Oberotterbach RHEINPFALZ Plus Artikel Ehepaar wagt Abenteuer und fährt mit Traktor in die Türkei: Das ist ihr Plan

Deutz D 25, Baujahr 1961: Mit 20 PS gen Türkei.
Deutz D 25, Baujahr 1961: Mit 20 PS gen Türkei.

Treffen sie Bären in Kroatien oder landen sie versehentlich auf der Autobahn in Istanbul? Birgit und Alfred Getto sind unterwegs in die Türkei – mit ihrem Traktor.

Die beiden freuen sich auf die Tour und sind natürlich auch aufgeregt. Wo andere das Gerüttel und Getuckere bei rund zehn Stunden geplanter Fahrzeit pro Tag vielleicht nervig finden, ist es für die Gettos Meditation und Entschleunigung. „Bei dieser Geschwindigkeit sieht man viel mehr von der Umgebung“, ist die Erfahrung der beiden.

Der kleine grüne Traktor, ein Deutz D 25, Baujahr 1961, mit 20 Pferdestärken und einer Höchstgeschwindigkeit von 18 Stundenkilometern, und ein 25 Jahre alter Wohnwagen stehen nicht mehr in Oberotterbach. Am Samstagmorgen sind Birgit und Alfred losgetuckert. Sie wollen über den Balkan in die Türkei, nach Side, einem beliebten Badeort am Mittelmeer. Seit 1988 ist Side der Urlaubsort des Paares, sie lieben die Menschen und die Gastfreundschaft, haben auch viele Freundschaften geschlossen. Ihr kleiner grüner Traktor hat kein Dach. Kein Thema für die beiden, dann genügt halt eine Kopfbedeckung.

Durchtrainiert und hochmotiviert

Albert Getto ist 70 Jahre alt, seine Frau Birgit 65 Jahre. Für ihren gemeinsamen Traum hat die Ehefrau sogar frühzeitig ihren Job aufgegeben. Durchtrainiert sind sie beide, Albert Getto hat 16 Marathon-Läufe hinter sich, hauptsächlich in Zermatt, gemanagt von seiner Frau.

3500 Kilometer ist der Weg nach Side, das zwischen Alanya und Antalya liegt. Die Gettos hoffen, die Strecke in rund 35 Tagen zurücklegen zu können. „120 bis 150 Kilometer am Tag sind zu schaffen“, sagen die beiden, die entweder im oder vor dem Wohnwagen essen oder je nach Lust und Laune in ein Restaurant gehen.

Als schwierigsten Teil sieht Albert Getto die Navigation. „Ich kann nicht ausschließen, das wir irgendwann auf einer Autobahn stehen“, sagt er und hat schon mal zusätzlich einige Karten ausgedruckt. Noch gar nicht klar ist die Fahrt durch Istanbul, aber auch das werde sich zusammen mit den türkischen Freunden finden, sagt das Ehepaar, das seit 41 Jahren verheiratet ist.

Die Frage, wie gut sich das Paar versteht, erübrigt sich angesichts dieses Vorhabens. „Ich würde das mit niemand anderem machen“, sagen beide. „Wir fahren nicht blauäugig, man muss unterwegs mit allem rechnen“, ist ihnen klar. Mit Bären, die es in Kroatien gibt, hoffentlich nicht.

Bei dieser abenteuerlichen Tour gibt es im Vergleich zur letzten eine große Verbesserung. Damit das Handy funktioniert und sie nicht mehr um Strom „betteln“ müssen, sorgen Solarpaneele und eine Powerbank für Strom. Und da die entsprechenden Armaturen am Traktor fehlen, wird die Entfernung über eine Sportuhr abgelesen. Vor unterschiedlichen Wetterverhältnissen schrecken die beiden nicht zurück, entsprechende Kleidung haben sie dabei, und dann wird der Traktorsitz halt mal zur „Badewanne“, wie sie bei der ersten Tour erlebt haben.

„Gab kein Zurück mehr“

Es ist ein Abenteuer, an dem die RHEINPFALZ wohl nicht ganz unschuldig ist. Albert Getto war viele Jahre, bis 2019, „Schlossherr“. Der Schreiner hat sich als Hausmeister im Schloss in Bad Bergzabern, dem Sitz der Verbandsgemeinde, um alles gekümmert, was anfiel oder repariert werden musste. Unter anderem hat er die nicht wenigen grünen Fensterläden des Schlosses aufbereitet. Beim Interview mit der RHEINPFALZ zu seinem Abschied 2019 wird er gefragt, ob ihm in der Rente nicht langweilig werden würde. „Wenn das passiert, nehme ich den Traktor und fahre über die Alpen“, lautet damals seine Antwort.

„Nun gab es kein Zurück mehr“, beschreibt er diesen Schlüsselmoment in seinem Buch „Wer seine Träume lebt, hat mehr vom Leben“. Und macht dann 2022 Nägel mit Köpfen. Er fährt mit Ehefrau Birgit, die zunächst gar nicht begeistert ist, mit dem alten Deutz los. Über die Alpen, über das Stilfser Joch, den mit rund 2700 Metern höchsten Gebirgspass Italiens. 1000 Kilometer in zehn Tagen auf dem kleinen grünen Traktor. Gemessen am jetzigen Vorhaben des Paares eine kleine Spritztour.

Man habe mit einem solchen Gespann eine gewisse Narrenfreiheit, haben die Gettos schon bei der ersten Reise festgestellt. Viele machen den Daumen hoch beim Vorbeifahren – und selbst wenn sich das Gespann auf Schnellstraßen verirrt hatte, habe es kein Hupkonzert gegeben.

Bis allerspätestens 14. Oktober wollen sie zurück sein, denn da ist der Flug für den Urlaub in Side gebucht. Gute Reise!

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