Schifferstadt / Waldsee
Leute im Landkreis: Ingo Böhn eilt zu den Kleinsten
Die Idee entstand in der Zeit, in der Ingo Böhn Oberarzt am Mannheimer Universitätsklinikum war. Dort habe er den Bedarf für so ein spezielles Rettungsfahrzeug erlebt: „Wir wurden immer wieder bei Einsätzen mit Kindern von den Notärzten hinzugerufen“, berichtet er. Doch das seien oft frustrierende Einsätze mit Reanimationen gewesen. „Aufgrund des Zeitverlusts, bis wir vor Ort waren, konnten wir meist nicht mehr viel bewirken“, erzählt er. Dank einer Spende der Mannheimer Adler konnte dann ein solches Kinder-Noteinsatzfahrzeug (NEF) erstmals angeschafft werden. 1999 ist er dann ans Speyerer Diakonissen-Krankenhaus gewechselt und konnte dort auch bald eines fest im Rettungsdienst integrieren, das auch im Rhein-Pfalz-Kreis Einsätze fährt. Das war vor 20 Jahren. Damals war das nur mit Spenden möglich, die von dem zeitgleich gegründeten Förderverein Kindernotarztwagen generiert werden.
„Die Krankenkassen zahlen ein solches Einsatzfahrzeug nicht, leider. Ein Argument dafür ist, dass die entsprechenden Utensilien auch in einem Notarztwagen seien, was aber nicht ganz stimmt“, sagt der Kinderarzt. Doch es gehe nicht nur um das Equipment, sondern um das spezielle Wissen des Kinderarztes, der anrückt. Ein Kinder-NEF biete einen zusätzlichen Dienst für die eh schon dünne Notdienstsituation, und das könne für die Kleinsten lebensrettend sein. Aus seiner Sicht müsste es viel mehr Kindernotarztwagen geben. „Unikliniken könnten das Personal dafür stellen, doch leider ist das Interesse nicht da. Hinzu kommt, dass Kinderärzte meist keine Notfallmediziner sind“, sagt Ingo Böhn.
Herztod des Vaters Grund für Berufswunsch
Dass er Arzt werden wollte, stand für ihn schon früh fest. „Als ich 16 war, ist mein Vater mit 44 an einem Herzinfarkt gestorben, damals wusste ich noch nicht einmal, was das ist.“ Der frühe Tod des Vaters war ein Einschnitt in seinem Leben, Er begann, sich mit Medizin zu befassen, trat beim Deutschen Roten Kreuz ein und absolvierte die Ausbildung zum Rettungssanitäter. Dabei erlebte er auch Einsätze mit Kindern, „und die waren immer mit einem großen Fragezeichen verbunden“, erzählt er. Wie kann man herausfinden, was so ein schreiendes oder eben nicht mehr schreiendes Kind hat? Es gab zwei Möglichkeiten: „Entweder man ignoriert diese Angst oder man packt es aktiv an und lernt es richtig.“ Dabei stand für ihn am Anfang seines Medizinstudiums noch gar nicht fest, dass er Kinderarzt werden wollte. Doch der Professor, der die Vorlesungen für Kindermedizin gehalten hatte, begeisterte ihn dann endgültig für das Fach. Nach seinen Studienjahren in Marburg, Mannheim und Heidelberg praktizierte er als Oberarzt an der Uniklinik Mannheim und am Speyerer Diakonissen-Krankenhaus und blieb bis heute Notfallmediziner.
Seit 2007 führt Ingo Böhn eine Kinderarztpraxis in Schifferstadt. „Das hat sich so ergeben“, gibt er zu. Die Praxisübernahme kam zum richtigen Zeitpunkt, denn ganz so glücklich war er mit dem Dienst im Speyerer Krankenhaus nicht mehr. „Manchmal wird man mehr geärgert, als einem lieb ist“, sagt er nur, gibt aber auch zu, dass der zeitintensiven Klinikalltag ab einem bestimmten Alter eben mehr stresst. Nachtdienste, Schlafmangel, viele Schicksale, die mit einem nach Hause gehen, und kaum Zeit für die Familie – „das alles vermisse ich nicht mehr“. Nun hat er mehr Zeit. Seine drei Kinder sind zwar schon aus dem Haus, aber der 59-Jährige ist bereits zweifacher Opa von Dreijährigen. „Da wird man auch ordentlich eingespannt“, sagt er und lacht.
Ehefrau ist wichtige Stütze
Ganz hat er dem Krankenhausbetrieb aber nicht den Rücken gekehrt, dreimal in der Woche führt er als sogenannter Konsiliararzt Endoskopien am Speyerer Diakonissen-Krankenhaus durch. Auf der einen Seite der fachlich sehr interessante Klinikalltag, auf der anderen Seite der geregelte Praxisbetrieb – Ingo Böhn möchte keine dieser beruflichen Phasen missen. Beides habe schöne Seiten: In der Mannheimer Uniklinik waren es zum Beispiel die anspruchsvollen Fälle wie die zum Teil hochriskante ECMO-Therapie, die künstliche Lunge bei Neugeborenen. In der Praxis sei es die Beziehung zu den Patienten. „Hier begleite ich die Kinder durch ihre Lebensphasen, manchmal kommen sie dann schon mit ihren Kindern, das ist toll“, sagt er. Das sei eine ganz andere Art der Medizin, viel persönlicher.
So ein Leben im Dienst der Medizin muss von der Frau und der Familie mitgetragen werden, sagt Ingo Böhn, der in Waldsee lebt. „Zum Glück kennen meine Frau und ich uns schon seit der siebten Klasse, sie ist Krankenschwester, so können wir uns auch fachlich austauschen – das ist Gold wert. Auch, um das zu verarbeiten, was man erlebt. Ohne meine Frau hätte ich das alles nicht machen können“, sagt er dankbar. Wie oft sind private Ausflüge ins Wasser gefallen, weil der Piepser angegangen ist, da hängt dann auch schon mal der Haussegen schief, sagt er ganz offen. Dennoch: „Es war der richtige Weg, ich würde es genauso wieder machen. Ich bin überzeugt, ich habe den abwechslungsreichsten Beruf, den es gibt.“
Mit 60 ist noch lange nicht Schluss
Natürlich gab es auch schreckliche Einsätze: Tief eingebrannt hat sich das Bild von einem eineinhalbjährigen Kind, das von einem Hund gebissen wurde. „Das halbe Gesicht war weg. Das Kind hat es überlebt. Schon damals habe ich gefragt, wie es sich je sozialisieren kann.“ Unfälle mit Kindern hängen auch ihm als erfahrener Arzt nach: „Wenn ein kerngesundes Kind, das eben noch fröhlich herumgesprungen ist, plötzlich vom Auto überrollt wird, da gibt es keinen Trost“, sagt er.
Aber es gab auch unvergessene Einsätze, die glücklich ausgegangen sind: Der Kinderarzt war privat unterwegs, als er auf der Gegenfahrbahn der A65 als erster einen Unfall sah. Er rief den Rettungsdienst und eilte zur Unfallstelle. „Der Patient war schwerst verletzt und erlitt einen Atemstillstand in dem Moment, als der Rettungswagen eintraf. Der war aber nur so schnell da, weil ich diesen so schnell gerufen hatte. Das war schicksalhaft, denn ich war dort nur unterwegs, weil auf der anderen Strecke Stau war.“ Der Mann hat seinen Retter ausfindig gemacht und später besucht. „Das hat mich sehr gefreut.“
Dieses Jahr wird er 60, da denken andere schon an den Ruhestand. Ingo Böhn winkt ab: „So lange ich schneller vor Ort bin als die Jungen, mache ich weiter“, sagt er und lacht.