Beindersheim
RHEINPFALZ-Sommertour: Besuch beim Kartoffelabpacker Helma Südwest
Das Interesse der Besucherschar im Abpackbetrieb im Beindersheimer Gewerbegebiet ist wirklich groß. Das merkt man schon bei der Begrüßung, als Thomas Reber bereits erste Fragen gestellt werden. Der 37-jährige Betriebswirt ist Mitglied der Geschäftsleitung und darf sich zwei Stunden später im Applaus der Gruppe sonnen, weil seine Führung allen so gut gefallen hat.
Doch zunächst einmal teilt er gelbe Warnwesten aus, weil auf dem Hof ziemlich viel Schwerlastverkehr herrscht und es in den Hallen relativ dunkel ist. Pro Jahr werden bei Helma Südwest (früher Agrarservice der VVR Bank Kur- und Rheinpfalz) 80.000 Tonnen Kartoffeln und 30.000 Tonnen Zwiebeln abgepackt, nur für den Einzelhändler Lidl. Nicht nur der Mengenunterschied, auch der Fokus der Leserinnen und Leser macht klar: Die Zwiebel wird an diesem Tag mal links liegen gelassen, vielmehr stehen Annabelle und ihre Freundin Colomba, zwei frühreife Kartoffelsorten, im Mittelpunkt.
Qualität muss stimmen
Deren Weg verfolgen die Besucher von der Anlieferung durch ihre Erzeuger bis in die großen Kartons, bevor diese von Lkw in mehr als 3000 Lidl-Läden gebracht werden. Die erste Station ist die Rohwarenannahme. Dort werden dem Anhänger der gerade eingetroffenen Landmaschine Proben genommen, die dem Abnehmer Helma Südwest Aufschluss über die Qualität der Kartoffeln geben. Ist die nicht hundertprozentig gegeben, wird dem Landwirt etwas vom vereinbarten Preis abgezogen.
Zunächst werden die Knollen maschinell von Erdanhaftungen befreit, dann werden sie kalibriert, das heißt vermessen. Sie sollen weder zu groß noch zu klein sein. Eine ältere Leserin macht sich für kleine Kartoffeln stark, aber Thomas Reber gibt zu bedenken, dass die schwieriger zu schälen sind und die jungen Supermarktkunden darauf nun mal nicht so große Lust hätten.
Nach dem Waschen kommt das Polieren und dann das Scannen. Eine Maschine überprüft mit Kameras, ob die jetzt sauber und glatt herumkullernden Kartoffeln Mängel haben. „Grün, beschädigt, zu dunkel“, nennt Reber die Ausschlusskriterien. Trotzdem müsse auch noch händisch aussortiert werden. Die Guten kommen in große Silos, in denen sie aber höchstens einmal übernachten. Samt Warenbegleitkarte werden sie am anderen Tag zur Verpackungshalle gebracht, wo Arbeiter sie mit Maschinen in 2,5-Kilo-Netze und diese wiederum in große Kartons packen.
Discounter oder Hofladen
„Unglaublich, was so alles gemacht werden muss, um uns Verbraucher mit Lebensmitteln zu versorgen“, meint eine Leserin und glaubt, dass das die meisten nicht zu schätzen wissen. Helma-Mitarbeiter Reber wird während der zweistündigen Besichtigung geradezu gelöchert, und man könnte meinen, dass die Teilnehmer im vorgerückten Alter Vorbehalte gegen Kartoffeln aus dem Discounter haben. Etliche lassen durchblicken, dass sie lieber auf den Wochenmarkt oder zum Hofladen im Dorf gehen. Aber Reber macht deutlich, dass die meisten Großstadtbewohner solche Quellen nun mal nicht haben.
Und so dient die Sommertour irgendwie auch dazu, Vorurteile abzubauen. Denn was im Discounter so aalglatt und gleichförmig in den Netzen liegt und skeptisch macht, kann vom selben Bauern stammen, bei dem der regionalbewusste Konsument persönlich einkauft. Nur sehen die Kartoffeln dann etwas anders aus. Ein Gast kritisiert den allgemeinen Anspruch auf ständige Verfügbarkeit aller Obst- und Gemüsesorten. Eine Leserin nimmt die Verbraucher in Schutz und kontert: „Dass alles immer vorhanden sein soll, dazu sind wir ja von der Industrie regelrecht erzogen worden!“
Der Vorstellung von mächtigen Einzelhandelskonzernen, die den Kartoffel- und Zwiebelanbauern sowie ihren Vertreibern mit Knebelverträgen das Leben schwer machen, setzt Reber die 40-jährige Erfahrung des Beindersheimer Betriebs entgegen. „Verträge sind etwas für Anwälte, die damit Geld verdienen“, sagt der 37-Jährige und zitiert damit einen hohen Vertreter der Abnehmerseite. Diese Devise gelte immer noch zwischen Lidl und dem Abpackbetrieb, damit sei man bislang gut gefahren. Deutlich wird aber auch: Fast alles, was Helma Südwest und der Schwesterbetrieb Helma Sittensen in Niedersachsen innerbetrieblich planen, wird mit Lidl abgesprochen. Dazu gehören die zwölf Millionen Euro teuren Vorhaben in nächster Zukunft, zum Beispiel die Betriebserweiterung zugunsten von mehr Lagermöglichkeiten und die Anschaffung neuer Maschinen.
Kartoffel mag keine Hitze
Kartoffelanbau und Klimawandel, auch dazu kann Reber etwas sagen: „Die Vegetation ist zunehmend früher dran. Dass wir Anfang August schon Ware aus Niedersachsen beziehen, ist dieses Jahr erstmals der Fall.“ Das heißt: Die Pfälzer Grumbeere hat sich für 2023 verabschiedet, es ist ihr zu warm. Reber nennt als Ziele, an deren Erfüllung es zu tüfteln gilt: Pfälzer Kartoffeln früher und schneller auf den Markt zu bringen, die Anbaumethoden und Sortenwahl zu optimieren und „regionale Ware bis kurz vor Weihnachten zur Verfügung zu haben“. Für Letztgenanntes braucht es die geplanten Kühllager. Unter regional versteht man in Beindersheim Erzeugnisse aus der Pfalz sowie Teilen von Baden-Württemberg, Hessen und dem Saarland.
Und für die Speisefrischkartoffel als Nahrungsmittel zu werben, gehört ebenfalls zur Strategie. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland, so Reber, sei auf 17 bis 18 Kilo gesunken. Und warum? Der große Konkurrent sei die Nudel. „Die macht in der Zubereitung einfach weniger Arbeit.“