Mutterstadt
Mit KuLaDig in die Vergangenheit reisen
Die Drohne wurde im Auftrag von Michael Ceranski, Vorsitzender des Historischen Vereins Mutterstadt, und seinem Projektteam gen Himmel geschickt. Aus luftiger Höhe wurde ein Video von einem Flug über die Gemeinde gemacht, das der Einstieg für einen virtuellen Rundgang sein soll. Wie berichtet, hat sich Mutterstadt erfolgreich als Modellkommune bei dem Landesförderprogramm KuLaDig beworben. KuLaDig steht für „Digitale Erfassung und Präsentation von Kulturlandschaften in Rheinland-Pfalz“ (siehe „Zur Sache“). Mit diesem sollen zunächst interessante Informationen zu zwölf historischen Stätten und Personen Mutterstadts digital und multimedial aufbereitet werden. „Viele Bürger wissen wenig über die Geschichte ihres Heimatorts“, ist Michael Ceranski überzeugt. Für sie und für Interessierte von außerhalb soll das alles gemacht werden.
1000 Euro hat das Projektteam, zu dem neben Michael Ceranski und Robert Liebhart vom Historischen Verein auch die Gemeindearchivarin Christina Wolf sowie der Gemeinde-Pressesprecher Michael Hemberger gehören, zur Verfügung. Vor einigen Wochen wurden die Arbeiten für KuLaDig konkret. Feenja Tscheulin und Eve Gadomski, zwei Lehramtsstudentinnen der Universität Koblenz, unterstützten das Team bei der Verarbeitung der bereits zusammengetragenen historischen Informationen für die KuLaDig-Datenbank.
Der Rundgang mit den zwölf Stationen lag quasi schon in der Schublade von Michael Hemberger, der diesen grob schon einmal zusammengestellt hatte. In stundenlanger Kleinarbeit wurden nun detaillierte Informationen aus der Mutterstadter Chronik, die zur 1250-Jahr-Feier im Jahr 2017 erstellt wurde, herausgesucht. Jedes der vier Projektteam-Mitglieder widmete sich drei bis vier Stationen des Rundgangs und durchforstete die Chronik nach Fakten. Auf dem Rundgang liegen unter anderem die protestantische Kirche, die Neue Pforte, der Alte Friedhof und das Grab der Brezelfrau, das Palatinum, das Arreste-Haus oder der Lokalbahnhof für den „Feurigen Elias“.
Klage der Brezelfrau lauschen
„Das schwierigste war, zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten die Essenz herauszuarbeiten“, berichtet Michael Ceranski. Die Luftaufnahme der Drohne ist der Beginn der Tour, von dieser aus soll jede Station auch von zu Hause vom heimischen Computer aus angesteuert werden. In wenigen Sekunden „fliegt“ man dann zum Beispiel in die protestantische Kirche, kann dort anhand von 360-Grad-Fotoaufnahmen umherwandeln oder mit Pfarrer Heiko Schipper in den Glockenturm hinaufsteigen und den fünf Glocken bei ihrem Geläut lauschen.
Jede Station soll auf besondere Weise dargestellt werden. „So haben wir ein Video gemacht, in dem die Orgel der protestantischen Kirche von innen betrachtet werden kann“, erzählt Michael Hemberger. Die Inschrift auf dem Grab der Bäckersfrau Maria Salome Biebinger, die auf dem alten Friedhof in Mutterstadt begraben liegt, wurde von der Studentin Eve Gadomski eingelesen und ist als Audio-File zu hören. Die Inschrift erzählt ausführlich vom armen Leben der Brezelfrau und sei entsprechend leidvoll vorgetragen worden. Auf dem Gelände des Alten Friedhofs befanden sich schon zu Zeiten der Römer und Franken Begräbnisanlagen. Noch berühmter war der Mutterstadter Ernst Bohlig. „Er war der Arnold Schwarzenegger von Mutterstadt und Ende des 19. Jahrhunderts der stärkste Mann der Welt“, erzählt Michael Ceranski. Über seine Geschichte schlägt das Team den Bogen zum AC Mutterstadt, dessen Gewichtheber in der ersten Bundesliga antreten. „Dafür haben wir eine Gewichtheberin beim Training gefilmt.“
Zeitzeugen berichten
Die Rekonstruktion der 1838 errichteten Synagoge in Mutterstadt soll verlinkt und kann dann online angeschaut werden. Die Synagoge wurde in der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 niedergebrannt. Die Zeitzeugin Irmgard Metzger berichtet in einem Interview, wie sie die Zeit damals, in der Juden auch in Mutterstadt verfolgt wurden, erlebt hat. Eine weitere Zeitzeugin ist Gertrude Wentz. „Sie berichtet sehr detaillierte von ihrer Jugend in Mutterstadt“, informiert Michael Ceranski. Auch der ehemalige Bürgermeister Ewald Ledig soll in einem Interview zu Wort kommen und über den Bau des Palatinums, eine weitere Station, berichten. Das Veranstaltungshaus mit Turnhalle für die TSG Mutterstadt und einem eigenen Gastronomiebetrieb wurde 1998 gebaut. Altbürgermeister Hans-Dieter Schneider (SPD) soll zum „Feurigen Elias“ interviewt werden. So hieß die Lokalbahn im Volksmund, die bis 1955 zwischen Ludwigshafen und Meckenheim fuhr.
Und wer kennt eigentlich noch das Untere Tor beziehungsweise die Untere Pforte? Wohl kaum einer. „Es befand sich in der Oggersheimer Straße, Höhe Ruchheimer Straße, dort, wo sich einst die Gaststätte ,Zur Unteren Pforte’ befand“, weiß Michael Ceranski. Dieses Tor, das im Mittelalter der Eingang von Mutterstadt war und in dem wahrscheinlich die Zölle für Waren erhoben wurden, soll von dem Künstler Michael Kunz mit einer Zeichnung visualisiert werden.
Das Team möchte möglichst viele digitale Möglichkeiten nutzen, um den Bürgern, aber auch Außenstehenden und Interessierten einen Blick hinter die Kulissen von Mutterstadt zu geben. In einem ersten Schritt soll dieser Rundgang, der im Zentrum Mutterstadts ist, für die KuLaDig-Datenbank ausgearbeitet werden. Michael Ceranski betont, dass das der Anfang ist und die Datenbank mit weiteren Informationen und kreativen Ideen, die die Geschichte Mutterstadts erlebbar machen, erweitert werden kann. So könne er sich vorstellen, dass ein weiterer Rundgang größere Kreise in und um Mutterstadt zieht und zum Beispiel auch das Wahrzeichen, den Wasserturm, mit einbezieht. Auch könnte mit dem Projekt das historische Museum im Alten Rathaus digitalisiert werden. Ein Anliegen, das der Schirmherr, Bürgermeister Thorsten Leva (SPD), gerne vorantreiben möchte und das mit KuLaDig auch gut umgesetzt werden könnte.
Unterstützung erwünscht
„Auch weiterer Input von Bürgern ist ausdrücklich erwünscht“, betont Michael Ceranski. So habe sich ein Mutterstadter schon an ihn mit der Idee gewandt, Geocaching, eine Art Schnitzeljagd mit GPS-Geräten, durch Mutterstadt zu erstellen. Das sei natürlich eine tolle Art und Weise, auch Jugendliche für die Historie zu begeistern. „Wir haben noch viele Ideen, und denkbar ist vieles“, sagt Michael Ceranski. Doch leider mussten die vier Aktiven schon feststellen, dass ihnen das Budget Grenzen setzt. Darum würde man sich sehr freuen, wenn das Projekt auch noch von anderer Seite finanziell unterstützt werden würde.
Wenn all die Daten einmal in die Software von KuLaDig eingepflegt sind, können diese auf verschiedene Wege abgerufen werden, zum Beispiel über die Homepage von Mutterstadt oder über QR-Codes an den jeweiligen Stationen. Michael Ceranski hofft, dass das bis Ende des Jahres geschafft ist. „Dann möchten wir auch eine Einführung für die Bürger anbieten“, informiert er weiter.
Noch Fragen?
Wer noch mehr Infos zum KuLaDig-Projekt erfahren oder das Team mit Know-how oder finanziell unterstützen möchte, der kann sich per E-Mail an Michael Ceranski wenden: hv-mutterstadt-ceranski@outlook.com.
