Leute im Landkreis
Jetzt zählen nur noch Fähre, Frau und Fritz: Jürgen Jacob verabschiedet sich aus der Politik
Wer Jürgen Jacob besucht, wird zunächst von einem lustigen Fellknäuel begrüßt. Nein, das heißt nicht Gerda. Das heißt Fritz und ist ein Rauhaardackel. Der ist drei Jahre alt und hat am gleichen Tag wie sein Herrchen Geburtstag. Das schweißt zusammen. Und so sieht Fritz auch gar nicht ein, Jürgen Jacob mit der Pressefrau alleine zu lassen. Immer schön aufpassen. Und ab und zu knuddeln lassen. Jürgen Jacob lacht. Der 68-Jährige genießt den Ruhestand – am liebsten mit seiner Frau Bärbel. Schönen Ausflügen. Schönen Urlauben. Aber so ganz ruhig ist Jacobs Ruhestand eben doch nicht. Auch wenn er jetzt die Kommunalpolitik sein lässt, gibt es immer noch die Gerda.
Keine Zeit mehr für Kommunalpolitik
Gerda ist der inoffizielle Kosename des Altriper Fährschiffs, und Jacob ist Geschäftsführer der Rheinfähre Altrip GmbH. Das möchte er zumindest so lange bleiben, bis die Gerda durch eine neue Fähre ersetzt wird. Deren Bau wird demnächst starten. Im dritten oder vierten Quartal 2025 soll sie in Betrieb gehen und Menschen, Fahrräder sowie Autos von Altrip nach Mannheim bringen und umgekehrt. „Dafür gibt es fast täglich neue Details zu klären. Jede Schraube für das neue Schiff wird besprochen. Da habe ich gar keine Zeit mehr für Kommunalpolitik“, sagt Jacob und lacht. Auch der tägliche Fährbetrieb macht Absprachen nötig. Zu tun gibt es in Sachen Fähre immer etwas. „Aber das macht mir einfach unheimlich viel Spaß. Das Schiff und die Mannschaft sind mir ans Herz gewachsen.“
Geändert hat sich trotzdem etwas, seit Jacob im Ruhestand ist: „Der Druck ist weg. Der Druck und der enge Zeitplan, den ich als Bürgermeister einzuhalten hatte.“ Und mit der Kommunalwahl am 9. Juni fällt auch die Gremienarbeit weg. Kein Kreistag mehr. Kein Verbandsgemeinderat Rheinauen mehr. In Altrip selbst ist Jacob nicht mehr aktiv, seitdem er sein Bürgermeisteramt niedergelegt hat. Das hat er 2019 vor allem deshalb getan, um etwas mehr Ruhe in sein Leben zu bekommen. Die Zeit als Ortschef war intensiv.
Nach zehn Jahren raus aus der SPD
Im November 2003 wurde Jürgen Jacob zum Bürgermeister von Altrip gewählt. Am 1. Juli 2004 begann seine Amtszeit, die bis zum 30. Juni 2019 andauerte. Die letzten vier Jahre war er nach der Gebiets- und Verwaltungsreform ehrenamtlich tätig. Altrip, Neuhofen, Waldsee und Otterstadt waren zur Verbandsgemeinde Rheinauen zusammengelegt worden. 1983 hatte er zum ersten Mal für den Gemeinderat Altrip kandidiert. Damals war er noch Mitglied der SPD. 1993 trat er aus der SPD aus. „Da ging es um grundsätzliche Fragen. Mir hat es beispielsweise nicht gefallen, wie man damals mit dem Kanzlerkandidaten Björn Engholm umgegangen ist. Auch Scharpings Haltung als Ministerpräsident zum Polderbau hat mich nicht überzeugt. Ich wollte Politik für Altrip machen. Ohne Parteivorgaben und -ideologien.“
Jacob schloss sich den Freien Wählern an, für die er seit 2004 auch im Kreistag sitzt. In Altrip war ihm der Erhalt der Infrastruktur ein Anliegen, genauso der Erhalt der Natur rund um seinen Heimatort mit den vielen Seen, die Pflege des Naherholungsgebiets und das Neubaugebiet Junkergewanne. Die Vorbereitung der Verwaltungsreform hat viel Zeit und Kraft gekostet. „Auf Ortsebene kann man gestalten, die Arbeit im Kreis ist eher formal und sachlich“, resümiert Jacob. „Richtig rund ging es eigentlich nur einmal bei der Elster-Affäre.“ Im April 2013 war der hauptamtliche Beigeordnete Michael Elster (CDU) von den Kreistagsmitgliedern abgewählt worden.
Der vom Land geplante Polderbau hat Jacob überdies seine ganze Amtszeit lang beschäftigt. Die Gemeinde Altrip wehrt sich dagegen bis heute. Der vom Land Rheinland-Pfalz angestrebte Polder soll helfen, die Städte Ludwigshafen und Mannheim vor einer sogenannten Jahrhundertflut zu schützen. Dazu würden bei einer solchen bis zu neun Millionen Kubikmeter Wasser vorübergehend aus dem Rhein in die geplante Hochwasser-Rückhaltefläche geleitet. Was von der Überlegung her gut klingen mag, bereitet den Altripern seit jeher große Sorgen: Denn durch das Fluten des Polders würde die Kommune komplett vom Wasser umschlossen – ähnlich einem Deichbruch. Mit dem einzigen Unterschied, dass der Ort selbst und die beiden Kreisstraßen nach Waldsee und Ludwigshafen nicht überschwemmt würden. Theoretisch jedenfalls. Im Ernstfall hinge das Überleben der rund 8000 Altriper davon ab, dass die Planer bei der SGD Süd in Neustadt alles absolut perfekt vorbereitet, alle Eventualitäten bestmöglich bedacht und penibel durchgeprüft haben. Und just bei der entsprechenden Planung – inzwischen sind es zwei Verfahren – sehen die Altriper gravierende Mängel, vor allem in der zugrundeliegenden Umweltverträglichkeitsprüfung und Fluchtwegeproblematik.
Nicht nur ein Kampf war zu führen
„Heute muss sich mein Nachfolger Volker Mansky damit befassen. Das konnte ich ihm leider nicht ersparen. Und er muss den Job als Bürgermeister mit all seinen Aufgaben ehrenamtlich erledigen. Das ist viel Arbeit bei einer Gemeinde von 8000 Einwohnern“, stellt Jacob fest. Er selbst war mit Ausscheiden aus dem hauptamtlichen Bürgermeisteramt pensionsberechtigt, als er sich für vier weitere ehrenamtliche Bürgermeister-Jahre verpflichtete. „Das hat geholfen. Aber Bürgermeister zu sein und einen Beruf zu haben, das ist eine absolute Herausforderung. Trotz der VG-Verwaltung hinter einem, bleiben viele Dinge vor Ort zu regeln. Grundschule, Bauhof, Friedhof – um nur ein paar Beispiele zu nenen.“
Jürgen Jacob hat nach der Schule eine Banklehre gemacht, über die Abendakademie sein Studium in Betriebswirtschaftslehre absolviert. Er hat bei den Technischen Werken Ludwigshafen gearbeitet und beim Pharmaunternehmen Roche in Mannheim – dort im Controlling in leitender Position. Dann war seine Kandidatur gefragt.„Ich habe mir zugetraut, mit Zahlen umzugehen, Gesetze zu lesen und eine Gemeinde zu leiten.“
Der Polderstreit war nicht der einzige Kampf, den Jacob als Bürgermeister geführt hat. Einen neuen Vorstoß, eine Rheinbrücke nach Altrip zu bauen, konnte er abwenden. Außerdem wehrt sich die Gemeinde gegen den Lärm schrottverarbeitender Betriebe auf Mannheimer Seite. Und Jacob selbst musste sich immer wieder gegen Privatpersonen wehren, die ihn für dies und das verantwortlich machten. Sei es der Riss am Haus nach Arbeiten am Kanal, oder weil ein Efeugewächs am Gartenzaun abstarb. „Als Bürgermeister werden einem die absurdesten Vorhaltungen gemacht, auch dann noch, wenn die Vorwürfe erwiesenermaßen unbegründet sind. Das ging teils soweit, das nicht nur ich angegriffen wurde, auch die Mitarbeiter im Rathaus und sogar meine Familie. Ich sage Ihnen, das sind Belastungen, die man erstmal aushalten muss. Über die Amtszeit hinaus.“
So manche Anekdote würde sich gut in einem Buch machen. Wie etwa die Aufforderung einer Dame, der Bürgermeister möge doch bitte persönlich einen Brief an jenen Herrn schreiben, der sein Auto immer unter ihrem Schlafzimmerfenster parke und damit ihren Schlaf störe. „Ich weiß, einige warten auf das Buch“, sagt Jacob und grinst. Doch ob das noch entstehen wird?
Der 68-Jährige hat noch so viel vor. Als echter Altriper, ehemaliger Bürgermeister und Ex-Feuerwehrmann ist er noch da und dort im Dorf engagiert, er pflegt Stammtische, unterstützt seine Frau, die Seniorenbeauftragte der Gemeinde ist. „Langweilig war mir mein ganzes Berufsleben lang nicht. Langweilig wird es mir aber auch im Ruhestand nicht.“ Urlaubsreisen werden nach Kanada und Neuseeland geplant. Das Cabrio will bewegt werden. Fritz muss an die frische Luft. Und dann gibt es eben noch die Gerda. Und die vielen Schrauben ihrer Nachfolgerin.