Beindersheim
Mehr Platz für Kartoffeln aus der Region
Die Mitglieder des Gemeinderats wirkten erleichtert, als sie Mitte Juni beschlossen, einen Bebauungsplan für das Gewerbegebiet Im Wörtchen aufzustellen, weil die 2021 gegründete Helma Südwest GmbH sich für eine Vergrößerung des Betriebsgeländes entschieden hat. Vor zehn Jahren war die damalige RV Bank, die mittlerweile zur Vereinigten VR Bank Kur- und Rheinpfalz gehört, schon mit dem Anliegen vorstellig geworden. Unter anderem um Platz zu schaffen und den Publikumsverkehr wegzunehmen, verlegte die Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim den Wertstoffhof 2018 von Beindersheim nach Heßheim. Dem Vernehmen nach ging damals die Angst um, die Bank könnte ihren Agrarservice dichtmachen und Beindersheim Arbeitsplätze und Steuereinnahmen verlieren.
Dann verkaufte die Genossenschaftsbank im Herbst 2021 fast alle ihre Firmenanteile an die Helma Kartoffelvertriebsgesellschaft der Familie Heldberg im niedersächsischen Sittensen, und erneut sorgte man sich um den Fortbestand der Firma, auch weil bis dato keine Erweiterung in Angriff genommen worden war.
Lagerkapazität erweitern
Doch die Übernahme darf jetzt als Signal zum Aufbruch verstanden werden. Südlich der bestehenden Halle nahe dem Autobahnkreuz, in der seit über 40 Jahren Kartoffeln und Zwiebeln maschinell für den Einzelhandel verpackt werden, sollen zwei Kühllager für Kartoffelkisten gebaut werden. „In beiden Hallen können dann jeweils bis zu 5000 Tonnen Kartoffeln aufbewahrt werden“, erläutert Geschäftsführer Martin Roffhack, der den Betrieb schon vor der Übernahme viele Jahre lang geleitet hat. „Das erhöht unsere Lagerkapazität auf 12.000 Tonnen und gibt uns die Möglichkeit, mehr Ware aus der Region aufzunehmen und zu vermarkten.“
Dazu muss man wissen: Nur vier Monate lang kommen in Beindersheim Kartoffeln aus der Pfalz an, und zwar Frühkartoffeln, den Rest des Jahres wird Ware aus Niedersachsen oder dem Ausland geliefert. Bei den Zwiebeln dagegen ist die Pfalz der Hauptlieferant. Helma Südwest würde gern mehr Bauern aus der Region für den Anbau von Spätkartoffeln begeistern. Deshalb laufen schon seit geraumer Zeit Anbauversuche und Testrodungen, und auch an wissenschaftlichen Projekten nimmt die Firma teil, etwa zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade, die Kartoffeln und Zuckerrüben schaden.
Solaranlagen auf den Dächern
Mehr regionale Ware in Beindersheim bedeute zwar mehr Energiebedarf wegen der Kühlung, aber auch weniger Frachtverkehr, sagt Martin Roffhack, der eine Ausbildung zum Landwirt gemacht hat und Agraringenieur ist. Die Dächer der neuen Lagerhallen sollen begrünt werden und Fotovoltaikanlagen bekommen. Roffhacks Wunsch ist, dass das erste Gebäude Ende 2025 in Betrieb gehen kann.
Dass er und die anderen beiden Geschäftsführer, Jan und Jochen Heldberg, knapp zwei Jahre nach Gründung der GmbH so viel vorhaben, hat mit dem einzigen Abnehmer ihrer Rohware zu tun, dem Einzelhandelsunternehmen Lidl. Seit fast 40 Jahren bezieht es für seine Discountmärkte festkochende und vorwiegend festkochende Kartoffeln sowie Zwiebeln aus dem Beindersheimer Abpackbetrieb. Lidl sei ein äußerst zuverlässiger Partner, sagte Roffhack kürzlich, als der rheinland-pfälzische Staatssekretär Andy Becht (FDP) und Vertreter der Erzeugergemeinschaft Pfälzische Früh-, Speise- und Veredlungskartoffel bei Helma Südwest zu Gast waren.
Gute Beziehung zu Lidl
Die Geschäftsbeziehung scheint von Vertrauen und Kompromissbereitschaft geprägt zu sein. „Es gilt mehr der Handschlag als der Vertrag“, sagte Roffhack bei dem Treffen mit Becht. Die Beindersheimer sehen sich bei Kartoffeln und Zwiebeln als ein Garant der Versorgungssicherheit in Deutschland, und Lidl nehme schon auch mal Rücksicht darauf, dass sich manche Maschine auf dem hiesigen Firmengelände noch nicht amortisiert habe und länger laufen müsse.
Womit wir beim eigentlichen Grund für das 12,2 Millionen Euro schwere Investitionspaket, das Helma Südwest bis 2025 stemmen will, angekommen wären. Lidl habe vor dem Hintergrund der Konzentrationsprozesse in Landwirtschaft und Einzelhandel, der Digitalisierung und der Anforderungen an eine moderne, nachhaltige Logistik Vorgaben formuliert. „Es geht vor allem um die Zusammenführung von Abpackstätten und die Optimierung innerbetrieblicher Abläufe“, sagt Martin Roffhack. Neben der geplanten Kistenkühllager müssten deshalb in Abstimmung mit Lidl auch neue Maschinen und Systeme eingeführt werden, etwa zur Aufrichtung von Kartonagen oder zum Kommissionieren.
Ausschuss geht in die Industrie
Seinen Jahresumsatz gibt Helma Südwest mit 54,5 Millionen Euro an, und der wird zu einem gewissen Teil mit weiteren Geschäftspartnern erwirtschaftet. Denn es müssen ja auch die Zwiebeln und Kartoffeln verwertet werden, die den Qualitäts- und Optiktest für den Einzelhandel nicht bestehen. Von „15 bis 20 Prozent Verlust“ spricht Roffhack und meint damit Ware, die nach dem Aussortieren an Hersteller sogenannter Convenience-Produkte geht, zum Beispiel an Pommes-Frites-Produzenten.
Der Beindersheimer Betrieb beschäftigt eigenen Angaben zufolge aktuell 42 Festangestellte und bis zu 50 Leiharbeiter aus 22 Nationen. Gesucht werden ein Elektriker-/Mechatroniker und eine Fachkraft im kaufmännischen Bereich. Ab September kooperiert Helma Südwest mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach und bietet ein Duales Studium in der Fachrichtung BWL-Agrarwirtschaft an. Der Helma-Standort Sittensen ist laut Geschäftsführung von Umsatz und Abpackmenge her ähnlich groß wie der Standort Beindersheim, beschäftigt aber wegen des eigenen Fuhrparks 130 Menschen. Die VVR Bank wird laut Roffhack Ende des Jahres ganz aus der GmbH aussteigen.