Lambsheim RHEINPFALZ Plus Artikel US-Besuch auf dem Friedhof: „We are all Lambsheimers“

Emotional: Die Nachkommen von Julius Salmon an dessen Grab.
Emotional: Die Nachkommen von Julius Salmon an dessen Grab.

Die Nachfahren der Familie Salmon aus Lambsheim haben eine Grabplatte auf dem jüdischen Friedhof ersetzt. Dafür sind sie extra aus den USA angereist. Ein Tag voller emotionaler Momente.

Die Gäste verlassen den Friedhof, während Steven Seltzer sich zu seinem Sohn dreht, ihn in den Arm nimmt und ihm auf die Stirn küsst. Der 72-Jährige bedankt sich beim Sohn für dessen Unterstützung kurz zuvor, als der neue Grabstein von Julius Salmon enthüllt worden war. Es ist einer von vielen, kleinen emotionalen Momenten an diesem Spätsommertag am jüdischen Friedhof in Lambsheim. „Angehörige der Salmon-Familie sind mehr als 4000 Meilen gereist, um heute hier zu sein, um den Grabstein unseres Vorfahren, Julius Salmon, neu einzuweihen“, hatte Seltzer zu Beginn der Zeremonie vor den rund 20 anwesenden Gästen gesagt. Notwendig war das geworden, weil die alte, dünnere Grabplatte jahrelang in Scherben dargelegen war. Es wird vermutet, dass sie Opfer von Vandalismus geworden war. Nach seinem ersten Lambsheimer Besuch im Jahr 2017 stand für Steven Seltzer fest, dass Ersatz her muss. Nach Rücksprache mit der jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz mit Sitz in Speyer und der Vermittlung eines Steinmetzes, koordiniert von der ehrenamtlichen Lambsheimer Archivpflegerin Renate Young, konnten die Nachfahren von Salmon nun endlich einen neuen Stein präsentieren. Mit dabei waren unter anderem Seltzers Ehefrau Rochelle, die beiden Söhne, zwei Enkel und eine Cousine.

Julius Salmon bleibt ein Unbekannter

Acht Punkte umfasste die Liste der Redebeiträge, die Steven mit seiner Familie vorbereitet hatte, darunter auch diverse Gebete. Enkelin Aria legte einen Stein neben das Grab, eine jüdische Tradition, und nahezu jedes mitgereiste Familienmitglied trug ein Gebet vor, ehe das Tuch gehoben und der Grabstein enthüllt wurde. Hier und da flossen Tränen. Auch Renate Young trug ein paar Worte vor. Die Archivpflegerin ist eine von mehreren Schlüsselfiguren bei der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Lambsheims. Erst voriges Jahr hatte sie eine Ausstellung im Haus der Vereine eröffnet, die auf unzähligen Schautafeln erklärt, was über die Juden in Lambsheim bekannt ist und welches Schicksal sie während des Holocausts erleiden mussten.

Erneuert: Grabplatte von Julius Salmon auf dem jüdischen Friedhof.
Erneuert: Grabplatte von Julius Salmon auf dem jüdischen Friedhof.

Ironischerweise ist über Julius Salmon selbst, der Großvater von Steven Seltzer, eher wenig bekannt. „Er war Pferdehändler und wurde schwer krank“, berichtet Renate Young über den 1886 geborenen Lambsheimer. Von den Nazi-Verbrechen wird er nichts mehr mitbekommen, denn mit Anfang 40 stirbt er im Jahr 1927 an Krebs. Er hinterlässt seine Frau Emma, geborene Dellheim, sowie die fünf gemeinsamen Kinder Erwin Jakob, Herbert, Ruth Pauline, Ingeborg und Esther. Findige Hobbyhistoriker, darunter Renate Young und Paul Theobald, werden Jahrzehnte später Stück für Stück die Puzzle-Teile der Familie zusammensetzen und ein bisschen Licht ins Dunkel bringen. Die Brüder Erwin und Herbert überleben die Nazi-Gefangenschaft nicht, Mutter Emma und die Töchter haben mehr Glück. Später wandern die Frauen alle in die USA aus. Das haben sie vor allem Tochter Ruth Pauline zu verdanken, die 1939, mit gerade mal 13 Jahren, Lambsheim heimlich alleine verlassen kann, 1941 US-amerikanischen Boden erreicht und dort später Samuel Seltzer heiraten wird. Sie bekommen 1951 einen Sohn: Steven.

Als „tremendously meaningful“ – also „ungeheuer bedeutend“ – bezeichnet Steven die Erneuerung des Grabsteins und die Rückkehr zu den Wurzeln seiner Familie. Seine Mutter, die 1999 noch einmal Lambsheim besuchte, habe bis zu ihrem Tod im Jahr 2006 nie viel über diese Zeit geredet.

Emma und Julius Salmon am Tag ihrer Heirat am 16. März 1921 in Mutterstadt.
Emma und Julius Salmon am Tag ihrer Heirat am 16. März 1921 in Mutterstadt.

Die Seltzers bedanken sich an diesem Nachmittag ausdrücklich bei Paul Theobald. Ohne die intensiven Recherchen des heute 72-jährigen Lokalhistorikers wäre der Kontakt zwischen Deutschland und Ruths Nachfahren wohl nie zustande gekommen. Und dann lässt sich Steven zum Schluss, ein bisschen auch an Reminiszenz zum ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy und dessen berühmter Rede in Berlin, zu dem Satz hinreißen: „We are all the same, we are all Lambsheimers“.

Mehr zum Thema
x