Mutterstadt
Neustadter Straße: Hat das Tempolimit 30 etwas gebracht?
Seit 1989 lebt Andrea Wüst-Klischat in einer der Hauptverkehrsstraßen in Mutterstadt, in der Neustadter Straße. Sie ist nah dran am Thema Verkehr, näher als ihr lieb ist. Die Häuser sind älterer Baujahre und direkt bis zum schmalen Gehweg gebaut. Fährt ein Lkw oder ein Traktor mit Gespann an ihrem Fenster vorbei, dann klirren schon manchmal die Gläser im Schrank. Das ist nicht schön, bringt sie aber nicht mehr aus der Ruhe. Auch, weil die Familie schon vor Jahren in mehrfach verglaste Schallschutzfenster zur Straßenfront investiert hat.
Als sie Ende der 1980er-Jahre in die Neustadter Straße gezogen ist, galt ein paar Jahre lang ein Lkw-Fahrverbot. „Das war eine angenehme Zeit“, sagt sie. Das Verbot wurde dann aufgehoben, und der Durchfahrtsverkehr sei stark angestiegen. Sie erinnert sich noch gut daran, als ihre Tochter für die Schule eine Verkehrszählung in ihrer Wohnstraße machen sollte. „Andere Kinder mussten für ein bisschen Straßenverkehr den Opa mit dem Fahrrad losschicken, unsere Tochter kam gar nicht mit dem Zählen hinterher“, sagt Andrea Wüst-Klischat.
„Verkehrsregeln sind keine Option“
In den vergangenen Jahren ist in Mutterstadt viel geschehen, um den Ort vor allem vom Schwerlastverkehr zu entlasten: Umfahrungsstrecken für den landwirtschaftlichen Verkehr wurden geschaffen oder Anschlüsse an die Bundesstraße 9 sowie an die Autobahn 61. „Das haben wir auch deutlich gemerkt“, sagt Andrea Wüst-Klischat. Nun klirren die Gläser im Schrank deutlich weniger, etwa dann, wenn ein Traktor, Lkw oder Bus mit erhöhter Geschwindigkeit am Haus vorbeidonnert.
Dabei ist hier nur Tempo 30 erlaubt. Im Frühjahr vergangenen Jahres erreichte die Gemeinde, dass dieses Tempolimit auch auf der Hauptverkehrsstraße gilt. Das ist nur unter bestimmten Voraussetzungen des Lärmschutzes möglich. Andrea Wüst-Klischat und ihre Familie hat das natürlich gefreut, bedeutet das doch eine geringere Geschwindigkeit, ein größeres Sicherheitsgefühl und auch etwas weniger Lärm. Doch nach nur wenigen Monaten kam die Ernüchterung: „Fast keiner hält sich an Tempo 30. Für uns gibt es beim Verkehrsfluss keinen Unterschied zu der Zeit, als Tempo 50 galt“, sagt sie. Das könne sie auch beobachten: Seit mehreren Wochen hängt in der Neustadter Straße eine Geschwindigkeitsmesstafel der Gemeinde. Stellt man sich tagsüber dorthin, dauert es keine Minute – und es wird von einem vorbeifahrenden Auto die erlaubte Geschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde überschritten. „Es ist leider so, dass für viele Autofahrer die Straßenverkehrsordnung offensichtlich optional ist“, ärgert sich die Anwohnerin. Darum wünscht sie sich außer der Geschwindigkeitsmesstafel mehr erzieherische Maßnahmen, sprich: Geschwindigkeitskontrollen mit einem Blitzer.
Gefühlte und tatsächliche Geschwindigkeit
Das wurde nun erstmals seit Einführung von Tempo 30 in der Straße am 6. März gemacht, teilt die Kreisverwaltung mit. Zwischen 7.43 Uhr und 9.13 Uhr stand der Blitzer in der Neustadter Straße und maß die Geschwindigkeit von 318 Fahrzeugen, die Richtung Ortsmitte fuhren. 26 Fahrer seien geblitzt worden. Die Auswertung hat laut Kreisverwaltung ergeben, dass beim überwiegenden Teil der Verstöße (bei 72 Prozent) die Höchstgeschwindigkeit um maximal zehn Kilometer pro Stunde überschritten worden ist. Spitzenreiter sei ein Fahrzeug gewesen, das mit 61 Sachen erwischt worden sei.
Für Alexander Kostic vom Mutterstadter Ordnungsamt sind die Ergebnisse nicht besorgniserregend. Er weiß von Bürgerbeschwerden, dass die gefühlte Geschwindigkeitsüberschreitung oft höher sei als die tatsächliche. Und das belege in dem Fall auch die Auswertung der Geschwindigkeitsmesstafel, die sich auf die Zeit von 28. Februar bis 20. März bezieht. Pro Tag fuhren demnach durchschnittlich etwa 2000 Fahrzeuge in Richtung Ortskern und rund 2300 Fahrzeuge in Richtung Ortsausgang durch die Neustadter Straße. Rund 25.000 Messungen hat das Gerät gemacht, dabei seien die durchschnittlichen Geschwindigkeiten ortsauswärts 32 Stundenkilometer und ortseinwärts 30 Stundenkilometer gewesen. Ein Ausreißer war dabei: „Ein Fahrzeug ist nachts mit über 100 die Neustadter Straße entlanggerast“, informiert Alexander Kostic. Das Gros der Geschwindigkeitsüberschreitungen war laut Auswertung nachts, in der Zeit zwischen 5 und 20 Uhr hielten sich die meisten Fahrer an das Tempolimit 30.
Messungen zeigen: Es wird langsamer gefahren
Eine solche Messung wurde im fast gleichen Zeitraum im Jahr 2022 gemacht. Damals galt noch Tempo 50. Auch hier das gleiche Bild bei der Auswertung für einen vierwöchigen Zeitraum: „Bei nur 1,63 Prozent der Messungen wurde damals Tempo 50 überschritten. Das ist ein sehr guter Wert“, sagt Kostic. Dieser basiert auf rund 23.000 Messungen (in beiden Richtungen) in den vier Wochen. Viel wichtiger aber auch hier: Durchschnittlich wurden zwischen 40 km/h (ortsauswärts) und 45 km/h (ortseinwärts) gefahren.
Das bedeutet: „Die Einführung von Tempo 30 war ein Erfolg, die gefahrene Gesamtgeschwindigkeit in der Neustadter Straße wurde reduziert“, resümiert Bürgermeister Thorsten Leva (SPD). Dennoch wurde nun auf Vorschlag der Gemeindeverwaltung die Neustadter Straße als Messpunkt in die Liste der zehn bis 15 Messpunkte in Mutterstadt aufgenommen, in denen die Kreisverwaltung zweimal im Monat ein Blitzgerät aufstellen wird, berichtet Kostic. Und auch die Kreisverwaltung kündigt an: „Weitere Messungen sind im Laufe des Jahres vorgesehen.“