Frankenthaler Umland
Kartoffelbauern beklagen Ernteschäden durch Drahtwürmer
Der Gerolsheimer Familienbetrieb von Andreas Binder baut jährlich auf etwa 60 Hektar Kartoffeln an. Es ist das wichtigste Standbein der Firma, die Hauptkultur. Doch das Anbaurisiko werde immer größer, sagt Binder. In diesem Jahr hat ihm der Drahtwurm das Geschäft verdorben, der Schädling sei außergewöhnlich stark vorhanden gewesen. Den dadurch verursachten Ernteverlust beziffert er auf 20 Prozent. Das heißt: Für ein Fünftel der erntereifen Kartoffeln gab’s kein Geld, weil Binders Abnehmer bei der Prüfung der Ware abgewunken haben.
„Ob ein Drahtwurm eine Kartoffel angefressen hat, sieht man leider erst bei der Kartoffelprüfung nach dem Waschen“, erläutert der Gerolsheimer Landwirt. Je nachdem, wie viele Kartoffeln betroffen sind, gibt es einen Preisabzug. „Und ab einem bestimmten Prozentsatz des Befalls wird die Ernte gar nicht angenommen“, so Binder. Dann müssten auch noch Entsorgungskosten aufgewendet werden. Auf so manchem Pfälzer Acker seien daher die Knollen diesmal liegengeblieben.
Dabei sind vom Drahtwurm angefressene Kartoffeln für den Menschen nicht gefährlich, sofern die Knolle nicht innen zu faulen begonnen hat oder der Fraßgang schwarz verfärbt ist. In früheren Zeiten hat man die Bohrlöcher oft einfach weggeschnitten. Heutzutage müssen die Waren in den Obst- und Gemüseabteilungen der Supermärkte aber perfekt aussehen. Und in Jahren mit reicher Ernte wie in diesem Jahr sind die Abnehmer besonders wählerisch.
„Drahtwurm ist nicht wegzubekommen“
Der Abpackbetrieb Helma Südwest in Beindersheim ist so ein Abnehmer, er vermarktet Kartoffeln und Zwiebeln aus der Region. Der langjährige Geschäftsführer Martin Roffhack – er hat seinen Posten bereits in jüngere Hände gegeben und nennt sich jetzt schmunzelnd „Senior Consultant“ – kann einiges beitragen zum Thema Drahtwurm. „Der Schädling tritt zyklisch auf“, sagt er, „mal mehr, mal weniger stark. Wegzubekommen ist er aber nicht mehr.“ Bei Trockenheit ziehe sich die Schnellkäferlarve mit dem harten Chitinpanzer tief in den Boden zurück, und bei Regen komme sie hoch und fresse an den Wurzeln. Der Drahtwurm mag auch andere Pflanzen, zum Beispiel Salat.
Die Entscheidung, ob Kartoffelladungen bei Helma Südwest beanstandet werden, werde individuell getroffen, sagt Roffhack. „Beeinträchtigt ist die Bonität, wenn acht Prozent der Ernte mangelhaft sind. Zwölf Prozent können in Absprache mit der Erzeugergemeinschaft auch noch toleriert werden.“ Fakt sei aber, dass im Einzelhandel nur die Qualität 1 zähle. Und im Bio-Bereich zeigten die Kunden erstaunlicherweise noch weniger Toleranz, ganz nach der Devise: Jetzt zahlen wir schon mehr für die Lebensmittel, da sollen sie dann aber auch komplett fehlerfrei sein. Kartoffeln abzusortieren, beispielsweise für die Stärkeherstellung, ist Roffhack zufolge auch nicht mehr so einfach. „Oftmals verrotten die Kartoffeln schließlich aus Kostengründen auf dem Acker.“
Wirksames Mittel nicht mehr zugelassen
Gibt es denn kein Mittel gegen Drahtwürmer? Doch, sagen Roffhack und Binder, aber für dieses Mittel, ein BASF-Produkt mit dem Wirkstoff Fipronil, sei in der Europäischen Union die Zulassung als Pflanzenschutzmittel ausgelaufen. „Das puderartige Mittel war gut und konnte gut appliziert werden“, sagt der Agraringenieur. „Es wurde in die Erde gegeben.“ Die Alternativen zu Fipronil seien nicht so wirksam, bedauert Landwirt Binder und betont, dass deutsche Bauern mit den Kollegen anderer Länder konkurrierten, in denen das Mittel noch verwendet werden dürfe. Martin Roffhack beobachtet, wie die Drahtwurmpopulation und die Fraßschäden wieder ansteigen, seitdem die Zulassung verloren ging.
Klaus Amberger, Geschäftsführer der Erzeugermeinschaft Pfälzische Früh-, Speise- und Veredlungskartoffel, kann das bestätigen. „Trotz Bodenbearbeitung, Fruchtfolge und dem erlaubten Pflanzenschutz sei der Befall in dieser Saison stärker als zuvor gewesen.“ Wie stark genau der Drahtwurm die auf 7500 Hektar erzeugten rheinland-pfälzischen Kartoffeln in diesem Jahr geschädigt hat, kann er noch nicht sagen, die Daten würden gerade erhoben.
Der Drahtwurm bevorzugt verdichtete und feuchte Böden, das heißt: Felder, die häufig bearbeitet werden, sind nicht so stark befallen. „Aber“, sagt Andreas Binder, „bei jeder Bodenbewegung wird Humus abgebaut.“ Inwieweit der Klimawandel mit zunehmend trockener, wärmerer Witterung das Drahtwurmproblem verschärft, lässt sich offenbar nicht genau sagen. „Generell ist es so, dass sich Insekten bei höheren Temperaturen und warmen Wintern stärker vermehren“, sagt Klaus Amberger.
Was tun gegen die Schilf-Glasflügelzikade?
Es gibt ein weiteres Insekt, das für Bauern beziehungsweise deren Ernte eine Bedrohung darstellt: die Schilf-Glasflügelzikade. Wobei nicht das Tier an sich problematisch ist, sondern die Krankheitserreger, die von ihm übertragen werden und unter anderem Zuckerrüben und Kartoffeln unbrauchbar machen. Laut Amberger hat das erneut für deutliche Schäden gesorgt, aber das sei regional unterschiedlich gewesen. Frühkartoffeln sind von dem Problem nicht betroffen, was laut Binder dazu führt, dass mehr Bauern früher ernten wollten.
Martin Roffhack von Helma Südwest hat ein gewisses Verständnis für die Schilf-Glasflügelzikade: „Sie ist eine aussterbende Art und guckt, dass sie irgendwie überlebt.“ Aufgrund der verschiedenen Zyklen des Insekts und weil im dritten Larvenstadium der Erreger in den Boden gelange, glaubt er nicht an dessen Ausrottung. „Uns bleibt wohl nur, die Zikadenpopulation einzudämmen“, so Roffhack. Nur übergangsweise wurde den Bauern der Einsatz von Insektiziden erlaubt, auf Dauer muss eine andere Lösung her. Zumal die Zikade inzwischen auch Möhren und Rote Beete heimsucht. Roffhack berichtet von einem Forschungsantrag, der bei der EU eingereicht wurde. Das Ziel: „Der Erreger soll nicht mehr in die Zikade gelangen.“