und Bürger des Rhein-Pfalz-Kreises, der Städte Ludwigshafen, Frankenthal, Speyer, Neustadt, demnächst auch des Landkreises Bad Dürkheim. „Ein Kind zu adoptieren, ist allerdings kein Automatismus und auch nicht irgendein Plan B“, betont Zimmerling. „Es ist eine ganz besondere Aufgabe und ein lebenslanger Prozess.“ Den Interessierten dies gleich zu Beginn ganz klar darzulegen, sei unerlässlich.
„Hast du etwas von meiner Mama gehört?“
„Es ist nicht so, dass man irgendwann ein Kind in den Arm gelegt bekommt, und dann war es das“, stellt Zimmerling klar. Zwar wüssten die leiblichen Eltern in aller Regel nicht, wo die Adoptiveltern ihres Kindes leben – es sei denn, beide Seiten ließen sich zu einem späteren Zeitpunkt auf einen direkten Kontakt ein. Das Kennenlernen beider Parteien sei jedoch vorgesehen und absolut erwünscht. Halboffene Adoption heißt dieses Konzept, nach dem die gemeinsame Fachstelle arbeitet. Im Idealfall lernen sich dabei leibliche Eltern und zukünftige Adoptiveltern ohne Nennung der eigenen Namen schon vor der Geburt des Kindes in der Fachstelle Adoption kennen. „Man kann so einen persönlichen Eindruck voneinander bekommen und offene Fragen ansprechen“, erzählt Heike Zimmerling. Oft bleibe nach der Vermittlung des Kindes auch ein brieflicher Kontakt über die Adoptionsvermittlungsstelle zwischen leiblichen Eltern und Adoptiveltern bestehen.
„Es hilft den Kindern ungemein, wenn sie von uns erfahren, ob es ihrer leiblichen Mutter gut geht“, erzählt Nina Englisch-Sessig im RHEINPFALZ-Gespräch. Je älter ein adoptiertes Kind werde, desto präsenter würden auch die leiblichen Eltern. „Wir werden dann oft von den Kindern gefragt: Hast du etwas von meiner Mama gehört?“
Viele Gespräche mit den Interessenten
Erfahrungsgemäß springe rund die Hälfte aller potenziellen Adoptiveltern direkt wieder ab, nachdem die Mitarbeiterinnen der Vermittlungsstelle in einem ersten Gespräch diese Auswirkungen einer Adoption erläutert haben. „Die doppelte Elternschaft und auch die Tatsache, dass man als Adoptiveltern sozusagen zu einer Art ,öffentlichen Familie’ wird, können sich viele dann doch nicht vorstellen“, sagt Heike Zimmerling. Manche würden auch nach mehreren Monaten im Bewerbungsprozess noch abspringen, wenn sie bereits etliche Gespräche geführt oder auch einen Vorbereitungskurs der Vermittlungsstelle besucht haben. „Diejenigen können dann aber guten Gewissens für sich selbst sagen, dass eine Adoption nicht der richtige Weg für sie ist.“
Weil die Mitarbeiterinnen der Fachstelle Adoption sowohl die leiblichen Eltern als auch die möglichen Adoptiveltern im Laufe mehrerer Gespräche kennenlernen, entwickeln sie mit der Zeit ein Gefühl dafür, wer am Ende gut zueinander passen könnte. „Wir reden unter uns Mitarbeiterinnen erst nach drei oder vier Gesprächen offen über die jeweiligen Eindrücke, und in aller Regel sind wir uns in der Einschätzung tatsächlich einig“, erzählt Heike Zimmerling.
„Alle gesellschaftlichen Schichten dabei“
Nina Englisch-Sessig ist vor diesem Hintergrund eines ganz wichtig zu betonen: „Wir als Adoptionsstelle fragen die leiblichen Eltern vor der Geburt immer und zuallererst: Was muss passieren, damit Sie das Kind nicht zur Adoption freigeben?“ Es müssten an dieser Stelle wirklich alle Optionen auf den Tisch. Mit den künftigen Eltern werde entsprechend über sämtliche existierenden Unterstützungsangebote gesprochen. „Selbst wenn es dann auf eine Adoption hinausläuft, ist es unsere Aufgabe, in aller Deutlichkeit auf die Konsequenzen hinzuweisen.“ Frühestens acht Wochen nach der Geburt können Eltern zum Notar gehen und ihr Kind zur Adoption freigeben. „Ist diese Unterschrift einmal geleistet und die Urkunde dann beim Familiengericht angekommen, gibt es keinerlei Zurück mehr“, betont Englisch-Sessig.
Meistens seien es die Mütter, die zu den Gesprächen in die Adoptionsstelle kommen. „Es ist eher selten, dass auch mal ein Papa erscheint“, erzählt Heike Zimmerling. Sie will an dieser Stelle ein Vorurteil auf jeden Fall aus dem Weg geräumt wissen: „Es handelt sich dabei keinesfalls nur um Menschen, die zum sogenannten Rand der Gesellschaft gehören.“ Vertreten seien junge und auch ältere Mütter, von der Gymnasiastin bis zur Arbeiterin seien alle gesellschaftlichen Schichten dabei. „Wir haben auch über 40-Jährige, die aus Erfahrung sagen: Ich weiß, was Kinder brauchen, aber ich kann einfach nicht mehr ganz von vorne anfangen.“
Eine egoistische Entscheidung sei die Freigabe eines Kindes nie, betont Zimmerling, die seit 33 Jahren in der Adoptionsvermittlungsarbeit tätig ist. „Es ist immer viel Verzweiflung mit im Spiel, für die Betroffenen ist die Freigabe zur Adoption oft die schwerste Entscheidung ihres Lebens.“ Dass es am Ende um Dinge geht wie: Ich will lieber mein Leben genießen und habe keine Lust auf ein Kind, habe sie persönlich noch nie erlebt.
Biografiearbeit und Elterngruppen
Was viele vermutliche nicht wissen: Ist eine Adoption erfolgreich abgeschlossen worden, dann beginnt für die Mitarbeiterinnen der Fachstelle erst die eigentliche Arbeit. „80 Prozent unserer Zeit verbringen wir mit der Begleitung der Familien“, erzählt Heike Zimmerling. Auf dem Programm stehen dann Biografiearbeit oder auch die Organisation von Elterngruppen. Gerade für Adoptiveltern sei es wichtig, im Austausch mit Menschen zu sein, die sich in derselben Situation befinden. Zur Supervision gehörten auch Seminare und Fortbildungen, etwa zu den Themen Selbstfürsorge und Kräftemanagement. „Für die Adoptivkinder bieten wir ebenfalls Seminare und Gruppenstunden an“, sagt Zimmerling. Auch für sie sei es enorm wichtig, zu wissen und zu erfahren: Es gibt außer mir auch noch andere Kinder, die adoptiert sind. „Und wenn Adoptivkinder dann selbst einmal Kinder bekommen, brechen nochmals neue Themen auf, bei denen wir als Vermittlungsstelle gerne Ansprechpartner sind.“
Akteneinsicht ab dem 16. Geburtstag
Ab einem Alter von 16 Jahren haben adoptierte Menschen in Deutschland das Recht, ihre eigene Akte einzusehen. „Viele unserer Kinder nutzen das auch“, sagt Nina Englisch-Sessig. Denn obwohl sie im Falle der halboffenen Adoption schon vieles wüssten, wollten manche doch einfach gerne mit eigenen Augen etwa die Handschrift der leiblichen Mutter sehen. Auch ältere Menschen, teils schon über 60 Jahre alt, kämen zur Adoptionsvermittlungsstelle und wollten einen Blick in ihre Akte werfen. „Nicht wenige tun das tatsächlich erst in jenem Moment, in dem ihre Adoptiveltern verstorben sind“, berichtet Heike Zimmerling.
Den Schmerz, den Adoptivkinder beim Gedanken „Meine Eltern haben mich weggegeben“ empfinden, den könne ihnen keiner nehmen. „Damit muss man als Betroffener sein Leben lang klarkommen.“ Dennoch sei es in einem guten Miteinander zwischen den adoptierten Kindern, ihren Adoptiveltern und der Vermittlungsstelle – über die Distanz auch mit den leiblichen Eltern – möglich, Erfolgsgeschichten zu schreiben. „Die Familien dabei gut zu begleiten, ist unser Herzensthema“, sagen die drei Kolleginnen. Zum Glück gebe es in der Vorderpfalz eine ausreichend große Anzahl an Menschen, die jenen Kindern ein Familienleben ermöglichen können und wollen, die zur Adoption freigegeben werden.
Noch Fragen?
Die gemeinsame Fachstelle Adoption (Europaplatz 5, Ludwigshafen) ist zuständig für Bürgerinnen und Bürger im Rhein-Pfalz-Kreis, Ludwigshafen, Frankenthal, Speyer, Neustadt und demnächst auch im Landkreis Bad Dürkheim. Sie bietet Beratung und Hilfestellung für werdende Eltern und Adoptivbewerber. Ihre weiteren Aufgaben sind die Begleitung von Adoptivfamilien sowie die Beratung erwachsener Adoptierter bei der Suche nach ihrer Herkunft.
Kontakt unter Telefon 0621 5909-1261, -1270, -1271.