Schifferstadt
Leben bis zuletzt: Kurzbesuch bringt Trost
Für Annemarie und Alfred Kauczor war es eine schwere Entscheidung, ihre schwerkranke Tochter in die Senioren-Residenz St. Johannes in Schifferstadt umziehen zu lassen. Denn das Ehepaar aus Waldsee hatte die Tochter über viele Jahre hinweg gepflegt und versorgt, „dann ging es nicht mehr“. Annette Borger war im Alter von 36 Jahren erkrankt. Starke Gewichtsabnahme, ein Hörsturz, dann die Diagnose: Neurofibromatose. Gutartige Tumore wucherten unablässig in der Hirnhaut der Mutter zweier damals noch kleiner Kinder.
Ein langer Leidensweg begann mit vielen Operationen in Freiburg, Reha, vorübergehender Besserung, erneutem Ausbruch. Schließlich war die junge Frau halbseitig gelähmt, saß im Rollstuhl, musste künstlich ernährt werden. „Wir waren überall dabei und schon manchmal am Limit“, sagt Annemarie Kauczor rückblickend. Im November 2018 schließlich zog ihre Tochter ins Haus St. Johannes. Und hier kam schließlich auch Elisabeth Eckrich ins Spiel.
Die 70-jährige pensionierte Lehrerin ist schon seit gut 16 Jahren ehrenamtlich beim Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst (AHPB) Südlicher Rhein-Pfalz-Kreis tätig. „Durch das Erleben von Sterben in der Familie und im Freundeskreis“ sei sie zu dieser Aufgabe gekommen, sagt die Schifferstadterin. Und sie ist mit Leib und Seele dabei, wie Barbara Haas, eine der drei hauptamtlichen Hospizfachkräfte im AHPB, betont.
Die Zusammenarbeit hat Tradition
Der Dienst hat seinen Sitz in Schifferstadt, zu seinem Einzugsgebiet gehören Mutterstadt, Limburgerhof, Böhl-Iggelheim, Neuhofen sowie die Verbandsgemeinden Dannstadt-Schauernheim und Römerberg-Dudenhofen. Träger ist die ökumenische Sozialstation Schifferstadt. Die Zusammenarbeit mit den Alten- und Pflegeheimen der Umgebung hat Tradition. Sie ist seit einigen Jahren sogar verpflichtend, es gibt Kooperationsverträge. „Wir fragen oft schon beim Einzug die neuen Bewohner und die Angehörigen, ob eine Begleitung gewünscht ist“, erläutert Rebekka Ramisch, die Leiterin des Betreuungsdienstes in St. Johannes. Und eine der Ehrenamtlichen, die Schwerkranke und ihre Angehörigen begleiten und unterstützen, ist Elisabeth Eckrich.
Jeden Tag, außer an den Wochenenden, hat die 70-Jährige Annette Borger besucht, ein gutes Jahr lang. Das ist eher unüblich, in der Regel finden diese Besuche ein- bis zweimal die Woche statt. Doch Annette Borger habe sich nur kurz konzentrieren können, lange Besuche seien nicht möglich gewesen. Sie haben zusammen gesungen, als dies noch ging, erzählt Elisabeth Eckrich. Oder einfach nur erzählt: „Sie konnte sich ja zuletzt nicht mehr äußern, aber ich habe an ihrer Mimik erkannt, was sie braucht.“
Die Eltern wussten nichts von dem Angebot
Die Chemie zwischen den beiden habe sofort gestimmt, sagt Barbara Haas – ein wichtiger Aspekt bei der Begleitung Schwerkranker. „Das war für uns ganz wichtig, wir wussten, es ist immer jemand bei unserer Tochter“, sagt Alfred Kauczor, der mit seiner Frau ebenfalls täglich nach Schifferstadt fuhr. Ganz toll findet seine Frau Annemarie, dass Elisabeth Eckrich immer Notizen hinterlassen habe, wie der Zustand der Tochter war, was sie zusammen gemacht haben: „Das habe ich alles gesammelt und abgeheftet.“
Dass es einen solchen ambulanten Dienst gebe, hätten sie vorher gar nicht gewusst, sagen die Eltern. „Das war für uns eine solche Entlastung, dass immer jemand da ist“, sagt Alfred Kauczor. Und die Beratung durch die hauptamtlichen Hospizfachkräfte hätten ihnen auch viele Ängste genommen, zum Beispiel wenn sie unsicher waren, weil ihre Tochter die künstliche Ernährung nicht vertragen habe und diese eingestellt werden sollte. Und schließlich vermittelte der Dienst zuletzt auch die Behandlung durch einen Palliativmediziner der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) aus Neustadt.
Eine verantwortungsvolle Aufgabe
Auch für die Pflegekräfte in der Senioren-Residenz ist die Hilfe des AHPB eine Unterstützung. „Wir pflegen die Bewohner natürlich, aber wir haben nicht immer die Zeit, sich auch mal in Ruhe zu ihnen zu setzen zum Beispiel“, sagt Pflegefachkraft Edita Kienleitner. Es sei schön, dass es die ehrenamtlichen Helfer des Hospizdienstes gebe.
Im vergangenen April ist Annette Borger schließlich verstorben, im Alter von nur 52 Jahren. Ihr Tod geht auch Elisabeth Eckrich sehr nah, „das hakt man nicht einfach ab nach der langen Begleitung und dem engen Kontakt“. Die Helfer können im AHPB Supervision in Anspruch nehmen, oder auch eine Auszeit einlegen, sagt Barbara Haas. Bei Gruppenabenden und Fortbildungen würden sie vorbereitet und unterstützt. Um auch Kraft zu tanken für die verantwortungsvolle Aufgabe, über die das Ehepaar Kauczor sagte: „Dieser Einsatz für unsere Tochter ist für uns auch ein Trost.“