Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Kita-Plätze: Verzweifelte Eltern auf der Suche

Abenteuer Kita-Platz-Suche: Für Eltern in Mutterstadt kann das zur nervenaufreibenden Zitterpartie werden.
Abenteuer Kita-Platz-Suche: Für Eltern in Mutterstadt kann das zur nervenaufreibenden Zitterpartie werden.

In Mutterstadt fehlen schon seit einigen Jahre viele Kita-Plätze. Derzeit sind es etwa 80, zu Spitzenzeiten waren es über 100. Ab kommendem Kita-Jahr wird es keine Plätze für unter Zweijährige geben. Wieder keine guten Nachrichten für berufstätige Eltern. Nun hat sich eine Kita-übergreifende Elterninitiative gebildet. Sie will den Druck auf die Kommune erhöhen.

„Es geht um Existenzen. Unsere Arbeitgeber warten auf uns, ihnen fehlen Fachkräfte“, sagt Nicole Mink von der Initiative Mutterstadter Kita Eltern (IMKE). Die Not der Eltern sei groß. Mit vereinten Kräften möchte man auf die Situation aufmerksam machen. Das Besondere ist, dass die Initiative Kita-übergreifend ist. Der Bedarf unter allen Mutterstadter Eltern von Kita-Kindern, sich auszutauschen, sei groß. Zunächst ging es um das Thema Essen in den Kitas. Das war im März 2023. „Bei dem Austausch haben wir gemerkt, dass viele die gleichen Themen beschäftigen“, berichtet Nicole Mink. Es sei sehr aufwendig und nervenaufreibend, einen Kita-Platz zu finden, gefolgt von einer großen Planungsunsicherheit, wann die Mütter oder Väter wieder in den Beruf einsteigen können. Also vernetzten sich die Eltern. Derzeit sind es zwölf Aktive mit vielen Unterstützern.

Nun eine weitere Hiobsbotschaft: Ab dem kommenden Kita-Jahr werden in den Mutterstadter Kindergärten keine Unter-Zweijährigen betreut. In den kirchlichen Einrichtungen gibt es schon länger keine U2-Plätze, informiert Wolfgang Hampel, Fachbereichsleiter Bürgerdienste bei der Mutterstadter Verwaltung. Für die Betreuung von Unter-Zweijährigen wird mehr Personal benötigt als für ältere Kinder. Anders gesagt: In einer Kita-Gruppe können mehr Kinder betreut werden, wenn sie zwei Jahre und älter sind. Mit dem Schritt möchte man die Kita-Platz-Not ein wenig abfedern.

Für Mutterstadt heißt das: Die acht U2-Plätze, je vier in beiden kommunalen Einrichtungen, fallen weg. Dafür können zwölf Über-Zweijährige aufgenommen werden. „Da wir in diesem Jahr noch Kinder unter zwei Jahren aufgenommen haben, wirkt sich die Veränderung erst in der Zukunft aus“, erläutert Hampel. Der Vorschlag für diese Entscheidung kam vom Kreisjugendamt, das die Planung der Kita-Plätze im Kreis verantwortet. Wolfgang Hampel betont, dass diese Entscheidung im Einverständnis mit der Kommune und den Einrichtungen getroffen wurde. Erst wenn sich die Kita-Platz-Situation in Mutterstadt entspannt, werde man auch wieder U2-Kinder aufnehmen können, prophezeit der Fachbereichsleiter.

Notlage nicht präsent?

Ein Betroffener ist Toni Tadic, einer der Aktiven bei IMKE. Seine Frau möchte wieder arbeiten. Das Elternpaar braucht für die Zwillinge zwei U2-Plätze. Seit Monaten telefoniert er mit Tagesmüttern – ohne Erfolg. „Ich habe bei über 40 Tagesmüttern angefragt, doch für Zwillinge hat keine gleichzeitig zwei Plätze frei“, schildert er das Problem. Nun überlegt sich das Paar, die Mutter aus Kroatien kommen zu lassen, damit sie bei der Kinderbetreuung mithilft. „Aber wer hat schon diese Möglichkeit?“

Die Mutterstadter Eltern wollen nicht einfach hinnehmen, dass der Gesetzgeber einen Anspruch auf einen Kita-Platz verspricht, aber diesen nicht hält. Mit ihrem Anliegen war die Initiative bereits bei Bürgermeister Thorsten Leva (SPD). Das Gespräch sei ernüchternd gewesen, sagt Nicole Mink. Man habe das Gefühl gehabt, dass die Notlage der Eltern nicht so präsent sei.

Dem widerspricht der Bürgermeister. „Uns ist das alles sehr bewusst“, sagt er. Die Gemeinde arbeite mit Hochdruck am Bau des Kindercampus. Der soll 2026 die Kita-Platz-Not etwas entspannen. Des Weiteren sucht die Kommune nach einem Grundstück für den Bau einer weiteren Kita und nach Immobilien, die sich für die Kinderbetreuung mit Tagesmüttern eignen. Doch das sind langfristige Perspektiven. „Wir brauchen jetzt Plätze, vor allem Ganztagsplätze“, sagt Toni Tadic.

Problem: Personalmangel

Thorsten Leva sagt: „Über allem schwebt das Grundproblem Personalmangel.“ Die Gemeinde würde bei der Suche viele Wege ausschöpfen, doch viele Kommunen suchen händeringend Personal. Die Eltern der Initiative frustriert es, dass der Personalmangel DAS Totschlag-Argument sei. „Wir glauben, dass es Möglichkeiten gibt, Personal zu bekommen. Es ist keine Lösung, den Ausbau von Kita-Plätzen wegen des Fachkräftemangels über den Kindercampus hinaus nicht deutlich weiter voranzutreiben. Andere Kommunen tun dies ja auch“, sagt Nicole Mink.

Die Eltern von IMKE haben Ideen: Ein Vorschlag der Initiative ist, Räume anzumieten, um dort vorübergehend eine weitere Kita zu betreiben. Ebenso sind sie überzeugt, dass kleinere Kitas für Erzieherinnen als Arbeitsplatz attraktiver sind. Auch sollte an den Kita-Konzepten und den organisatorischen Rahmenbedingungen gearbeitet werden. Bürgermeister Thorsten Leva kann sich vorstellen, dass kleine Kitas bei den Jobsuchenden bevorzugt werden. „Ich habe bisher aber keine Rückmeldung aus den Einrichtungen, dass die Größe der Einrichtung ein Grund ist, dass Bewerber abspringen“, sagt er. „Das meiste Personal in den Mutterstadter Kitas wurde bei uns ausgebildet oder hat bei uns bereits gearbeitet“, ergänzt Wolfgang Hampel.

Wie sieht es mit anderen Anreizen aus? Etwa mehr Geld, einem Tankgutschein oder Boni in anderer Form? Hampel gibt zu bedenken, dass die Kommune an den bundeseinheitlichen Tarif gebunden ist. „Die Zulagen, die wir den Erzieherinnen nach diesem Tarif zahlen können, zahlen wir auch“, sagt er. Außer Tarif solche Vorteile zu geben, sei schwierig. Zum einen müssten sie allen Erzieherinnen gezahlt werden, zum anderen müssen solche Mehrausgaben auch der Kommunalaufsicht gegenüber erklärt werden.

Fehlende Verlässlichkeit

Im Gemeinderat wurde immer wieder eine Wald-Kita vorgeschlagen. Eine Idee, die die Eltern von IMKE befürworten, vor allem, weil diese schnell eingerichtet werden könnte. Dem stimmt der Bürgermeister grundsätzlich zu, gibt aber zu bedenken: Eine Wald-Kita habe einen höheren Personalschlüssel, was wieder zum Grundproblem zurückführe.

Ein weiterer Wunsch der Eltern ist, mehr Verlässlichkeit bei der Betreuung in den Kitas. „Wir haben vollstes Verständnis für Krankheitsausfälle“, betont Nicole Mink. Aber auch hier stehen die Eltern unter Druck, wenn eine Kita für längere Zeit nicht die Betreuungszeit abdecken kann. „Ein Grund ist sehr wahrscheinlich die sehr dünne Personaldecke“, vermutet die dreifache Mutter.

Auch das ist der Verwaltung bewusst, betont der Bürgermeister. Vor allem in der Kita Am Alten Damm sei die Situation schwierig. Laut Verwaltung fehlen dort derzeit fünf Erzieher aus verschiedenen Gründen. Die reduzierten Betreuungszeiten sind laut Leva gemeinsam mit Eltern und Kita-Team ausgearbeitet worden. Grundsätzlich wird der Personalschlüssel einer Kita vom Kreis nach Landesgesetzen berechnet. Um Notfälle abzufedern, werden auch in Mutterstadt Aushilfskräfte eingesetzt. „Auch das behebt nicht den grundsätzlichen Fachkräftemangel“, sagt Hampel. Ein Idee sei auch, auf Kreisebene mit anderen Kommunen zusammenzuarbeiten, um Fehlbestände zu erfassen und Wege zu finden, diese auszugleichen, sagt der Bürgermeister.

Digitale Anmeldung geplant

Ein weiterer Kritikpunkt von IMKE ist das Vergabesystem der Kita-Plätze in Mutterstadt: Derzeit müssten Eltern ihre Kinder in allen Kitas anmelden. Der Abgleich und die Entscheidung, wo das Kind aufgenommen wird, sei ein großer Verwaltungsaufwand. Das sollte digitalisiert werden. „Auch ist nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die Plätze vergeben werden“, sagt Nicole Mink. Laut Wolfgang Hampel gibt es keine einheitlichen Kriterien, nach denen ein Träger ein Kind aufnimmt. Aber: Die Kommune möchte das Anmeldesystem vereinheitlichen und digitalisieren, sodass Eltern online einen Kita-Platz beantragen können.

Der Bürgermeister wünscht sich einen Schulterschluss zwischen Gemeinde und Initiative, um gemeinsam an die Probleme zu gehen. Die Gründe für den Mangel an Kita-Plätzen seien vielschichtig. Auf viele habe und hatte die Kommune keinen Einfluss, etwa auf die Bedingungen der Ausbildung zur Erzieherin, die mitunter fast fünf Jahre dauert.

Einen kleinen Lichtblick gibt es: In der Kita Haus des Kindes am Mandelgraben kann nach jetzigem Stand im vierten Quartal dieses Jahres eine Regelgruppe mit bis zu 25 Kindern eröffnet werden. Eine weitere soll in der protestantischen Kita Himmelsgarten einziehen. Die Umbauarbeiten laufen.

Mittlerweile habe es ein Treffen mit IMKE, den Ratsfraktionen und dem Bürgermeister gegeben. In einem Workshop im September sollen Lösungen erarbeitet werden. „Uns ist wichtig, dass eine externe und professionelle Moderation diesen Workshop leitet, um zu guten Ergebnissen zu kommen“, teilt Nicole Mink mit.

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