Rhein-Pfalz Kreis Praktikum auf Rooiklip oder: Skorpion im Glas

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Ludwigshafen/Windhoek. Das fünfte Telefonat mit Hannelore Neuffer verschiebt sich. Die Farmchefin ist krank gewesen, hat im Bett gelegen. „Meine Gedanken sind wie ausgedörrt“, schreibt sie nur kurz in einer E-Mail. Jetzt am Telefon ist Lore aber wieder ganz die „Alte“. Ihre Stimme klingt energiegeladen wie eh und je. Und sie hat wieder superviel zu erzählen. Trotzdem reicht sie dieses Mal den Hörer auch einmal weiter ...

Ja, ich bin fit. Habe Power, und der Geist funktioniert auch wieder. Ich bin wirklich froh, dass es vorbei ist. An einem Tag ging es mir besonders elendig. Ich hatte viel Wasser verloren und war schlapp. Das war so ein Tag, an dem man sich gar nicht vorstellen kann, dass es einem irgendwann mal wieder besser geht. Kennst Du das? Ich habe eine E-Mail in die Schweiz geschickt. Der Vater eines Studenten, der hier gearbeitet hat, ist Magen-Darm-Spezialist. Er hat eine Ferndiagnose gestellt. Da er ungefähr weiß, was unsere Hausapotheke hergibt, hat er mich per Internet angeleitet, welche Medikamente ich nehmen soll. Es hat gewirkt! Tja – und jetzt schaue ich zum Fenster raus. Es ist Herbst geworden. Das Gras steht als „Heu“ und bringt die echte und richtige Farbe der Landschaft wieder zurück – beige, gelb. Das saftige, strahlende Grün hat seinen Dienst getan, nach dem letzten Regen am 8. April kommt wieder „Afrika“ zurück, die Hänge sind alle gut bewachsen, und nun wiegt sich das trockene Gras leicht im Wind und zaubert einen silber-gelblichen Film über das Land. Dieses „Heu“ muss für alle Tiere bis etwa Dezember reichen, denn bis dahin dauert die Trockenzeit. Die Dickpense – ich habe beim letzten Telefonat von der Käferplage erzählt – werden weniger. Aber mein Garten wird wieder Anziehungspunkt für große und kleine Nager. Ich muss aufpassen und vor allem meinen kleinen Zitrushain schützen. Ich will mich gar nicht umdrehen. Hinter mir steht nämlich mein Laptop. Ein Berg Arbeit wartet auf mich. Lohnabrechnungen stehen an, Steuersachen. Ich muss mich da heute und morgen dran machen. Ich will es auch weghaben, damit ich wieder mit gutem Gewissen in mein Büro kann. Aber eigentlich würde ich jetzt lieber in meinem Garten arbeiten oder irgendwo anders draußen herumwerkeln. Heute morgen der Spaziergang kurz nach Sonnenaufgang – ich habe dabei Fotos gemacht – war so schön. Mir ist das Herz aufgegangen. Ach, was mir einfällt, weil ich ihn gesehen habe: Linus geht es gut. Das Zebra hat die Geparden-Attacke überstanden. Ich habe doch vom Biss im Hals erzählt. Da hat sich ein dicker Knoten gebildet, wir haben Linus Antibiotikum verpasst. Es hat geholfen. Eben hat sich Michelle hereingeschlichen. Unsere Praktikantin aus Mutterstadt. Ich habe sie hierher ans Telefon bestellt, denn sie soll erzählen, wie sie uns gefunden hat – ich reiche mal den Hörer weiter. Hallo, hier spricht Michelle, ich bin jetzt seit vier Wochen auf Rooiklip. Es war mein großer Wunsch, die Zeit zwischen Abitur und Studium in Afrika zu verbringen. Ich habe vor, Tiermedizin zu studieren, und hier bietet sich die beste Möglichkeit, in direkten Kontakt zu Wildtieren zu kommen. Durch etliche TV-Sendungen ist die Nachfrage an Volontär-Stellen sehr groß, und die Suche gestaltete sich schwierig. Dann habe ich in der RHEINPFALZ von Lore und der Farm gelesen, ihr gleich geschrieben. Erzählt, was mein Traum ist. Sie hat geantwortet, dass ich kommen darf. Zwei Wochen später hatte ich meinen Flug gebucht. Es ging alles so schnell – und jetzt bin ich hier. Ich bin mit offenen Armen empfangen worden und fühle mich wohl. Auch wenn ich etwas Zeit gebraucht habe, um mich einzugewöhnen. Aber jetzt habe ich meine festen Aufgaben. Kümmere mich um die Tiere, helfe beim Gästebetrieb. Und Lore ist lieb zu mir – wie eine Omi eben. Ich komme gerade von den Schafen und Ziegen. Heute Nacht sind drei Jungtiere geboren worden. Nächste Woche gehe ich auf Tour – hoch zum Etosha-Park, da gibt es auch viele Tiere. Es ist verrückt, die Tage vergehen wie im Flug. So, ich sage jetzt Tschüss. Und gebe an Lore zurück. Hallo, ich bin’s wieder. Ja, es ist gut, dass Michelle drei Monate hier ist. Praktika unter vier Wochen kann man vergessen. Bis die jungen Leute drin sind, sind sie auch schon wieder weg. So ist sogar Zeit, noch was zu unternehmen – wie Michelle es jetzt macht, die auf Safari geht. Frans und ich nehmen sie auch überall mit hin. Wir waren in Swakopmund, in Walvis Bay – inklusive Fahrt um die Lagune mit den prächtigen farbigen Salzgewinnungsbecken, raus bis zum Atlantik nach Pelikan Point. Auch einen Windhoek-Einkaufs-Marathon hat Michelle hinter sich. Der ist hart. Beim Einstieg in das Leben hier hat sie etwas gekämpft – die vielen Eindrücke, etwas Heimweh ... Es braucht seine Zeit, bis man sich an die Weite und Größe der Landschaft gewöhnt hat, und an diese absolute Stille. Aber Michelle ist angekommen. Sie kümmert sich mit um die Tiere. Sie war beim Impfen der Ziegen und Schafe dabei. Und ich habe sie zum „Poolgirl“ ernannt. Das heißt, sie ist zuständig für einen sauberen Pool und die darum befindlichen Sitz- und Liegeflächen. Bei der Pflege der Gästezimmer – wenn Gäste abreisen, wird alles geputzt und frisch bezogen – und der beiden Küchen in der Lapa hilft sie tatkräftig unserer Angestellten. Sie erlebt hautnah die Arbeitslust oder -unlust unserer Leute. Viele kommen ja mit einem verklärten Blick hierher, denken immer „die armen Schwarzen“ – aber die wissen, was sie wollen, was nicht. Von ihrem Selbstbewusstsein können sich junge Menschen aus Deutschland noch eine Scheibe abschneiden. Umgekehrt versuche ich – wie jetzt mit Michelle – ein bisschen deutsche Ordnung und Sauberkeit an die Frau oder den Mann zu bringen. Oft vergeblich. Es treffen halt unterschiedliche Kulturen aufeinander. Ein spezielles Programm nur für Praktikanten haben wir nicht, sie müssen bei allen anfallenden Arbeiten mithelfen. Da kommt jeden Tag etwas Unverhofftes, das zuerst erledigt werden muss, bevor es zu einer Routine-Arbeit geht. Grundsätzlich gilt die Regel, dass männliche Praktikanten beim Bau und beim Autoreparieren helfen, während weibliche Praktikantinnen mehr in Hauswirtschaft und Gästebetrieb eingesetzt werden. Ich nehme übrigens nur Praktikanten auf – da bin ich ganz ehrlich – wenn mir danach ist. Junge Menschen aufnehmen ist auch eine Aufgabe für Frans und mich – und wir haben Verantwortung. Wir müssen sie in das Leben hier einweisen. Michelle fängt jetzt übrigens schon Skorpione. Ich habe ihr gezeigt, wie man im richtigen Augenblick ein altes Marmeladenglas über die Tiere stülpt. Verfüttert werden die Skorpione an Penny, unser Erdmännchen. Die Säugetiere mit dem putzigen Gesicht sind Spezialisten für Giftschlangen und Skorpione. Gut, Penny ist für ein Erdmännchen uralt. Mit Schlangen nimmt er es nicht mehr auf. Aber einen Skorpion knabbern, das geht immer noch.

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