SPEYERER UMLAND
Reichsgründung vor 150 Jahren: Schlechte Meinung von „Franzoseköpp“
König Ludwig II. von Bayern hatte schon am 16. Juli 1870 die Mobilmachung befohlen und Frankreich am 19. Juli die Kriegserklärung überreichen lassen, trotzdem schien man in den Dörfern um Speyer zunächst wie anderswo nicht so recht an einen Krieg zu glauben. Ende Juli aber trug man nahezu überall Vorsorge für den Ausbruch der Kämpfe. In Otterstadt beispielsweise – so berichtet die Ortschronik – sollten 150 Zentner Heu, 100 Zentner Hafer und 100 Strohsäcke zu je 2 Gulden 24 Kreuzer angekauft werden, damit man die Schulsäle mit Mannschaften belegen konnte, falls eine Einquartierung unvermeidlich würde. Außerdem eröffnete man dem Bürgermeister unbeschränkten Kredit für Kriegszwecke und für das Bestreiten dringender Bedürfnisse einen Vorschuss von 500 Gulden.
Zu Beginn des Krieges wurde die III. Armee in und um Speyer zusammengezogen. Oberbefehlshaber war Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Friedrich III. Das Gros der in Speyer einquartierten Soldaten zog am 31. Juli und 1. August 1870 zum großen Biwak zwischen Germersheim und Bergzabern. Am 1. August lagerte das 12. Infanterie-Regiment aus Neu-Ulm, das auf dem Weg nach Sedan war, in Dudenhofen. Ein namentlich unbekannter Zeitzeuge veröffentlichte 1873 in seinem Bericht über den Feldzug folgende Passage: „Gegen 10 Uhr Vormittags langten wir in dem wohlhabenden und saubern Dorfe Dudenhofen an und blieben bis zum Abend des nächsten Tages. Die braven Pfälzer Bauern nahmen uns überall mit herzlicher Gastfreundschaft auf; obwohl blos einige Stunden von der Grenze entfernt, waren sie doch über den Ausgang der bevorstehenden Schlacht ganz unbesorgt und hatten überhaupt eine sehr geringschätzige Meinung von ihren französischen Nachbarn. ,Ah wah‘, sagten sie, ,unsere Soldate lasse sich net schlache von dene Franzoseköpp do!‘“
3000 Gefallene an einem Tag
Am 4. August 1870 tobte die Schlacht bei Weißenburg; an einem einzigen Tag fielen insgesamt 3000 deutsche und französische Soldaten. Die Gemeinden bereiteten sich auf mögliche Einquartierungen vor. So sind für die Jahre 1870/71 auch Massenquartiere für Soldaten auf dem Rückzug im Hanhofener Schulhaus belegt. Die Gemeinde Mechtersheim erhielt nur einmal Einquartierung, von größeren Truppendurchzügen blieb sie jedoch verschont. Sofort aufnahmefähige Vereinslazarette waren in Speyer (300 Betten) und Heiligenstein (65) eingerichtet worden.
Eine ansehnliche Zahl junger Männer aus allen Orten musste schließlich zu den Fahnen eilen und verlor ihr Leben. Als Beispiel steht der Hanhofener Franz Jakob Flörchinger, der am 8. März 1871 in Frankreich starb. In der Heimat gab es ein großes Bemühen, finanzielle Hilfe für die verwundeten und erkrankten Soldaten zu organisieren. Dabei engagierten sich auch viele Frauen. So sammelte bereits bis August 1870, wie eine Annonce aus der Pfälzer Zeitung vom 23. August 1870 zeigt, der Kreisausschuss des bayerischen Frauenvereins für die Pfalz unter der Federführung von Frida von Pfeufer beachtliche Geldsummen sowie Lebensmittel und Sachspenden vor allem in Form von Verbandsmaterialien für Lazarette. Als großzügige Gebergemeinden werden neben Speyer unter anderem Heiligenstein, Berghausen, Mechtersheim, Dudenhofen, Otterstadt, Waldsee und Schwegenheim genannt.
Im Frühjahr 1871 war schließlich der Krieg zu Ende. Obwohl in vielen Dörfern die Blatternkrankheit herrschte und ein extrem heißer und trockener Sommer mit vielen Schädlingen ganze Fluren vernichtete, wurden in nahezu allen Orten im März 1871 Feste aus Anlass des (Vor-)Friedensschlusses Deutschlands mit Frankreich mit Glockenläuten, Böllerschüssen und Feuerwerk gefeiert. Überliefert ist auch, dass in Harthausen durch den örtlichen Kriegerverein später an der Stelle, wo einst das alte Rathaus stand, eine Friedenslinde zur Erinnerung des Krieges 1870/71 gepflanzt wurde. In Berghausen soll es eine Eiche gewesen sein, die heute noch im Schatten der Pfarrkirche steht. Die Ortschronik von Dudenhofen berichtet wie folgt: „12. März 1871 Friedensschluss, Glockengeläute, Böllerschüsse, Fackelzug, Verteilung von Brezeln an die Schulkinder, Feuerwerk, Pflanzung einer Friedenslinde am Ausgang des Ortes nach Harthausen. Kosten 166 Gulden.“
Sieg und Frieden gefeiert
Am 5. März 1871 wurde in Otterstadt eine Friedensfeier abgehalten. Dafür erwuchsen der Gemeinde folgende Ausgaben: 26 Gulden und 40 Kreuzer für Brezeln für die Schuljugend, 35 Gulden für 3 Böller, für Schießpulver dazu 3 Gulden und 36 Kreuzer und für sechs Taschentücher „zum Blindenspiel der Schuljugend“ 1 Gulden und 40 Kreuzer. Einen Schwerverwundeten bekam die Gemeinde, als der Krieg schon über einen Monat beendet war, zugewiesen sowie am 2. April eine zurückkehrende Schwadron preußischer Ulanen. In der Ortschronik heißt es: „Von den Böllern, die der Hufschmied Georg Michael Göck dabei abschoss, zerriss es einen, der ihm dabei das rechte Bein zerschmetterte. Neben den Kosten für Arzt und Apotheke mussten als Entschädigung für seine Arbeitsunfähigkeit aus der Gemeindekasse 240 Gulden bezahlt werden.
Für den Verlust von Pferden, Pferdegeschirren und Wagen, welche bayerische Truppen requiriert hatten, für Heilkosten beschädigter Pferde und für geleisteten Vorspann hatte die Gemeinde das Geld vorzustrecken, bis die Zahlung durch den Staat erfolgte. Otterstadter Bauern, die in Frankreich Vorspann geleistet hatten, erhielten pro Tag 4 Gulden. Bei den letzten Truppen, die aus Frankreich heimkehrten, waren 18 Mann preußische Artillerie, die vom 1. auf den 2. Juli 1873 in Otterstadt einquartiert lagen.“
Die genauen Opferzahlen im Deutsch-Französischen Krieg lassen sich heute – 150 Jahre danach nur – schwer ermitteln. Doch dürfte deren Zahl – wenngleich ebenso schmerzlich – weitaus niedriger als in den beiden darauffolgenden Weltkriegen gewesen sein. Das Andenken des Krieges 1870/71 pflegten die neugegründeten Krieger- und Soldatenvereine. Ein solcher wurde beispielsweise in Heiligenstein im Jahre 1874 ins Leben gerufen. Er engagierte sich in der Unterstützung der Vereinsmitglieder beziehungsweise deren Hinterbliebenen, half bei Beerdigungen verstorbener Mitglieder und hatte die Pflege der Vaterlandsliebe zum Zweck.