Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Spätentwickler mit ungewisser Zukunft

Etwa fünf Zentimeter ist die Larve groß, fraglich ist, ob sie noch wächst.
Etwa fünf Zentimeter ist die Larve groß, fraglich ist, ob sie noch wächst.

Was ist das nur für ein Wesen in unserem Tümpel? Das fragen sich Timo Carnarius und seine Tochter Milia aus Mutterstadt. Es will sich partout nicht wie die anderen Amphibien weiterentwickeln. Ein Experte hat eine einfache wie auch verblüffende Erklärung.

Die achtjährige Milia hat um die Osterzeit sechs Larven von einem Waldspaziergang mitgebracht, die sie in einem Tümpel gefunden hat. „Mittlerweile wissen wir, dass man das nicht tun sollte“, sagt ihr Vater. Nun waren die kleinen Lebewesen aber da. Timo Carnarius ist sich sicher, dass es sich um Larven von Salamandern handelte. Salamander werden von den Weibchen als Larven in Gewässern lebend geboren. Es legt etwa 50 Larven nach und nach ab, die sich im Wasser dann weiterentwickeln. Sie haben bereits vier Beine und einen Schwanz zum Fortbewegen. Im Laufe der Zeit entwickeln sie Kiemenbüschel, die seitlich am Kopf wie Fächer abstehen. Über diese atmen sie unter Wasser.

Dies zu beobachten, ist besonders für Kinder sehr interessant. Darum hat Timo Carnarius auch einen kleinen Tümpel im Garten angelegt – extra für die Larven. Er ist Laie in Sachen Amphibien, also habe er viel auf Foren im Internet recherchiert und sich Rat geholt. Dort habe er erfahren, dass es sich möglicherweise um Salamanderlarven handelt. Gefüttert hat er sie mit Mückenlarven.

„Eine der sechs Larven ist relativ schnell verendet, vier haben sich normal entwickelt – zunächst“, erzählt er. Drei schienen „normal“ zu sein. Die Larven sind in den kommenden drei Monaten gewachsen, haben die typischen gelben Punkte auf ihrem Körper bekommen, ihre Kiemenbüschel abgelegt und sind an Land gekrochen. Eine Metamorphose wie im Bilderbuch also. „Dann haben wir sie auch schon bald nicht mehr gesehen“, berichtet der 41-Jährige. Er vermutet, sie wurden von Vögeln gefressen.

Munteres Kerlchen

Eine Larve jedoch schien ein Spätentwickler zu sein: Sie ist heller als die anderen, hat dunkle Punkte, und ihre Kiemenbüschel sind hellrosa. Sie wollte einfach nicht den Tümpel verlassen. So haben Timo Carnarius und seine Tochter eine große Blumenschale mit Wasser gefüllt und mit Wasserpflanzen bestückt, damit sich der kleine Spätentwickler auch ja wohlfühlt. Zum Fressen gibt es weiter Wasserflöhe und Mückenlarven. „Er ist quietschfidel und sehr neugierig“, berichtet der Mutterstadter. Zum Beweis setzt er das putzige Tier in ein Wasserglas – und tatsächlich. Es scheint so, als würde es seine Umgebung ganz genau wahrnehmen und beobachten. Er hat ein freundliches „Gesicht“ – und das erinnerte Timo Carnarius an ein Tier, dass er schon mal gesehen hatte. „Vielleicht ist es ein Axolotl“, sagt er.

Der Axolotl ist ein mexikanischer Schwanzlurch, der in bestimmten Seen, vor allem im Xochimilco-See, und Gewässern in Mexiko lebt, der aber auch schon bei uns mal vorkommt. Das Besondere ist, er ist ein Schwanzlurch, der die Metamorphose nicht abgeschlossen hat. Er wechselt also nicht wie andere Amphibien den Lebensraum, er bleibt im Wasser und kriecht nicht an Land. Er ist quasi eine Amphibie, die nie erwachsen wird und immer eine Larve bleibt. Der Grund ist ein Gendefekt. Es fehlt ihm ein Hormon, das die Metamorphose auslöst. Dieser Defekt wurde durch die Veränderungen der unterirdischen Seen-Systeme im Laufe der Jahrtausende verursacht, weiß Wendelin Wünstel, Leiter des Landauer Reptiliums.

Ein zu großes Auge

Weil der Axolotl und Timo Carnarius’ Tier beide Amphibien-Larven sind, sehen sie sich auch so ähnlich. „Aber dieses Tier ist mit sehr großer Wahrscheinlichkeit kein Axolotl“, sagt Wendelin Wünstel. Und das macht er zum Beispiel an den Augen aus: „Ein Axolotl hat unterentwickelte Augen, er lebt in den dunklen Wasserkanälen und ist fast blind“, erklärt der Zooleiter. Timo Carnarius’ Amphibie hingegen nimmt sehr wohl seine Umgebung war. Für ein Axolotl seien die Augen dieser Larve also zu groß, meint Wünstel. „Die Augengröße schließt auf eine heimische Art, ich tippe auf die Larve eines Teichmolchs“, sagt er. Die helle Färbung des Tiers sei zwar besonders, aber eben auch nicht unbedingt ungewöhnlich.

Der Experte vermutet, dass ein Gendefekt bei diesem Exemplar die Metamorphose stark verzögert – oder vielleicht gar verhindert. Dafür spricht auch, dass das eine Auge der Larve kleiner und nicht so weit entwickelt ist wie das andere. Doch auch wenn das Tier kein Axolotl ist, eines hat es mit diesem gemeinsam: den Gendefekt, der die Metamorphose behindert.

„Aber was passiert nun mit dem Tier“, fragen sich Timo Carnarius und seine Tochter Milia. So ganz genau kann das auch der Experte aus Landau nicht voraussagen: „Vielleicht entwickelt er sich noch, wahrscheinlich bleibt er aber in diesem Stadium und wird irgendwann sterben.“ Er rät, die Lebensbedingungen so beizubehalten wie bisher. Das wollen die beiden auch machen. „Ich würde das Tier aber auch in gute Hände geben, falls jemand Interesse hat“, sagt Timo Carnarius. Wer daran Interesse hat, kann sich per E-Mail an die Landkreisredaktion unter redrpk@rheinpfalz.de melden.

Ein ausgewachsene Axolotl kann bis zu 25 Zentimeter groß werden.
Ein ausgewachsene Axolotl kann bis zu 25 Zentimeter groß werden.
Milia Carnarius
Milia Carnarius
Mehr zum Thema
x