Haßloch / Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Jungfalke: Angekommen in der Ausgewöhnungsstation

Maik Heublein kann sich dieser Tage über mangelnde Arbeit nicht beschweren. Auch dieser Uhu gehört zu seinen Schützlingen.
Maik Heublein kann sich dieser Tage über mangelnde Arbeit nicht beschweren. Auch dieser Uhu gehört zu seinen Schützlingen.

Der Falke aus dem Nest in Mutterstadt ist jetzt in der Obhut von Falkner Maik Heublein von der Ausgewöhnungsstation für Greifvögel und Eulen des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) in Haßloch. Da hätte er schon viel früher sein sollen, sagt Stationsleiter Heublein.

Es ist die Zeit der Jungvögel, und entsprechend ist Maik Heublein im Dauerstress. Ständig rufen Leute an, berichten von Vögeln, die anscheinend Hilfe brauchen – zumindest aus Sicht der Laien. Allein während des RHEINPFALZ-Besuchs klingelt dreimal das Telefon. Das Gespräch läuft jedes Mal nach einem ähnlichen Schema ab: Heublein klärt, in welchem Entwicklungsstadium der Vogel gerade ist, ob er verletzt ist und ob eine unmittelbare Gefahr besteht. Da allerdings gibt es in der Wahrnehmung deutliche Unterschiede zwischen Profis und Laien. Und die Hilfsbedürftigkeit wird meistens überschätzt.

„Grundsätzlich sollte man Wildvögel einfach in Ruhe lassen. Damit liegt man in den meisten Fällen richtig“, sagt Heublein. Hilfe auf eigene Faust verstoße auch gegen Gesetze und sei strafbar, betont der Falkner. Die Natur nehme ihren Lauf – zu dem auch gehöre, dass Vögel sterben. Das allerdings sei für Laien schwer einzusehen.

„Fünf bis sieben Eier“

„Falken legen fünf bis sieben Eier. Ein Teil der Brut stirbt, bevor die Jungvögel flügge sind. Ein weiterer Teil überlebt den ersten Winter nicht. In der Regel wird nur ein Vogel aus einer Brut ein erwachsenes, fortpflanzungsfähiges Tier“, erklärt Heublein. Auch wenn Vögel tot im Nest liegen, gelte: Menschen sollten sich auf keinen Fall nähern.

Ebenfalls normal sei, dass Jungvögel erst nach und nach fliegen lernen und bevor sie es können, auch mal irgendwo rumsitzen und „verloren“ aussehen. Und das kann durchaus lange dauern. Länger als die meisten „hilfsbereiten“ Laien meinen. Nur wenn Jungtiere auf dem Boden sitzen, erkennbar geschwächt sind und Gefahr drohe, könne es sinnvoll sein, die Vögel einzufangen. Dann aber sollten sie sofort zu Fachleuten. Das gut gemeinte Aufpäppeln auf eigene Faust sei keine Option.

Am besten in Ruhe lassen

Auch im Fall der Mutterstadter Falken sagt Falkner Heublein, habe er keineswegs Tipps gegeben, sondern geraten, dass man die Falken in Ruhe lassen oder die geschwächten Überlebenden sofort zu ihm bringen solle. Stattdessen habe die Familie gegen seinen ausdrücklichen Rat selbst versucht, den beiden aus dem Nest gefallenen oder gesprungenen Falkenküken zu helfen. Eines der beiden starb nach einigen Tagen, trotz der versuchten Hilfe.

Dann hat der überlebende Falke nach Heubleins Einschätzung viel zu viel Nähe zu Menschen erlebt. „Das mag für die Leute toll sein, wenn der auf einen hingehaltenen Stock hüpft, aber das ist kein Wildtierverhalten“, sagt der Falkner. Und wenn der Jungfalke beim Flugversuch in eine Brombeerhecke abstürzt, muss er lernen, alleine rauszukommen – oder er bleibt drin, sagt Heublein.

Mäuse müssen komplett sein

Wären die zwei Überlebenden der Fünferbrut in Mutterstadt gleich zu ihm gekommen, wären sie ärztlich untersucht und gleich behandelt worden, sagt der Falkner. Für Laien sei es unmöglich, den Vögeln wirklich zu helfen. Allein die Ernährung kann nicht funktionieren: „Falken und andere Greifvögel brauchen Mäuse, komplett mit Fell, Knochen, Innereien – nur so bekommen sie alles, was sie brauchen“, erklärt Heublein.

Er verfüttert Mäuse, die er einkauft. 35 Euro koste ein Kilo Mäuse, bis zu 1500 Euro pro Monat braucht die Ausgewöhnungsstation allein für Futter. Da gehören auch Eintagsküken dazu, weil die Mäuse alleine zu teuer wären. Für ganz kleine Vögel muss der Falkner die Mäuse klein reißen. Die größeren Vögel fressen sie alleine. 120 Turmfalken verschiedenen Alters habe er aktuell in seiner Station. Etwa 40 davon hätte man nicht bringen müssen. Sie seien wegen übereifriger Laien in der Station gelandet. Dazu kommen noch weitere Greifvögel und Eulen, die hier versorgt werden. In diesen Wochen bringen Leute jeden Tag ein Dutzend Vögel, das Telefon steht nicht still. „Ich arbeite von morgens 6 Uhr bis abends 10 Uhr durchgehend“, sagt Heublein.

Medikamente und Quarantäne

Der Mutterstadter Falke befindet sich momentan noch in Quarantäne, bekommt zweimal täglich Medikamente gegen Pilzerkrankungen und bakterielle Infektionen. Nach der Kur komme er in die Falkenvoliere, wo er mit den anderen Falken möglichst wenig menschlichen Kontakt haben werde. Ein Problem hat er noch: Die Schwanzfedern fehlen ihm. „Es könnte sein, dass ihn Krähen erwischt haben“, sagt Heublein. Die deutlich größeren Krähen töten und fressen Jungvögel seiner Größe und könnten es bei ihm versucht haben.

Je nachdem, ob die Schwanzfedern noch nachwachsen, könnte der Falke Ende August ausgewildert werden. Das gehe so: „Die Vögel, die gesund und stabil sind, kommen in eine Auswilderungsvoliere, die nach oben offen ist. Sie entscheiden selbst, die Voliere zu verlassen. Falls sie in den ersten Tagen noch nicht genügend selbst jagen, finden sie hier noch ein paar Mäuse, die ich auslege“, erklärt Heublein. Ziel sei auf jeden Fall, die Vögel wieder in ihren eigentlichen Lebensraum zu entlassen.

Noch Fragen?

Die Ausgewöhnungsstation für Greifvögel und Eulen des Nabu Haßloch finanziert sich ausschließlich durch Spenden; Bankverbindung: Deutsche Bank Neustadt/Weinstraße, Iban: DE 27 5467 0024 0063 8791 00. Auch Patenschaften mit jährlichen Beiträgen sind möglich. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.nabu-hassloch.de.

Der Jungfalke aus Mutterstadt wartet jetzt darauf, dass er in die Auswilderungsvoliere darf.
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