Rhein-Pfalz-Kreis / Römerberg
Seniorenheim-Geschäftsführerin berichtet von Toten und Verzweiflung
Bianca Staßen (SPD), die derzeit Landrat Clemens Körner (CDU) vertritt, blickt mit „gemischten Gefühlen“ auf die Weihnachtsfeiertage. Sie habe vollstes Verständnis dafür, dass sich die Menschen zum Fest der Familie treffen wollen, allerdings habe sie „große Angst“, dass die Infektionszahlen nach den Feiertagen weiter steigen. Sie bittet die Bürger deshalb, zu Hause zu bleiben und nur „dringend notwendige Besuche“ zu machen. „Es wäre doch tragisch, wenn man unbewusst andere infiziert, gerade ältere Mitmenschen ansteckt.“ Ein schwerer Krankheitsverlauf könne für Oma und Opa das letzte Weihnachtsfest bedeuten, sagt Staßen gegenüber der RHEINPFALZ. Die Erste Kreisbeigeordnete bittet ebenso, dass sich Infizierte, wie es die aktuelle Landesverordnung vorschreibt, direkt in Quarantäne begeben, und ihre Kontaktpersonen informieren, die sich ebenfalls absondern sollen. Es gebe weiterhin Menschen, die sich nicht an die Vorgaben hielten und infiziert durch die Gegend liefen, sagt Staßen.
Hotspots und diffuse Fälle
Dass die Inzidenzwerte der vier vom Kreisgesundheitsamt betreuten Kommunen – der Rhein-Pfalz-Kreis sowie die Städte Ludwigshafen, Frankenthal und Speyer – weiterhin sehr hoch sind, liege an den von Corona-Ausbrüchen betroffenen Gemeinschaftseinrichtungen wie Seniorenheimen, sagt Christiane Blum-Magin, Leitende staatliche Beamtin der Kreisverwaltung. Bianca Staßen weist jedoch auch darauf hin, dass es außer den Infizierten in den Heimen weiter diffus verteilte Fälle gebe, bei denen es schwer nachvollziehbar sei, wo sich die Menschen mit dem Virus angesteckt haben. Es gebe vorsichtige Personen, die berichteten, dass sie sich selbst in Quarantäne begeben haben und nur einkaufen und spazieren waren, und trotzdem infiziert sind. „Wir wissen nicht, warum sich das Virus so schnell verbreitet“, sagt die Erste Kreisbeigeordnete.
Ratlosigkeit herrscht ihren Angaben zufolge auch bei Seniorenheimleitern, die teilweise verzweifelt seien, weil sie sich nicht erklären könnten, wie das Virus in die Einrichtung gekommen ist. „Wenn das Virus in einer Einrichtung ist, ist es schwer unter Kontrolle zu bekommen“, macht Staßen deutlich. Laut ihr und Thomas Hauck, der bei der Kreisverwaltung die Abteilung Recht, Ordnung und Verkehr leitet, haben zwei Mitarbeiter der Kreisordnungsbehörde zuletzt acht der 16 Seniorenheime im Kreis besucht und unter anderem überprüft, ob die Hygienevorschriften eingehalten werden. Verstöße seien keine festgestellt worden. „Im Gegenteil: Die Einrichtungen tun alles, um einen Ausbruch zu verhindern“, sagt Staßen.
Viele Fälle in einem Heim
Ob die am Montag gemeldete relativ hohe Anzahl an Neuinfektionen in Dudenhofen (elf) und Römerberg (23) mit den dortigen Seniorenheimen zusammenhängt, in denen es zuletzt Corona-Ausbrüche gab, kann Christiane Blum-Magin nicht sagen. Es spreche aber einiges dafür, da durch die Schnelltests in den Seniorenheimen Infektionen auffallen, sagt die Leitende staatliche Beamtin der Kreisverwaltung. Ihr zufolge wurden dem Gesundheitsamt am Montag weitere 24 Bewohner und 17 Mitarbeiter aus der Dudenhofener Seniorenresidenz Sankt Sebastian bekannt, die infiziert sind. Im evangelischen Seniorenzentrum in Berghausen seien positive Tests von drei weiteren Bewohnern und zwei Mitarbeitern gemeldet worden.
Dass diese Zahlen sich teilweise nicht mit den vom Kreis gemeldeten Neuinfektionen für die beiden Ortsgemeinden decken, erklärt Thomas Hauck damit, dass die Mitarbeiter ihren Wohnsitz nicht unbedingt in der Gemeinde haben müssen, wo sich das Seniorenheim befindet. Infizierte Mitarbeiter tauchten immer in der Statistik ihres Wohnortes und nicht ihres Arbeitsortes auf, sagt Hauck.
Tote sorgen für Verzweiflung
Martina Busch, Geschäftsführerin der evangelischen Altenhilfe, die das Berghausener Seniorenheim betreibt, sagt am Dienstag auf Anfrage, dass derzeit 17 infizierte Bewohner und zehn Mitarbeiter in Quarantäne seien. Seit Anfang Dezember seien fünf Bewohner im Zusammenhang mit dem Virus gestorben. Busch erzählt, wie nahe das den Mitarbeitern gegangen sei, die sich jahrelang um die alten Menschen gekümmert haben. „Sie saßen teilweise nach der Arbeit im Auto und haben geweint“, macht die Geschäftsführerin deutlich. Das Seniorenheim in Berghausen sei mit 60 Plätzen ein relativ kleines Haus. „Wir haben alles richtig gemacht und trotzdem ist dieses Virus in unserem Haus“, klagt Busch. Sie berichtet von einer Bewohnerin, die nach einem Krankenhausaufenthalt positiv getestet worden sei. Ob dadurch das Virus in das Heim getragen wurde, wolle und könne man nicht sagen, aber es sei naheliegend, sagt die Geschäftsführerin.
Das Personal wird ihr zufolge täglich vor Dienstbeginn getestet. Derzeit herrscht für die Einrichtung ein Besuchsverbot, das gerade bis 4. Januar verlängert wurde. Mit Blick auf Weihnachten sorgt sich Busch, weil die nicht infizierten Bewohner nach Hause dürften. „Man kann sich nicht vorstellen, dass dort alle mit Maske am Tisch sitzen und sich nicht umarmt wird“, sagt die Geschäftsführerin. Gleichzeitig geht sie davon aus, dass die Menschen vernünftig sind. Wenn die Bewohner in das Heim zurückkehren, werden sie getestet. Busch sagt, dass das Land in Aussicht gestellt habe, dass das Seniorenheim „bei den erste Impfungen“ dabei sein werde und dort erstmal nur die Nicht-Infizierten geimpft werden sollen. Sie hofft, dass „das nächste Jahr besser wird“ und die vom Land angebotene Unterstützung etwa auch durch zusätzliches Personal wirklich kommt.